2021 jährt sich die Deportation der Deutschen in der Sowjetunion zum 80. Mal. Aus diesem Anlass erinnert die DAZ mit mehreren Geschichten an das Schicksal der Betroffenen. Valentine Bolz hat die Erinnerungen ihrer Tante Mathilde in einer Erzählung verarbeitet, die wir in den kommenden Ausgaben im Rahmen einer kleinen Serie abdrucken.

Mathilde Fischer, geborene Widmaier. Geb. am 23.01.1921 in Olgafeld, Altai. Gest. am 8.02.1989 in Orlowo, Altai.
Mathilde Fischer, geborene Widmaier. Geb. am 23.01.1921 in Olgafeld, Altai. Gest. am 8.02.1989 in Orlowo, Altai.

Die Räder ratterten, es rüttelte den Waggon hin und her. Es war kalt und dunkel. Mathilde schlug den Kragen ihres Mantels hoch, versteckte ihre Nase darin und versuchte, sich wenigstens durch ihren Atem ein bisschen aufzuwärmen. Der Eisenofen im Zentrum des Waggons war erloschen, und Holz zum Heizen würden sie erst morgen bekommen, wenn sie Glück hatten. Im Waggon waren 50 Frauen. Auf den zwei Pritschen hatten nur vier von ihnen Platz, und da nur, weil sie zu zweit aufeinanderlagen. So wechselten sie alle drei Stunden, damit alle mal die Beine ausstrecken konnten. Alle anderen dösten, auf ihren Bündeln und Säcken sitzend. Auch die Plätze um den Ofen wurden nach dem Rotationsprinzip gewechselt, damit sich jeder mal aufwärmen konnte.

Geburtsurkunde der Familie Widmaier. Ausgestellt von Pastor Beck.
Geburtsurkunde der Familie Widmaier.
Ausgestellt von Pastor Beck.

Wenn der Zug hielt, brachte man ihnen Essen. Als Toilette diente ein alter Eimer. Alle schämten sich, vor den anderen ihre Notdurft zu verrichten. Aber man konnte doch nicht ewig aushalten. Deswegen schirmten sie die eine Ecke, wo der Eimer stand, mit zwei an den Fransen zusammengebundenen Tüchern ab. Der Eimer wurde an jeder Station geleert, aber trotzdem stank es nach ein paar Tagen im Waggon wie die Pest. Sie waren jetzt schon seit einer Woche unterwegs. Wohin, wusste niemand. In die Trudarmee. Aber einen genauen Ort hatte man ihnen nicht gesagt. Eine Lehrerin aus Halbstadt versuchte durch einen breiteren Ritz, die Namen der Stationen zu lesen. Nach zwei Tagen Beobachtung war sie sich ziemlich sicher – es geht Richtung Westen, Richtung Moskau.

Auch Minderjährige wurden für harte Arbeit tauglich befunden

Mathilde hoffte innig, dass sie nach Tula kommen, wo schon Reinhold, ihr Mann war. Reinhold und ihr Bruder Peter wurden bereits vor einem Jahr einberufen. Ende November 1942 hatte auch Mathilde, so wie alle ledigen und jungen Frauen, eine Vorladung bekommen. Erst mussten sie vor eine medizinische Kommission. Diese Kommission war eher ein Witz. Es wurden keine Untersuchungen gemacht. Der Arzt untersuchte nur das Gebiss jeder Frau, ohne Hände zu waschen. Mathilde ekelte sich und musste würgen, als er ihr kurzerhand mit seinen gelblichen, nach Tabak und Karbol riechenden Fingern unsanft die Lippen auseinander presste.

Der Arzt grinste nur, dann rief er der Arzthelferin zu: „1920. Tauglich.“ Mathilde erwiderte: „Nein. Ich bin 1921 geboren“, wurde aber vom Sanitäter weitergeschoben. Eine der Frauen, die gut Russisch sprach, rief empört: „Was soll das? Wir sind doch keine Pferde!“ Worauf der Arzt antwortete: „Steh, Stute! Oder ich verpass dir auch noch einen Zaum.“ Die Sanitäter bogen sich vor Lachen. „Passen Sie auf, Boris Semjonowitsch, sonst schlägt sie noch aus!“ Mathilde stand noch an der Tür, versuchte, zu widersprechen. Aber die zweite Arzthelferin schob sie einfach ins nächste Zimmer. Da standen schon an die zehn Frauen.

„Was ist hier?“, fragte Mathilde Emma Hahn aus Degtjarka. „Weiß ich nicht, wir sollen warten.“ „Stell dir vor, die haben mich ein Jahr älter aufgeschrieben!“ Emma lächelte traurig: „Das ist wegen der Kinder da.“ Sie nickte auf ein weinendes Mädchen. „Die dürfen doch erst ab 16 einberufen, deswegen machen sie die Kinder ein-zwei Jahre älter und schon haben sie das Recht!“ „Aber ich bin doch schon 21!“ „Na, wahrscheinlich zur Sicherheit. Der Louisbas hat man ein Jahr abgezogen, sonst hätte man sie zu Hause lassen müssen.“ Mathilde erkannte nun in dem weinenden Mädchen die Nichte ihres Schwagers und drängte sich zu ihr durch.

