Der bekannte russlanddeutsche Prosaschriftsteller, Literaturkritiker, Übersetzer, Publizist und Essayist Gerold Belger wird am 28. Oktober dieses Jahres 75.

/Bild: Schiler. ‚Das Haus der Heimatlosen: Herold Belgers großer Roman über die Deportation der Wolgadeutschen.’/

Mitglied des Schriftstellerverbandes der UdSSR seit 1971, Träger des Preises des Schriftstellerverbandes Kasachstans „Bejimbet Mailin“, Verdienter Kulturschaffender der Republik Kasachstan, Inhaber des Präsidentenpreises für Frieden und geistiges Einvernehmen, Mitglied des Nationalrates für Staatspolitik beim Präsidenten der Republik Kasachstan, Träger des Ordens „Parasat“… An Popularität und Anerkennung fehlt es ihm nicht. An Schaffensfreude und Talent auch. Schon über viele Jahre hinweg ist er ein Vorzeige-Literat der Republik Kasachstan, der gern als „Brückenbauer zwischen den Kulturen“ und „Bindeglied zwischen den drei Literaturen Kasachstans“ – der kasachischen, der russischen und der deutschen – bezeichnet wird, was er zweifellos ist. Und dieser Ruhm ist erarbeitet und verdient.

Auch als Vorsitzender des „Rates für sowjetdeutsche Literatur“ im Schriftstellerverband Kasachstans hat er die deutsche Literatur in der Republik wesentlich mitgeprägt. Als stets wohlwollender Kritiker, Übersetzer, Kompilator, Herausgeber und Mitherausgeber zahlreicher Bücher russlanddeutscher Autoren. Die „sowjetdeutsche“ Literatur war und ist sein ständiges Sorgenkind.

Die Beiträge des ausgezeichneten Essayisten, dessen Gedanken sich stets durch Perfektion und Klarheit auszeichnen, finden sich in über 33 Sammelbänden. In Periodika sind über 650 Artikel von ihm erschienen. Hinzu kommt ein gutes Dutzend seiner eigenen Bücher, die auch in besten Buchhandlungen der Republik kaum zu finden sind. Nicht umsonst beschloss neulich die Zeitschrift Vox populi, diese Lücke zu schließen und ein Buch der ausgewählten Werke des Schriftstellers herauszugeben, das zwei Romane – „Tujuk Su“ und „Raslad“ – sowie drei Essays umfasst. Er ist eine Fachgröße ohne Abstriche. Keine Frage. Doch um auf den kasachischen Olymp zu kommen, musste der Meister einen weiten und dornigen Weg zurücklegen…

Als Kind in die Verbannung

Er wurde in Engels, damals Hauptstadt der ASSR der Wolgadeutschen, geboren und weiß von seinen Vorfahren nicht sonderlich viel zu berichten. Einer Version zufolge stammten seine in den 1760er Jahren an die Wolga übergesiedelten Vorfahren aus dem deutschen Städtchen Belg. Einer anderen Version zufolge ist Belgen (dt. Belger) die Bezeichnung, die noch Gaius Julius Cäsar den gallischen Stämmen nördlich der Flüsse Sequana (Seine) und Matrona (Marne) gab. Sie waren in erster Linie keltischer, zum Teil aber auch germanischer Herkunft. Wie dem auch sei, die Vorfahren des Schriftstellers ließen sich im 18. Jahrhundert im wolgadeutschen Dorf Kind nieder und waren später mit unter den Begründern der Tochterkolonie Mannheim, was eigentlich auf die pfälzische Herkunft hinweist…

Belgers Großvater starb 1921 an Hunger. Er hatte sieben Kinder. Alle sieben groß gewachsen, stattlich, langbeinig, helläugig – Belgers Onkel Heinrich, Wilhelm, Friedrich, Christian, sein Vater Karl, die Tanten Emilie und Hermine. Alle Onkel kamen in der Arbeitsarmee um. Die Tanten starben in Pawlodar. Der Vater ist in Taschkent beerdigt.

