Im Rahmen des Projekts „SRS-Selbständige Arbeit der Studenten“ entwickelte die Deutschlehrerin Natalja Salipjatskich von der Deutsch-Kasachischen Universität (DKU) einen Deutschunterricht der besonderen Art: Die Mehrheit der Studenten begeistert sich für Bücher- und Filmanalyse. Natalja Salipjatskich möchte mit diesem künstlerisch-analytischen Projekt die Studenten zum einen für die deutsche Sprache begeistern, zum anderen die jungen Leute zum eigenständigen Denken anregen.

/Der Sinn des Lebens offenbarte sich für “Elisabeth” (li.) nach dem Kauf von “Erika”./

„Wir haben bereits das Buch und den Film „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink und „Die Wolke“ von Gudrun Pausewang analysiert und verglichen“, erklärt die engagierte Dozentin, „so entwickelt sich bei den Studenten die Interpretationsfähigkeit, das strukturierte, selbständige Denken sowie die Lesekompetenz.“

Einen Höhepunkt der künstlerischen und sprachlichen Arbeit war die gesellschaftskritische Weihnachtsnovelle „Erika oder der verborgene Sinn des Lebens“ von Elke Heidenreich. Nachdem die Studenten des zweiten Studienjahrs die Novelle gemeinsam gelesen und analysiert haben, schlug Natalja vor, das literarische Werk als Theaterstück auf die Bühne zu bringen.

Die Resonanz sei umwerfend gewesen, erinnert sich Natalja Salipjatskich. Zwei Monate bereiteten sich die jungen Leute auf die Theateraufführung vor, lernten ihre Texte. Jeden Tag wurden neue Ideen der Inszenierung vorgeschlagen.

Elke Heidenreichs Novelle „Erika“ handelt von Elisabeth, einer Frau mittleren Alters, die vor lauter Arbeit und Stress ausgebrannt, desillusioniert und erschöpft ist. Verlernt hat zu leben. Hektik, Gleichgültigkeit und Konsumrausch bestimmt die Vorweihnachtszeit, als Elisabeth im KaDeWe (Kaufhaus des Westens) ein Geschenk für ihren ehemaligen Freund sucht. Ein schönes Gleichnis: Der Konsumtempel in Berlin West steht hier symbolisch für den kapitalistischen Warenkonsum. Inmitten der Feinkostabteilung überlegt sie, welche Sorte Senf von den Hundert Gläsern wohl das beste Geschenk sei. Die Absurdität dieses Dilemmas wird ihr schlagartig bewusst: es ist Weihnachten, die Geburt Jesu wird gefeiert. Menschen hungern, es gibt Elend und Leid. Wo sind die christlichen Werte wie Nächstenliebe und Wärme geblieben? Sie selbst hat verlernt, wie man wirklich lebt. Plötzlich erkennt sie, was ihr persönlicher Sinn des Lebens ist. Jemanden um sich zu haben, den man liebt.

Als Elisabeth auf ein riesiges Plüschtier in Form eines Schweins mit Namen „Erika“ stößt, ist sie sofort begeistert und kauft es. Erika ist genauso groß wie ein Mensch und hat noch dazu menschenähnliche Augen.

Die Darstellung von Erika stellte die Projektleiterin Natalja vor eine schier unlösbare Aufgabe: Wo um alles in der Welt sollte man ein lebensgroßes rosa Plüsch-Schwein herbekommen? Nichts einfacher als das: Schnell war für Nastja Kotschetkowa ein Kostüm in rosa genäht, Schweinsohren und Schweinsnase übergestülpt und fertig war die neue „Erika“.

Die Inszenierung unter Leitung von Ljubow Iwanowa und Olga Gorbatschjowa sah die Verwendung der Erzählstimme von Elke Heidenreich im Original vor, welches eine besondere Atmosphäre schaffte. Die Audio-Einspielung der Erzählerin mischte sich mit Weihnachtsmusik, welche das Spiel der Schauspieler untermalte. Durch die originelle Dramaturgie konnte so eine typische Einkaufsatmosphäre im Kaufhaus oder die Situation im Restaurant und im Bus während der Fahrt gestaltet werden. Aber auch die Umsetzung der melodramatischen Szenen gelang den Studenten unter Leitung von Natalja Salipjatskich hervorragend: Die Heldin „fliegt“ mitsamt dem Plüschtier Erika nach Lugano, Italien. Ihr Freund jedoch bemerkt sie nicht; sie gehen aneinander vorbei.

Das Spiel der Studenten lebte von Komik, Emotionen und der Sprache Deutsch. Ein Theaterstück in einer Fremdsprache auf die Bühne zu bringen, stellte eine besondere Herausforderung an die Studenten dar, die sie mit Bravour meisterten.

Der multimediale Ansatz unter Nutzung von Powerpoint-Präsentation an der Leinwand, filmischen Elementen, einer Foto-Slideshow und der Musik machte einen besonderen Reiz für die Zuschauer aus. Außerdem malte die Studentin Aischan Orambajewa Zeichnungen passend zum Sujet, welche ebenfalls an die Leinwand geworfen wurden.

Für die Studenten des zweiten Studienjahres an der DKU war diese weihnachtliche Theateraufführung sicherlich eine neue und sehr kreative Erfahrung. Obwohl sie Deutsch erst auf Anfängerniveau lernen, beeindruckte ihr Spiel durch eine gute Leistung und Aussprache.
Ob es schwierig gewesen sei, die Rolle der Elisabeth in Deutsch zu spielen? Das kann Viktoria Panitsidi, die Hauptdarstellerin, nur verneinen: „Wenn ich so eine interessante Rolle spielen darf, die noch unglaublich viel Spaß macht, ist das Spielen in einer Fremdsprache gar nicht mehr so schwer!“

Die Botschaft des Theaterstücks brachte die Zuschauer gleichzeitig zum Lachen und zum Nachdenken: Wie lebe ich mein Leben, was ist das Wesentliche, der Sinn des Lebens? Besinnen wir uns – nicht nur zur Weihnachtszeit – und lernen wir wieder zu leben!

Von Malina Weindl