Julia Kling ist Autorin, Jugend- und Heimerzieherin, Studentin und in diesem Jahr auch Jugendbotschafterin der Organisation Terre des Femmes. Frauen, Literatur und geschichtliches Erbe sind Themen, die für sie eine bedeutende Rolle spielen.

Mai 2019. Der Flughafen von Nur-Sultan versinkt im warmen Sonnenlicht. Die Passagiere des Fluges nach Frankfurt am Main werden aufgerufen und reihen sich geduldig am Gate ein. An meinen Schuhen hängt noch Staub. Vielleicht ist es der Staub aus dem Heimatdorf meines Vaters, das ich tags zuvor nach 28 Jahren wieder einmal besucht habe.

Ein letzter Aufruf. Die Passagiere fangen an zu drängen. Ich bleibe entspannt sitzen, denn ich hasse es, anstehen zu müssen. Ohne mich werden sie schon nicht fliegen. Hoffentlich. Immer mehr Passagiere schlüpfen hinter die Glastür in den grauen Gang, der direkt in unsere Maschine führt. Nun stehe auch ich auf. Vielleicht sollte ich noch einen letzten Blick auf mein Handy werfen. Kann sein, dass in der Zwischenzeit neue Nachrichten kamen. Sind wir nicht alle ein wenig süchtig?

Ich bin nur noch wenige Meter von der Glastür entfernt und schalte zum letzten Mal meine mobile Verbindung ein. Meine Postfächer sind leer. Als ich den Ausschaltknopf wieder betätigen möchte, kommt tatsächlich eine neue Nachricht. Von einer Unbekannten. Sie hatte sich meine Stories über meine Rückkehr in das Heimatdorf meines Vaters auf Instagram angeschaut und ist tief berührt. „Danke für die Eindrücke“, schreibt sie. „Das war so spannend, die geliebte Steppe wiederzusehen.“ Ich klicke auf das Profil der jungen Frau und lese in der Beschreibung: „Die weibliche Sicht auf Literatur.“ Sofort bin ich neugierig und ärgere mich sogar ein wenig, dass mein Flug gleich startet und ich keine Zeit habe, mit meiner neuen Bekannten ausführlich zu schreiben. Wir wechseln ein paar Sätze, und ich verspreche ihr, mich zu melden, sobald ich wieder in Deutschland bin.

Bevor ich mein Handy vor dem Flug endgültig abschalte, erfahre ich noch ihren Namen und dass sie ganz in der Nähe von mir wohnt. Als ich den sonnenüberfluteten Flughafen von Nur-Sultan verlasse, spüre ich eine kleine Vorfreude auf das nähere Kennenlernen mit meiner neuen Bekannten.

Frau mit vielen Facetten

Julia Kling ist Autorin, Jugend- und Heimerzieherin, Studentin der Kulturwissenschaften und in diesem Jahr auch Jugendbotschafterin der Organisation Terre des Femmes – Menschenrechte für Frauen e.V. Sie ist 1989 in Kasachstan geboren und lebt seit 2007 in Deutschland. Wenn man Julia Kling zuhört, bekommt man schnell das Gefühl, dass sie eine Erfahrung und eine Weisheit mitbringt, als hätte sie bereits mehrere Leben gelebt. Das ist das Besondere an Julia Kling: Sie stellt immer wieder Fragen, forscht und hakt nach, hat keine Angst davor, Tabus zu brechen, das Unaussprechliche auszusprechen, das Unangenehme zu benennen.

Sie weiß ganz genau, „wo der Schuh drückt“, und legt den Finger ganz bewusst und selbstbewusst in die Wunde. Das macht sie mit solch einer Selbstverständlichkeit, dass man sich dadurch anstecken lässt und erkennt, dass es vielleicht der einzig richtige Weg ist, um Antworten zu bekommen. Und Julia ist ständig auf der Suche nach Antworten. Keinen Standardantworten, die bequem sind, sondern richtigen, ehrlichen Antworten, die auch mal schmerzen können. Unabhängig davon, ob sie über das Schicksal unserer Großeltern, Integrationshürden oder die Rolle der Frau in der Gesellschaft spricht.

Frauenstärke und Frauenstimmen

Bereits in der Schule stellte Julia fest, dass Literatur eine Art Lebenshilfe ist: „Die Handlung eines Buches beinhaltet immer einen Konflikt. Durch das Beschriebene kann man sich selbst begreifen, neue Ansätze finden, vielleicht sogar sein Leben verändern.“

Damals fehlte es Julia an Frauenstimmen in der Literatur: „Wie so viele Bereiche in unserem Leben schien mir die Literatur ein männerdominierter Bereich zu sein. Bis ich Marina Zwetajewa und Anna Achmatowa entdeckt habe“, erzählt sie. Ihre Literaturlehrerin war für sie ein feministisches Vorbild. Für Julias Mutter war Bildung ein absolutes Ideal. Dank ihrer Förderung und Unterstützung wurde Julia zu dem Menschen, der sie heute ist.