1941 wurde Belger als Siebenjähriger in den Strudel der Ereignisse gerissen und mit seinen Eltern nach Kasachstan deportiert, in einen Aul am Steppenfluss Ischim. Als Staatsfeinde verschrien, entrechtet und enteignet. In seiner Jugendzeit erkrankte der Junge schwer. Aber er litt nicht nur an Knochentuberkulose. Noch heimtückischer verfolgte ihn ein ethisches, ja soziales Leiden: Mit sechzehn Jahren wurde er als Deutscher von der Sonderkommandantur erfasst und musste sich jeden Monat als „Sondersiedler“ anmelden. Diese moralische Plage empfand der junge Vertriebene als eine furchtbare Demütigung, als eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, die in die Seele des Heranwachsenden tiefe Wunden schlug. Doch abmildern ließ sich diese Willkür erst drei Jahre nach dem Tod des Kreml-Diktators.

Inmitten des Zeitgeschehens

Immerhin absolvierte Belger die kasachische Aulschule mit ausgezeichneten Noten, arbeitete als Lehrer, schaffte es sogar, ein Studium an der Kasachischen Pädagogischen Abai-Hochschule zu absolvieren. Er arbeitete als Lehrer für Russisch und Literatur, durfte nach zwei Jahren selbst die Aspirantur (Doktorantur) an seiner alma mater beziehen und konnte sich schließlich der literarischen Tätigkeit widmen.

Aber die Deportation, die Kommandantur-Schmach, die Diskriminierungen und Erniedrigungen lassen den inzwischen Fünfundsiebzigjährigen nicht los. Und sein dank seiner Lebensleistung erarbeitetes hohes Ansehen eines Deutsch, Russisch und Kasachisch beherrschenden Schriftstellers, Literaturwissenschaftlers, Kritikers, Verlegers und Mitbegründers des Kasachischen PEN-Klubs haben daran nichts geändert. So führt Belger in seinem Roman „Das Haus des Heimatlosen“ vor, welches Trauma der Verlust der Heimat für ihn bedeutet hat, sein ganzes Leben. Er macht die Deportation und Entrechtung der Wolgadeutschen, die viele Jahre nach dem Kriege nur wegen ihrer deutschen Volkszugehörigkeit sozial erniedrigt und diskriminiert worden sind, zum politisch-historischen Hintergrund des Romans.

Und das ist äußerst aktuell. Denn das unverdiente und ungesühnte Leid der Deutschen aus Russland hat auch die deutsche Öffentlichkeit noch nicht erkannt. Nur dadurch lässt sich die Tatsache erklären, dass heutzutage sogar versucht wird, die Russlanddeutschen in das Prokrustesbett der „Nazi“-Helfershelfer zu zwingen, wozu sich seinerzeit nicht einmal die Kommunisten verstiegen haben. Gerold Belger zerstört diesen Mythos. Und nicht nur mit seinem Roman „Das Haus des Heimatlosen“, sondern auch mit dem Roman „Tujuk Su“ und vielen anderen seiner Werke, deren Übersetzung ins Deutsche bestimmt eine hohe Resonanz erfahren würde.

Eines seiner Bücher, das noch zu Sowjetzeiten erschienen ist, heißt „Inmitten des Zeitgeschehens“, ein Titel, mit dem man sein ganzes Leben überschreiben könnte. In seinem Haus gehen nach wie vor unzählige Gäste aus und ein. Und es sind nicht nur Schriftstellerkollegen, Herausgeber, Lyriker und Übersetzer, sondern auch ehemalige Kommilitonen, Freunde, Gäste aus dem Ausland. Seine Korrespondenz macht den Briefträgern zu schaffen. Seine Kontakte mit deutsch schreibenden Autoren, die die ehemalige Sowjetunion für immer verlassen haben und nun in der Bundesrepublik zu Hause sind, reißen nicht ab. Er kennt die Problematik seiner Landsleute und Kollegen sowohl in Kasachstan als auch in der Bundesrepublik Deutschland. Denn er gehört zu ihnen. Hier wie dort.

Von Robert Korn

30/10/09