Für meine Ausbildung in Kommunikationspsychologie sammle ich schon mal Stoff, mit dem ich unter Laborbedingungen üben kann. Dafür muss ich nur vor die Tür gehen, S-Bahn fahren und andere belauschen. Mein erster Fall: Das Gespräch eines Ehepaares. Das Thema: S-Bahn-Fahren. Auszüge aus einem kleinen Bühnenstück.

Die Frau hat ein Problem, für das sie aber offenbar auch schon eine Lösung hat. Wenn in Lövenich die S13 zum Flughafen nicht oder verspätet kommt, nimmt sie einfach die S12, fährt bis zum Hauptbahnhof und steigt da in die S13, eine andere S13, die auch zum Flughafen fährt, aber nicht in Lövenich hält. Damit ist die Sache geritzt. Findet die Frau. Findet aber nicht ihr Mann, dem das Ganze spanisch vorkommt, der ganz genau wissen will, in was da seine Frau einsteigt, was das denn für eine S13 sein soll, die nicht in Lövenich hält.
Ja, wo kommt die denn her? Und wo endet sie? Das ist der Frau egal, Hauptsache, sie fährt zum Flughafen. Dem Mann ist das gar nicht egal, und er findet, das darf auch seiner Frau nicht egal sein. „Von Leuten, die eine S-Bahn benutzen, darf ich ja wohl erwarten, dass sie wissen, wo die herkommt und hinfährt.“ Trotzdem, es bleibt ihr egal. Punkt. Doch der Mann ist weit davon entfernt, einen Punkt zu setzen.

Also, greift der Mann die S-Bahn noch mal auf: „Wenn die S13 nach Horrem fährt …“ „Wieso denn nach Horrem? Ich will doch gar nicht nach Horrem! Was interessiert mich denn die Gegenrichtung?!“ Aber der Mann war ja noch gar nicht fertig mit seinen Berechnungen. Um mit der S13 in Lövenich bzw. am Hauptbahnhof anzukommen, muss er in Gedanken erst mal das gesamte Streckennetz abfahren. Er lässt sich nicht aus der Bahn werfen.

„Also, wenn die S13 nach Horrem fährt, muss sie ja von dort auch wieder zurück und…“ „Wieso denn zurück? Was hast du immer mit deinem ZURÜCK?“ Jetzt bin auch ich gespannt, das Geheimnis seiner umständlichen Mathematik zu erfahren. „Das Zurück ist das A und O!“ sagt er bedeutungsschwanger, und diese Aussage entfaltet durch eine dramaturgische Pause ihre ganze Wirkung. Das Zurück ist das A und O! hauche ich im Geiste nach. Das muss ich mir merken und bei nächster Gelegenheit irgendwo anbringen.

Jetzt wieder im Kontext. Das Zurück ist für unseren Fall nämlich deswegen wichtig, weil die S-Bahn, die auf der Gegenseite nach Horrem fährt, 20 Minuten später zurück … Aber jetzt ist Schluss mit „Horrem“ und „Zurück“, die Frau will nach dem siebten Durchlauf dieses Dialoges davon nichts mehr hören! Der Mann merkt, dass es jetzt ernst wird und schließt Frieden: „Wir schauen auf dem Fahrplan nach.“ Na, also! Die Frau willigt ein. Das Publikum applaudiert. Der Vorhang fällt.

Ein tolles Fallbeispiel, vor allem, wenn man das Gespräch in seiner ganzen Länge (15 Minuten) und den Tonfall mitbekommen hat, zugleich liebevoll, neckend und aufstachelnd. Wie eine Balz. Mein Bauchgefühl hat mir geboten, mich nicht vermittelnd und mit sachdienlichen Informationen einzumischen, da ich damit eine wichtige Interaktion eines eingespielten Paares gestört hätte, womöglich das Vorspiel zu einem tollen Liebesakt.

Vielleicht braucht das Paar einen kleinen Streit, um sich dann wieder zu versöhnen und vereinen. Und da sie keine wirklichen Streitthemen haben, stürzen sie sich eben auf das erstbeste, das ihnen einfällt, in diesem Falle eine S-Bahn. Wo sie herkommt, hält und hinfährt, bleibt am Ende egal, Hauptsache, sie bringt das Paar wieder zueinander.

Julia Siebert