Mobilisierungskarte besiegelte das Schicksal

Schluchzend erzählte Olga ihr, man habe sie zwei Jahre älter gemacht, jetzt müsse sie fort und die Mama habe ja niemanden mehr und sei krank, ihre fünf Brüder habe man ja schon 1941 einberufen. „Hast du denn keine Geburtsurkunde? Um zu beweisen, dass du erst 15 bist!“ „Doch. Aber nur eine vom Pastor Grigorius. Und die ist auch noch auf Deutsch. Mama zeigte sie dem Operupolnomotscheny (Sicherheitsbeauftragter). Er sagte, mit der kann sie sich den A…. putzen.“ Ja, auch sie hatten eine solche Geburtsurkunde vom Pastor Beck. Eine für die ganze Familie – alle Kinder wurden aufgelistet. Mit Stempel und Unterschrift. Das ist doch ein Dokument!

Die Tür wurde aufgerissen. Fluchend drängte sich eine korpulente Frau in Militäruniform zum Tisch, jagte alle aus dem Zimmer und ließ sie dann einzeln eintreten. Jeder wurde die Mobilisierungskarte, dessen Aushändigung sie mit ihrer Unterschrift bestätigen mussten, in die Hand gedrückt und befohlen, in drei Tagen um zehn Uhr in Slawgorod auf dem Bahnhof zu sein, mit Verpflegung für mindestens zehn Tage.

Abtransport in die Kälte

Zu Hause wurden dann die Sachen mehrmals umgepackt, damit auch alles Notwendige mitgenommen wurde. Die Mutter weinte. Schon zwei ihrer Söhne waren weg: Rudolf war zwei Jahre vor dem Krieg in die reguläre Armee einberufen worden. Zunächst hatte er öfter geschrieben, aber in den letzten zwei Jahren waren keine Briefe mehr gekommen. Peter war unter den ersten, die man in die Trudarmee einberufen hatte, und seitdem hatte es auch kein Lebenszeichen von ihm gegeben. Martha war mit ihren Kindern nach der Deportation aus dem Kaukasus gerade noch so dem Tod von der Schippe gesprungen. Ihr Mann und der Mann von Marie waren auch bereits in der Arbeitsarmee. Olgas Mann war schon sieben Jahre, nachdem der NKWD ihn verhaftet hatte, weiß Gott wo. Es wurden Bohnen, Erbsen, Weizen, Mehl in Säckchen gepackt, auch ein paar Kilo Kartoffeln und Zwiebeln wurden zum Mitnehmen bereitgestellt. Ihr Stiefvater Alexander Runge (der alte Rung), ein Mann mit Erfahrung, nähte in den Saum ihres Mantels Geld ein. Die Scheine wurden zu Röllchen gedreht und im Saum versteckt. Viel war es nicht. Nur für die erste Zeit.

Mathilde nickte ein. Eine scharfe Bremsung würfelte die Frauen durcheinander. Mathilde wurde an eine der Pritschen geschleudert, spürte, dass noch einige auf sie drauf fielen. Der Zug bewegte sich ruckweise, die Bremsen quietschten, dann blieb er stehen. Die Frauen rappelten sich stöhnend, die verletzten Stellen reibend und leise vor sich hin fluchend, auf. Der Zug hielt öfter und stand manchmal einen halben Tag auf einem Abstellgleis, aber so scharf hatte er noch nie gebremst. Die Frauen rätselten, wo sie seien könnten, ob es vielleicht schon die Endstation sei. Die Zeit verging, nichts tat sich. Mathilde zog den zusammengedrehten Strohwisch, den sie in den Ritz gestopft hatte, damit es nicht so zieht, wieder heraus, und linste durch den Spalt – nur verschneite Gegend. Es war schon hell. Von draußen hörte man Rufe, lautes Lachen, Fluchen. Dann ging jemand, an die Räder klopfend, am Waggon vorbei.

Endlich wieder was Warmes

Es war kalt. Die Frauen hüpften von einem Fuß auf den anderen, fuchtelten mit den Armen, um sich aufzuwärmen. Endlich wurde die Tür des Waggons aufgeschoben. „Что, девки, замёрзли? Сейчас согреетесь! Дежурные, выносите парашу!“ (Was, Mädels, ist`s euch kalt? Gleich könnt ihr euch aufwärmen. Diensthabende, bringt den Scheißeimer weg.) Ein grobschlächtiger Bursche stellte eine kleine Leiter an den Waggon, gab den Diensthabenden die Anweisung, den Eimer hinter dem weiteren Gebüsch auszuleeren, und rannte zum nächsten Waggon. Die Tür blieb offen, es strömte frische Luft hinein.

Zu ihrem Waggon eilten schon zwei Soldaten mit einem dampfenden Kessel. Endlich wieder was Warmes. Gestern gab es nichts. Heute gab es Kascha. Und sie schmeckte sogar gut. Die Kascha verteilte ihr Wachposten. Er stand immer am Waggon, wenn der Zug hielt. Es war ein freundlicher junger Bursche, er schrie sie nie an oder fluchte wie die anderen, er ließ auch immer die Waggontür einen Spalt offen, damit frische Luft einströmte. Sein Name war Sascha – so riefen ihn seine Kameraden. Jedes Mal suchte er mit den Augen nach Nelli, schöpfte ihr immer großzügige Portionen ein. Dass er sich in das Mädchen verguckt hatte, war allen klar.

Wie es für die Frauen weiterging, erfahren Sie in der kommenden Ausgabe.

Valentine Bolz

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