Der Städtename klingt gar nicht Russisch an, irgendwie deutsch. Tatsächlich soll die Stadt Ridder nach dem Deutschen Philipp Ridder benannt worden sein. Dies war ein guter Grund für den Deutschen Diskussionsclub des Sprachlernzentrums Ust-Kamenogorsk, einen Ausflug dorthin zu machen, um über die Geschichte des Städtchens und seine deutschen Spuren zu forschen.

Macht man sich von Ust-Kamenogorsk auf den Weg nach Ridder, wird die Landschaft von Kilometer zu Kilometer bergiger. Schließlich liegt Ridder in den Ausläufern des Altai-Gebirges. Zeitgleich nimmt die Bewaldung zu, eine Mischung aus weißen Birkenbäumen und dunkelgrünen Tannen, die sich beide offensichtlich gut vertragen und typisch für diese Gegend sind. In den Vororten des Städtchens fallen die zahlreichen Holzhäuser mit bunt angestrichenen Fensterrahmen auf, die kunstvoll wirken. Im Zentrum angekommen, fällt dem aufmerksamen Betrachter auf, dass mehrstöckige Wohnbauten das Stadtbild dominieren. Auch diese sind mit künstlerischen Elementen verziert. Denn die Fassaden wurden nach Entwürfen von Künstlern aus St. Petersburg in den 60er Jahren mit Klassizismus– und Renaissanceelementen versehen.

Verbindungen ins Baltikum

Ohnehin liegt das ganze Städtchen schön: es ist umgeben von Bergen, und gerade nach dem ersten Schneefall des Jahres leuchten deren Spitzen weiß. Durch das Zentrum führt eine etwa eineinhalb Kilometer lange, schnurgerade Hauptstraße, die eine einzigartige Eigenart aufweist: der Fußgängerweg befindet sich zwischen den beiden Spuren, also in der Mitte der Straße, und ist gesäumt von Birken und Tannen. Es gibt hier also eine richtige kleine „Fußgängerallee“. In Ridder ist der europäische Einfluss offensichtlich.

Die Geschichte der Stadt beginnt mit ihrem Namenspatron Philipp Ridder. Wer war dieser Mann mit dem etwas deutsch klingenden Namen? Auch wenn Informationen aus seiner Biographie im Dunklen liegen, so ist bekannt, dass er von 1759 bis 1838 lebte, Bergbau– sowie Eisenbahningenieur war, in der russischen Armee als Major diente, zwei Kinder hatte und in seinem vierzigsten Lebensjahr an Tuberkulose erkrankt ist, weswegen er sich bis zu seinem Tode aus dem Arbeitsleben zurückziehen musste. Er stammte aus der Familie eines Petersburger Goldstickerei-Besitzers. Namensforschungen vom Diskussionsklub ergaben, dass die Familie Ridder aus dem Baltikum in die damalige russische Hauptstadt umgezogen war. Es handelt sich also um eine deutschbaltische Familie. Ob Philipp Ridder Deutsch sprach, und wie stark er mit der deutschen Kultur verbunden war, kann man heute leider nicht mehr genau sagen. 1779 kam er im Rahmen einer Expedition in die Umgebung der heutigen Stadt Ridder, wo er reiche Buntmetalllagerstätten entdeckt hatte. Er gründete eine Mine und eine Siedlung für die Arbeiter, die dann 1787 seinen Namen bekamen.

Viele Deutsche kamen nach dem Krieg

Die Geschichte der Stadt ist ohne den Bergbau also nicht zu beschreiben. Bis heute ernährt der Bergbau das Städtchen. Die von Ridder gegründete Mine wurde Anfang des 20. Jahrhunderts an einen englischen Geschäftsmann verkauft, doch nach der Oktoberrevolution wurde dieser enteignet. Die Mine kam wieder zurück in Staatsbesitz. In den sozialistischen Jahren, in denen Ridder „Leninogorsk“ hieß, wurde begonnen, in großem Umfang aus den wertvollen Gesteinen Schwermetalle zu gewinnen. Werke für die Bleiproduktion (1927), Kadmiumproduktion (1935 – die erste in der Sowjetunion) und die Zinkproduktion (1966) wurden eröffnet. Alles wird heute noch produziert, lediglich die Bleiproduktion wurde vor einigen Jahren nach Ust-Kamenogorsk ausgelagert. Auch liefert Ridders Gestein das Rohmaterial für die Gewinnung von Kupfer, Silber und Gold in Ust-Kamenogorsk. Alle sind Metalle, die heute auf dem Weltmarkt zu hohen Preisen gehandelt werden.

