Zu den strukturellen Ungleichgewichten, die im Hintergrund wesentlich zur aktuellen Wirtschaftskrise beigetragen haben, gehört die extrem positive Außenhandelsbilanz Chinas und die extrem negative Außenhandelsbilanz der USA. Der Erlös Chinas aus den Exporten, vor allem in die USA, war und ist deutlich größer als die Aufwendungen für den Import. Dadurch sind in China gewaltige Dollarguthaben und für die USA sehr große Schuldenberge entstanden.

Die teilweise sehr hektisch eingeleiteten aktuellen Maßnahmen zur Belebung der wirtschaftlichen Nachfrage, lösen dieses Problem nicht. Generell müssen die USA mehr selbst produzieren und nicht in dem bisherigen Maße auf Pump leben. Umgedreht muss auch China seine Binnenmarktnachfrage stärken, um nicht so einseitig wie bisher vom Export abhängig zu sein. Letzteres trifft übrigens prinzipiell genauso auf Deutschland und Kasachstan zu.
Das strukturelle Außenhandels-Ungleichgewicht China – USA führt nun zu einem Prozess, der wohl als Beginn einer prinzipiellen Veränderung der weltwirtschaftlichen Strukturen gelten wird, auch wenn sich dieser Prozess über Jahrzehnte hinziehen dürfte. China hat nun erstmalig gestattet, seine nationale Währung – den Yuan – auch für internationale Zahlungsprozesse einzusetzen. Damit verlässt das chinesische Geld den engen nationalen Währungsraum und schickt sich an, am Anfang eine regionale, später sicher eine Weltwährung zu werden. Im Moment haben zwar nur einige Unternehmen, die ihren Außenhandel über Hongkong abwickeln, die offizielle Erlaubnis für den Einsatz des Yuan als internationale Verrechnungseinheit. Das wird in den nächsten Jahren noch keine spürbaren Veränderungen im Weltwährungsgefüge bewirken. Doch der Anfang ist gemacht! China wird nun versuchen, schrittweise die notwendige Akzeptanz des Yuan als Zahlungsmittel bei seinen Außenhandelspartnern zu erreichen. Natürlich kann niemand zu seiner Verwendung gezwungen werden, schließlich werden die Zahlungsmodalitäten in Handelsverträgen von den beteiligten Partnern frei vereinbart. Doch es wird heute schon für viele, in Zukunft für noch mehr ausländische Handelspartner chinesischer Firmen Sinn machen, sich die Exporte nach China in Yuan, statt beispielsweise in Dollar bezahlen zu lassen. Für die oft parallel getätigten Importgeschäfte kann man so gleich die Yuan-Erlöse aus dem Export zur Bezahlung einsetzen. Dadurch umgeht man zum einen die lästigen Prozeduren des Geldumtauschs, vor allem aber verschwindet das Risiko von Wechselkursveränderungen.

Die chinesische Regierung plant, bis Ende dieses Jahres bis zu 50 Prozent des Handels mit Hongkong in Yuan abzuwickeln. Hongkong ist bewusst gewählt, weil hier die Wahrscheinlichkeit der Akzeptanz des Yuan von Natur aus groß ist. Schließlich ist der Stadtstaat das zentrale Ein- und Ausfallstor für den chinesischen Außenhandel und für die Abwicklung der chinesischen Auslandsinvestitionen. Ein Erfolg des Juan hier, de facto auf „ausländischem Heimatboden“, kann eine gute Basis für den Aufbau des notwendigen positiven Images des Yuan sein. Zwar ist der Yuan bisher ausschließlich Binnenwährung, also für Zahlungen im Ausland nicht zugelassen, doch als Recheneinheit und Sparwährung hat er seine Nische schon besetzt. Bereits in mehreren südostasiatischen Ländern können Sparkoten in Yuan gehalten werden, auf denen allein in Hongkong immerhin schon 100 Milliarden Yuan geparkt sind. Umgerechnet sind das zwar nur etwa 12 Milliarden Dollar, doch auch hier ist der Anfang gemacht. Und das nicht durch einen staatlichen Akt, sondern durch die natürliche Nachfrage eines faktisch noch gar nicht existenten Marktes.

Was bedeutet nun dieser erste Schritt zur Liberalisierung des Zahlungsverkehrs Chinas zugunsten des Yuan? Man kann hier eine ganze Menge möglicher Folgen erahnen oder konstatieren. Die Frage der Dominanz des Dollar als – nichtformal fixiertes – Reservemittel wird ja derzeit weltweit heiß diskutiert. Internationales Währungsmittel ist eine nationale Währung dann, wenn ein hohes Maß an Vertrauen hinsichtlich ihrer Stabilität und ständigen Austauschbarkeit besteht. Das Vertrauen in den Dollar schwindet aber tendenziell, was durch die enorme Verschuldung der USA in Staat und Wirtschaft bedingt ist.

China wird andererseits wohl auch nicht umhin können und den Wechselkurs des Yuan zu den wichtigsten internationalen Währungen freigeben. Im Moment wird der Wechselkurs sehr stark von der Nationalbank reguliert, wodurch der Yuan gegenüber anderen Währungen künstlich niedrig gehalten wird. Das schafft einen preislichen Wettbewerbsvorteil, der zum Teil auch die Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Waren erklärt. Bei Freigabe des Wechselkurses wird es aber unvermeidlich eine deutliche Aufwertung des Yuan geben, und die chinesischen Exporte werden zurückgehen, da sie im Ausland teurer werden.

Beschaffen wir uns also schon mal Yuans, bloß so, zum Drangewöhnen!

Bodo Lochmann

15/05/09