Das Schlimmste, das mir in Astana passierte, war meine französische Mitbewohnerin. Und das kam so: Man sagt, das Deutsche sei eine präzise und traurige Sprache. Vielleicht paßt sie gut zu mir, und ich habe deshalb deutsche Sprache und Literatur studiert und arbeite für das Goethe-Institut. Vielleicht macht uns aber umgekehrt erst unsere Sprache präzise und traurig.

Als das Goethe-Institut vor wenigen Jahren das schönste deutsche Wort suchte, reichte ich das Wort „geistreich“ ein. Ohne monetären Einsatz macht etwas, das wir besitzen, gleich ob durch Begabung, Lektüre oder Leben erworben, „reich“, „begütert“ sozusagen.

Noch nie habe ich so zärtlich an mein Land und an meine Sprache gedacht wie in der Fremde und angesichts eines vom Wohnungsmarkt Astana erzwungenen Zusammenlebens mit einer Französin. Heute, an dem Tag, an dem ich „frei“ bin und damit – Achtung! Deutsche Wortbildung! – sie auch „los“, denke ich an meine liebsten deutschen Wörter. Nummer 1: Vernunft. Für vernünftig hielt ich es, eine geteilte Wohnung einmal wöchentlich zu reinigen, den Müll regelmäßig wegzubringen, der Waschmaschine die nasse Wäsche zu entnehmen, Geschirr nach Gebrauch abzuwaschen und Besuch, der drei Monate bleibt, anzukündigen. Meine Französin hielt das nicht für vernünftig und nannte mich „diszipliniert“. Über „Disziplin“ aber schwebt die Nazi-Keule, und so bleibt nur Lieblingswort Nummer 2: Edelmut. „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, flüsterte ich mir ein, während ich Töpfe wusch und Böden wischte. Ich berauschte mich an meiner Überlegenheit und schrieb meinen Eltern euphorisch: „Wie gut habt Ihr mich erzogen!“ Ein solcher Rausch aber betäubt nicht lange, und so kam es zu Lieblingswort Nummer 3 – das auch seinerzeit den Wettbewerb gewann:

Habseligkeiten. Nach fünf Monaten packte ich die meinen. Bezahlte vier weitere Wochen, obwohl ich nicht in der Wohnung leben werde, um einen Mietvertragsparagraphen einzuhalten. Meine kasachstanischen Freunde schimpfen deshalb mit mir und nennen mich „Du Deutsche!“. Im November brach ich meiner Französin die wegen maroder Schlösser nicht mehr zu öffnende Zimmertür auf. Die Französin war kurz davor, sie einzutreten. Mit Analyse, Geduld und einer abgelaufenen Telekom-Telefonkarte öffnete ich ihre Tür. Sie lobte: „Das französische Mädchen tritt zu, das deutsche Mädchen denkt nach.“ Ich dachte lange nach, bevor ich sie im Januar fragte: „Machst Du eigentlich jemals sauber?“ „Ja“, antwortete die Französin, „aber vielleicht kannst Du es nicht sehen.“ Heute, als wir im Streit auseinandergingen, verlangte sie den Wohnungsschlüssel von mir. „Ich gebe ihn unseren Vermietern persönlich“, sagte ich. „Und ich habe die nächsten vier Wochen bezahlt.“ Sie war nicht sehr geistreich, als sie entgegnete: „Aber du hast nichts mehr hier und kommst nicht mehr her!“ „Doch doch“, sagte ich. „Aber vielleicht kannst Du mich nicht sehen.“

Maria Reinhardt

22/02/08