Spuren deutscher Geschichte in Ridder setzen sich mit Beginn des Zweiten Weltkrieges fort. Denn im Rahmen der großen stalinistischen Umsiedlungsaktionen wurden auch viele Deutsche, vor allem aus dem Wolgagebiet, nach Ridder deportiert, da hier für den Bergbau und die wachsende Metallproduktion dringend Arbeitskräfte benötigt wurden. Heute berichten die Einwohner Ridders, dass diese Deutschen fleißige Arbeiter gewesen seien und zudem sehr begabt in Kunst, Literatur und Musik. Somit waren die Deutschen am wirtschaftlichen und kulturellen Leben des Städtchens beteiligt.

Hinter diesem geschichtlichen Ereignis stehen aber auch viel Leid und persönliche Tragödien. So starben während der Deportation nach Ridder viele Menschen an Hunger und Krankheiten, ganze Familien wurden auseinandergerissen. Unsere Exkursionsteilnehmerin Elena Rekida, deren Familie aus Ridder stammt, berichtet, dass die neu angekommenen Deutschen auch zum Bau von Eisenbahnlinien herangezogen worden seien, wobei ihre Großmutter eine schwere Kopfverletzung erlitt. Leute, die nicht zur Arbeit erschienen, seien einfach erschossen worden. Dennoch war die Lage der Deutschen während der Kriegsjahre in Ridder vergleichbar besser als in anderen Gegenden der Sowjetunion.

Lebendige Kultur

In Ridder lebende alte Deutsche berichten, dass die russischen Bewohner Ridders immer freundlich und hilfsbereit gewesen seien. Denkt man an das Arbeitslager in Karaganda, wo fast alle Insassen umkamen, überlebten in Ridder 90% der Deutschen. Nach einem Dekret im Jahre 1959 kehrten sogar viele Deutsche in ihre südwestrussische Heimat zurück. Noch heute leben einige Deutsche in Ridder. Die Assoziation „Wiedergeburt“ in Ostkasachstan hat hier ihren Hauptsitz und sorgt mit regelmäßigen Veranstaltungen und Deutschkursen für den Erhalt der deutschen Kultur in Ridder.

Geschichts– und Landschaftspflege

Im Zentrum des Städtchens befindet sich das Heimat– und Sachkundemuseum. Hier sind Gesteine, Pflanzen, ausgestopfte Tiere, Landschaftsreliefs, historische Dokumente und Fotos ausgestellt. Die Exponate informieren über die Flora und Fauna der Umgebung und die Stadtgeschichte. Die vergilbten Eintrittskarten stammen vermutlich noch aus sowjetischer Zeit.

Ein Stolz des Museums ist das Segment einer hölzernen Rohrleitung. Damit hat es die Stadt in das Guinness-Buch der Rekorde geschafft. Hierbei handelt es sich um die längste und größte Holzrohrleitung der Welt (Durchmesser 3,25 m). Sie wurde mit viel Mühe in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts gebaut und diente 75 Jahre zur Wasser– und Stromversorgung Ridders. Sie war ausgesprochen stabil: die aus Holz bestehende Ummantelung war damals wasserdicht, da Zwischenräume mit Hilfe von Metallringen geschlossen wurden. Heute existieren Fotos, auf denen zu sehen ist, dass doch der Zahn der Zeit an ihr nagte. Aufnahmen vom Beginn dieses Jahrhunderts offenbaren, das an vielen Stellen Wasser aus der Holzrohrleitung herausströmt. Deswegen wurde sie dann auch durch ein zeitgemäßes Eisenrohr ersetzt.

Das Museum betreibt auch einen kleinen botanischen Garten, der bereits im Jahr 1935 auf Initiative des Akademikers Keller angelegt wurde. Hier gibt es etwa 3.600 Pflanzenarten zu sehen, die aus vielen Teilen der Welt stammen, besonders aus dem Altai-Gebirge, Sibirien, China und Japan. Der Garten dient der Erforschung von nichtheimischen Pflanzen, inwieweit sie im rauen kontinentalen Klima Ostkasachstans gedeihen können. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass fast alle Arten von Heilpflanzen auch in Ost-Kasachstan gezüchtet und „heimisch“ werden können.