Am 8. März, dem internationalen Frauentag, organisierten feministische Organisationen eine Demonstration für Frauenrechte in Almaty – und das bereits zum zweiten Mal in Folge mit Genehmigung der Behörden. In diesem Jahr stand die Beteiligung von Frauen an der Politik als Thema im Vordergrund. Etwa 1.000 Menschen nahmen an der Kundgebung teil. Aus diesem Anlass haben wir mit Zhanar Sekerbayeva gesprochen. Sie ist eine der Organisatorinnen der Demonstration und gemeinsam mit Gulzada Serzhan Co-Gründerin der feministischen Initiative „Feminita“, die sich für die Rechte der LGBTIQ+-Frauen in Kasachstan einsetzt. Ein Gespräch über Feminismus in Kasachstan und die Stellung der Frau in der kasachischen Gesellschaft.

Frau Sekerbayeva, was bedeutet Feminismus für Sie?

Für mich ist es in erster Linie eine politische Bewegung für Frauenrechte, gegen Diskriminierung und für Gleichberechtigung in allen Bereichen – egal ob in Ausbildung, Karriere, Sport oder Politik. Wenn man sich in das Studium der Geschichte, der Philosophie und in die Paradigmen des Feminismus vertieft, dann wird einem klar, dass der Feminismus positive Veränderungen für alle Bevölkerungsgruppen bringt, auch für Männer.

Wie sind Sie zum Feminismus gekommen und warum ist das Thema wichtig für Sie?

Ich kam während meines Studiums an der Eurasischen Nationalen Gumiljov-Universität dazu. Aber die Universität hat nichts damit zu tun, es war meine Umgebung, die meine Werte geprägt hat. Meine Mutter ist eine „Selfmade“-Frau. Sie wurde in einem Dorf in der Region Akmola geboren. Sie träumte immer davon, in eine Stadt umzuziehen und eine Hochschulausbildung als Kinderärztin zu absolvieren, was sie auch verwirklichte. Ich wurde von meiner Mama sehr inspiriert.

Zhanar Sekerbayeva (Mitte) mit Mitstreiterinnen

Ist es schwierig, in Kasachstan eine Feministin zu sein?

Ja. Jeder hält es für wichtig, Ratschläge zu geben, welcher Feminismus der richtige wäre, oder man glaube, LGBTIQ+ Aktivismus und Feminismus seien nicht kompatibel. Gulzada Serzhan und ich sind Co-Gründerinnen der kasachischen feministischen Initiative „Feminita“, die die Rechte speziell der lesbischen, bisexuellen, Queer- und Trans-Frauen in Kasachstan verteidigt. Wir führen auch Studien durch, überwachen Rechtsverletzungen aufgrund der sexuellen Orientierung und der Geschlechtsidentität, prüfen Gesetze und vertreten Interessen von Betroffenen.

Warum denken Sie, dass Kasachstan Feminismus braucht?

Wir brauchen es, damit die Frau nicht objektiviert wird, damit Mädchen und Frauen einen barrierefreien Zugang zur Ausbildung erhalten, damit sie an der Staatsverwaltung beteiligt sein können, damit sie die Möglichkeit bekommen, politische Parteien zu gründen, Wahlen zu überwachen und im Allgemeinen, damit wir alles erfüllen können, was wir uns im Leben wünschen.

Wie populär ist die feministische Bewegung in Kasachstan?

Sie ist populär. Immer mehr Frauen nennen sich Feministinnen. Das ist gut zu sehen. Im Jahr 2021 versammelten wir etwa 1.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer für den feministischen Marsch. Auch in diesem Jahr organisierten wir eine Demonstration, an der wieder viele Unterstützer des Feminismus teilnahmen.

Wie steht die Mehrheit der kasachischen Frauen zu Feminismus? Wie stehen dazu die kasachischen Männer?

