Die Debatte um Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache zieht aktuell weite Kreise – nicht nur in Deutschland. Auch in der Redaktion der DAZ haben eine Autorin und ein Redakteur unterschiedliche Meinungen zu dem Thema. Jeder präsentiert seine Sichtweise.

Aizere Malaisarova

Im russischsprachigen Raum wird heftig darüber diskutiert, ob man Berufsbezeichnungen mit entsprechenden Suffixen versehen soll, wenn es Frauen sind, die sie ausüben. Im Deutschen ist das relativ einfach – es reicht, nur das Suffix -in hinzuzufügen. Im Russischen ist die Lage dagegen viel komplexer. Denn hier gibt es ganz viele solcher Suffixe, und jedes hat seine Bedeutungsnuancen.

Wir definieren die drei Genera nicht wie im Deutschen durch bestimmte Artikel, sondern allein durch die Endungen. Dabei kann es jedoch zu Unstimmigkeiten kommen. Denn im Falle von Berufsbezeichnungen beispielsweise wird oft erst durch ein Nebenwort ersichtlich, wer gemeint ist – sei es durch ein Verb, ein Adjektiv oder die Endung des Familiennamens einer Person wie -owa, -ina oder -skaja. Ergebnis: Endungen in einem Satz stimmen grammatisch eigentlich nicht überein, wenn es keine Feminitive gibt (weibliche Substantivformen). Das perfekte Chaos herrscht, wenn eine Frau dann noch einen maskulinen Nachnamen hat, was im Russischen durchaus vorkommt. So konnte ich bei uns an der Uni – wenn man es eins zu eins übersetzt – sagen: „Professor Chernykh ist eine echte Experte in ihrem Bereich.“ Klingt komisch, nicht wahr?

Viele Feminitive aus anderen Sprachen entlehnt

Als der ifa-Redakteur Christoph Strauch mich eine Avtorka („Autorin“ auf Russisch) nannte, freute ich mich und war zugleich überrascht. Denn nicht in jeder Redaktion werden Mitarbeiterinnen Avtorki (Autorinnen) genannt. Auch Illustratorka, avtorka, redaktorka (Illustratorin, Autorin, Redakteurin) sind Bezeichnungen, die man nur in wenigen russischsprachigen Medien finden kann. Manche glauben, dass Feminitive von Feministinnen erfunden worden seien. Tatsächlich aber existierten sie schon immer in der russischen Sprache.

Eigentlich gehören alle Wörter, die weibliche Lebewesen ohne entsprechende Suffixe bezeichnen, auch zu den Feminitiven. Viele aus anderen Sprachen entlehnte Suffixe bilden Feminitive: -isa aus dem Französischen wie aktrisa (Schauspielerin), -inja aus dem Deutschen wie knyaginja (Fürstin), -scha, das teils aus dem Plattdeutschen entlehnt wurde, teils die Ehefrau eines Mannes bezeichnete – wie Ofizerscha (Offizierin). Manche Feministinnen im russischsprachigen Raum glauben, das in slawischen Sprachen häufig benutzte Suffix -ka solle dabei helfen, sich von diminutiven Konnotationen oder der Zugehörigkeit zu einem Mann zu entfernen.

Guten Tag, Frau Genosse!

Laut der Sepir-Whorf-Hypothese wird die Denkart einer Person stark durch die semantische Struktur und den Wortschatz ihrer Muttersprache beeinflusst. Wenn das so ist, dann müsste die kasachische Gesellschaft in höchstem Maße auf Gleichstellung bedacht sein, was aber leider nicht stimmt. Die kasachische Sprache ist nämlich genderneutral. Es gibt nur ein Pronomen ol für Sie und Ihn, und das Geschlecht der Person, über die man spricht, kann man ohne Kontext kaum unterscheiden. Trotzdem übersetzt die künstliche Intelligenz von Google entlang gängiger Stereotype: Obwohl es in einem Text nur um ol geht, arbeitet immer Er, und auf das Kind passt immer nur Sie auf. Die künstliche Intelligenz lernt von den Texten, die Menschen schreiben, und auf die Denkart und das Verhalten des Menschen wirkt ein Komplex von Faktoren.

Feministinnen behaupten, man brauche Feminitive, um Verdienste von Frauen anzuerkennen. So war es für viele eine Überraschung, herauszufinden, dass „Mathematiker Peterson“, nach dessen Büchern mehrere Generationen Mathe gelernt haben, Ljudmila mit Vornamen hieß. Dennoch möchten nicht alle Frauen ihre Weiblichkeit unterstreichen. Selbst Marina Zwetajewa, eine berühmte russische Dichterin, mochte es nicht, sich als eine Poetessa zu bezeichnen. Sie glaubte, auf solche Weise würde ihre Kunst geringschätzig angesehen. Für diese Logik muss man den sowjetischen Machthabern danken, die allerdings das Gegenteil davon erreichen wollten. Damals wollte man die Sprache unifizieren, und als eine Norm wurde das Maskulinum gewählt. Ein idealer Sowjetbürger wurde androgynisiert, die maskuline Anrede Towarischtsch (Genosse) für Frauen galt als emanzipatorisch und progressiv. Das Maskulinum erregt ja mehr Respekt, man sieht mehr Professionalität und Wert darin.

