Sprache ist mehr als Grammatik: Sie kann umschmeicheln, aber auch verletzen. Die verschiedenen Facetten der deutschen Sprache sind bis Ende November in einer Ausstellung im Staatlichen Zentralmuseum zu sehen. „Man spricht deutsch“ wurde vom „Haus der Geschichte“ in Bonn in Kooperation mit dem Goethe-Institut erarbeitet und macht nun im Rahmen des Jahres „Deutschland in Kasachstan“ in Almaty Station.

/Bild: Antonie Rietzschel. ‚Die Ausstellung ist empfehlenswert für Deutschlerner mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen. ‚/

Das Erlernen der deutschen Sprache beschreibt Feridun Zaimoglu als einen Kampf. Vor über 40 Jahren kam er mit seinen Eltern aus der Türkei nach Deutschland. Heute ist er Journalist und Schriftsteller, die einst fremde Sprache ist für ihn kein Gegner mehr, den es zu bezwingen gilt, sondern Teil seiner Identität. Die Geschichten von Feridun Zaimoglu und dreier anderer Migranten sind eine gute Einstimmung auf „Man spricht deutsch“, eine Ausstellung, die die deutsche Sprache nicht als grammatikalisches Monstrum, sondern vielmehr verspielt zeigt.

Das Spiel mit der Sprache

Die Ausstellung ist empfehlenswert für Deutschlerner mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen.

Die Besucher können sie sehen, hören aber auch anfassen. Sie versteckt sich hinter kleinen Türen und aufziehbaren Schubladen, spielt ein spannendes Frage-Antwort-Spiel: Woher kommt das Wort Anorak? Wie bellen Hunde in Deutschland, Frankreich oder England? Woher kommt der Ausdruck „Schmiere stehen“? Was sind die in deutschen Tageszeitungen am meisten genannten Wörter?

Auszüge aus dem Duden der Bundesrepublik und der DDR zeigen, dass 40 Jahre lang auch eine sprachliche Grenze durch Deutschland verlief. Für Weltreise, Menschenrechte und Arbeitnehmer finden sich im DDR-Duden keine Einträge. Während im Westen Individualismus als „betonte Zurückhaltung eines Menschen gegenüber der Gemeinschaft“ definiert wurde, sprach man im Osten von der „Vertretung der eigenen Interessen ohne Rücksicht auf die Gesellschaft, auf das Kollektiv“.

Neben Geschichte und Herkunft des Deutschen, widmet sich die Ausstellung aber auch dem sprachlichen Hier und Jetzt. Die Jugend ergreift das Wort: „Das ist Deutschland! Das Land, wo alle immer jammern, auch wenn der Himmel mal blau ist. Deutschland! Wo die Hoffnung in jedem steckt, trotzdem jeder direkt aufgibt“, so der Refrain eines Rapsongs, den ein Junge namens Mohamed geschrieben hat. Der Text hängt als Original in einer Vitrine neben dem Tagebuch eines Mädchens und deutschen Mangaheften.

Weitab von gängigen Klischees

Das Internet hat seine eigene Sprache, besonders beim Chatten sagen diese Zeichen alles.

Ein kleines Mädchen im rosa Röckchen steht vor einer Glasscheibe und bestaunt einen dahinter hängenden Pullover mit aufgedrucktem Anarchie-Zeichen – die ehemalige Uniform eines Punks. Auf einem Bildschirm steht ein dicklicher Typ auf der Bühne. In der Hand hält er einen zerknitterten Zettel. Was er sagt, ist nur zu hören, wenn man sich einen der Hörer an die Ohren hält. „Ich tue das, was alle in Berlin machen: Einfach da sein“, haucht Julius Fischer ins Mikro. Er ist einer der bekanntesten Poetry-Slammer in Deutschland, einer, dem die Sprache aufs Wort gehorcht.

„Man spricht deutsch“ ist für Deutschlerner mit verschiedenen Sprachkenntnissen zu empfehlen. Für Muttersprachler, die in Almaty leben, dürfte die Ausstellung wie eine kleine Befreiung sein. Denn das erste Mal geht es hier nicht um Automarken, Hitler, Modern-Talking oder was hiesige Taxifahrer sonst noch mit Deutschland assoziieren.

Es geht um die Vielfalt der deutschen Kultur weitab von gängigen Klischees. Es geht um die Schönheit von Sprache und darum, sie in ihrer ganzen Tiefe zu begreifen. „Sprache ist das Vehikel, um miteinander kommunizieren zu können“, sagt der Schriftsteller Feridun Zaimoglu in dem mit ihm geführten Interview. Welche schöpferische und gleichzeitig zerstörerische Kraft sie dabei entwickeln kann, ist in der Ausstellung „Man spricht deutsch“ auf eindrucksvolle Weise zu sehen.

Die Ausstellung ist noch bis zum 28. November im Staatlichen Zentralmuseum der Republik Kasachstan zu sehen. Sie ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Dienstags hat das Museum geschlossen. Wer mit seinen Studenten oder Schülern die Ausstellung „Man spricht Deutsch“ besuchen möchte, kann sich an das hiesige Goethe-Institut wenden. Von dort aus wird die Ausstellung betreut, und es ist möglich, Arbeitsblätter und einen Leitfaden für den Ausstellungsbesuch zu erhalten.

Von Antonie Rietzschel