„Die Frauen in meinem Umfeld waren sehr stark“, erinnert sich Julia Kling an das Leben der Frauen in Kasachstan: „Sie mussten viele Dinge im Alltag gleichzeitig meistern: Haushalt, Erziehung der Kinder, Feld- und Stallarbeit, viele mussten zusätzlich noch arbeiten gehen. Ich habe das eher so empfunden: Die Frauen dürfen stark sein, aber im Rahmen der männlichen Dominanz in der Gesellschaft. Eine Karriere und berufliche Verwirklichungen wurden oft verwehrt oder hingen von der Entscheidung des Mannes in der Familie ab. Mir fehlten feministische Vorbilder im Alltag, also habe ich diese Defizite durch die Literatur ausgeglichen.“

Man darf uns der Geschichte nicht berauben

„Es ist nicht einfach, zwischen Sprachen, Ländern und Kulturen aufzuwachsen, mehrere Identitäten zu vereinen, jahrelang in Identitätskrisen zu stecken“, gibt Julia zu. „Wir müssen offen darüber reden und dürfen nicht ausblenden, dass wir zwar Deutsche sind, aber aus der ehemaligen Sowjetunion kommen und anders sozialisiert worden sind. Wir haben sozusagen zwei Identitäten.“

Als Autorin empfindet sie die Herausforderung noch größer. Beim literarischen Schaffen stellt sich die Frage, welche Themen aufgegriffen werden sollten, wie man sich treu bleibt und gleichzeitig den Anschluss an die Literaturlandschaft findet.

„Wir haben mittlerweile viele junge Autorinnen und Autoren, die sich diesen Themen widmen möchten. Aber ihnen fehlt es manchmal an Quellen und Impulsen, weil die Erfahrungsgeneration darüber schweigt“, bedauert Julia den so oft fehlenden Dialog zwischen den Generationen. Sie ist überzeugt, dass es die Verantwortung der jungen Generation ist, die Geschichte weiterzutragen.

Gleichzeitig muss die Erfahrungsgeneration akzeptieren, dass ihre Erfahrungen auch die Erfahrungen ihrer Nachkommen sind. „Man darf uns nicht unserer eigenen Geschichte berauben“, so die junge Autorin. „Wir haben das Recht zu wissen, wo wir herkommen, wie sich der Lebensweg unserer Eltern und Großeltern gestaltet hat. Daraus können wir oft ableiten, welche Auswirkungen das auf unser eigenes Leben hatte. Das trägt viel zur eigenen Identitätsbildung bei. Und uns rennt die Zeit davon. Wir können nur das weitergeben, was wir selbst auf den Weg mitbekommen haben.“

Das Erbe weitergeben

Im Februar referierte Julia Kling bei einer Tagung über das transgenerationale Trauma und ging dabei auf das Schicksal der deutschen Frauen in der Sowjetunion ein. Damit traf sie einen wunden Punkt bei den Anwesenden und löste viele Diskussionen aus. Traumatische Erlebnisse, jahrzehntelanges Schweigen, Ängste, seelische Schmerzen, Verzweiflung, stumme Gefügigkeit gegenüber der Gewalt, die Frauen erlebten (der häuslichen oder der Gewalt während der Repressalien und der Verbannung), sowie eine emotionale Abgestumpftheit aufgrund der fehlenden Möglichkeiten, das Erlebte zu verarbeiten. Themen, die in vielen Familien bis heute tabu sind.

„Wir reden die ganze Zeit darüber, was geschehen ist, aber nicht, welche Auswirkungen es hatte – auch auf unsere Generation“, beklagt Juli und fügt hinzu: „Meine Geschichte stammt von meinen Eltern und Großeltern ab, aber ich selbst habe andere und eigene Erfahrungen gemacht. Meine Erfahrung setzt da an, wo ihre aufhört.“

Es wäre schön, wenn die ältere Generation mehr Mut aufbringen könnte, um mit den Jüngeren über ihr Leben zu sprechen. Auch darüber, was sie besorgt, beunruhigt und bewegt. Viele Dinge bleiben nach wie vor unausgesprochen. „Sie sollten mehr Vertrauen zu uns haben“, wünscht sich Julia von der Großelterngeneration. Sie ist fest davon überzeugt, dass die Enkelgeneration sehr wohl dazu in der Lage ist, dieses Erbe zu tragen und weiterzugeben.

Von Katharina Martin-Virolainen

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