Ich sehe keine Schande darin, die eigene Weiblichkeit zu unterstreichen. Frauen haben vieles erreicht, wissen aber davon nichts, da wir in einer patriarchalen Gesellschaft leben und die Geschichte auch aus Männersicht geschrieben wird. Man sollte sich stets daran erinnern, dass es nicht nur Männer gibt, dass Frauen nicht einfach nur das „andere Geschlecht“ sind. Und Feminitive werden dabei helfen, Frauen sichtbar zu machen.

Christoph Strauch

Wo Feminitive im Russischen für mehr Klarheit sorgen sollen, sorgt die Genderisierung in der deutschen Sprache eher für Verwirrung. Der sprachregulatorische Eifer einiger Gleichstellungsinquisitoren treibt mitunter immer seltsamere Blüten. Gendersterne, Binnen-I oder die Neutralisierung jeglicher Geschlechtsmerkmale in Wörtern wie „Studierende“ sorgen für ein buntes Potpourri, aus dem sich jeder das Seine ziehen kann. Aber mal im Ernst: Was nutzt es Frauen, die unter beruflichen und sozialen Nachteilen leiden oder in den eigenen vier Wänden von Despoten unterdrückt werden, wenn ein Nachrichtensprecher mitten im Wort eine Sprechpause macht, um zu zeigen, dass sowohl Politikerinnen als auch Politiker in seinem Beitrag gemeint sind? Die Antwort darauf liefern Erfahrungen anderer Länder und Völker: Nicht viel.

Ein Beispiel ist Norwegen, das auf einem Kontinent liegt, in dem Frauen als besonders durchsetzungsstark gelten. Das spiegelt sich auch in einem vergleichsweise hohen Maß an politischer Mitsprache wider. Von den im Parlament vertretenen Parteien hat die Hälfte weibliche Parteivorsitzende. 40,8 Prozent der Abgeordneten sind Frauen. Ähnlich viele Führungskräfte in norwegischen Unternehmen sind weiblich, und auch bei den Gehältern sind die Unterschiede geringer als in den meisten anderen Ländern.

Das ist allerdings konkreten politischen Maßnahmen wie Frauenquoten und Vorschriften zur Gehaltstransparenz geschuldet, und nicht der Schreibweise von Berufsbezeichnungen. Wohl auch deshalb gibt es in Norwegen keine hitzigen Debatten darüber, dass alle Bürger des Landes – ob weiblich oder männlich – Nordmänner (nordmann, Pl. nordmenn) sind. Auch stößt sich niemand daran, dass die Verwendung des weiblichen unbestimmten Artikels ei immer unüblicher wird und alle weiblichen Wörter laut Grammatik auch mit dem männlichen en gehen dürfen.

Frau Studierende schafft es nicht ins Parlament

Geradezu ideal aus Sicht von Genderbefürwortern muss dagegen die ungarische Sprache erscheinen: Hier gibt es nur zwei Artikel – einen unbestimmten (egy) und einen bestimmten (a oder az, je nachdem, ob das folgende Substantiv mit einem Vokal oder Konsonanten beginnt). Auch das Personalpronomen der dritten Person Singular ist – wie im Türkischen oder Kasachischen – geschlechtsneutral (ő). Somit sind eigentlich per se alle Substantive und damit auch Berufsbezeichnungen neutral: eladó ist der Verkaufende, hallgató der „Hörende“, also Studierende usw.

Um trotzdem hervorzuheben, wenn es sich um eine weibliche Person handelt, die Zeitschriften verkauft, im Hörsaal sitzt, oder das Volk im Parlament vertritt, gibt es extra noch die Endung -nő („-frau“): politikusnő. Genützt hat es nichts, Ungarn hat trotzdem EU-weit mit 12,6 Prozent den niedrigsten Frauenanteil im Parlament. Und das nicht erst, seit Orbáns Fidesz mit seinen streng konservativen Gesellschaftsvorstellungen regiert – als zwischen 2006 und 2010 Sozialisten und Liberale eine Mehrheit im Parlament hatten, war der Anteil noch geringer.

Der Nutzen von Sprachregeln für die Verbesserung der konkreten Lebenssituation von Frauen ist so für mich eher zweifelhaft. Und auch für unsere Arbeit als Redakteure und Autoren kann ich mit Gendersternchen, Binnen-I und Doppelnennungen („Journalistinnen und Journalisten) nicht viel anfangen. Mit den ersten beiden Varianten, weil sie sprachlich schlicht falsch sind; mit letzterer, weil wir für einen Text nur maximal 8.000 Zeichen zur Verfügung haben. Und mit allen dreien, weil sie aus meiner Sicht den Lesefluss stören.
Freilich betrifft die Problematik hier nur die Pluralform. Ich käme nicht auf die Idee, eine Studentin als Studenten zu bezeichnen, oder eine Juristin als Juristen. Wenn ich im Alltag Russisch spreche, merke ich in der Tat, wie befremdlich mir solche Dinge sind. Unter anderem deshalb freue ich mich, meine Kollegin Aizere auch weiterhin авторка zu nennen.

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