Ich denke, mit großem Verständnis. Männer können auch nicht in einer sozialen Stagnation bleiben. Sie werden auch Feministinnen unterstützen, und sie tun das bereits. Natürlich gibt es mehr Einfühlvermögen bei Frauen, aber das bedeutet nicht, dass Männer nicht in der Lage sind, Feminismus zu begreifen.

Was ist das durchschnittliche demografische Profil der Feminismus-Anhänger in Kasachstan?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich dazu genaue Informationen geben kann. Ich denke, es ist eine Studentin, 16-17 Jahre alt, in einer heterosexuellen Familie aufgewachsen, wo die Eltern zur Mittelschicht gehören.

Wie würden Sie die gegenwärtige Stellung der Frau in Kasachstan beschreiben?

Wir kämpfen immer noch für unsere Rechte. „Feminita“ arbeitet weiterhin an der Verabschiedung von Antidiskriminierungsgesetzen und setzt sich für die Aufnahme von sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität als geschützte Kategorien ein. 2021 erreichten wir die Abschaffung der Liste der verbotenen Berufe für Frauen. Die Liste bestand aus 229 Berufen.

Was sind die dringendsten Probleme der kasachischen Frau, gegen die die feministische Bewegung in Kasachstan kämpft?

Diskriminierung, Unterrepräsentanz in der Verwaltung der Staatsangelegenheiten (der Anteil der Frauen in Machtpositionen liegt bei unter 30 Prozent), kulturelle Stereotypen über die Rolle von Mädchen, jungen und älteren Frauen, sexuelle Belästigung, Lohngefälle; die Situation von Migrantinnen, von Frauen, die Drogen konsumieren oder von Sexarbeiterinnen; häusliche Gewalt und andere.

Welche Gruppen von Frauen werden in Kasachstan am stärksten diskriminiert?

Wir alle werden diskriminiert, aber am stärksten gefährdet sind wahrscheinlich Transfrauen, Lesben, Frauen mit HIV, Drogenabhängige, Sexarbeiterinnen, Frauen in schwierigen wirtschaftlichen Situationen, alleinerziehende Mütter und Mütter mit vielen Kindern.
Oft hört man von kasachischen Frauen, dass sie keiner Diskriminierung begegnen…

Es kann sein, dass es schwierig ist, eine Diskriminierung zu sehen, wenn man selber nicht betroffen ist. Wenn bei einem alles in Ordnung ist, heißt es nicht, dass bei den Nachbarinnen oder deren Bekannten alles genauso ist. Es ist wichtig zu erfahren und zu verstehen, dass es unterschiedliche Gruppen von Frauen gibt. Ebenso wichtig ist es, Studien zu lesen, sich mit Menschenrechtsverteidigern und Aktivisten zu treffen, zu Diskussionen zu kommen, Fragen zu stellen.

Was müssen der kasachische Staat, die Gesellschaft und die kasachischen Männer tun, um mehr Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen zu erreichen?

Es ist wichtig, Frauen den Weg in alle Bereiche zu ermöglichen – Politik, Wirtschaft, Finanzen. Da, wo es immer noch Barrieren gibt. Medizin und Bildung – wir sind immer wieder nur in diesen Branchen tätig. Wenn wir nicht überall vertreten sind, fällt es schwer, über die Entwicklung von Staat und Gesellschaft zu sprechen. Wir müssen bei der Politik beginnen und 50 Prozent der Sitze in der öffentlichen Verwaltung an Frauen vergeben, nicht weniger. Das übrigens ist, was uns die UN-Gremien empfehlen und da wir viele internationale Konventionen unterzeichnet haben – lasst uns sie umsetzen!

Wenn Sie sich Kasachstan in fünf Jahren vorstellen, glauben Sie, dass sich die Stellung der Frau in der kasachischen Gesellschaft in eine positive Richtung verändern wird?

Ja, ich glaube, alles wird sich zum Besten verändern. Dazu tragen wir bei wie auch viele weitere Aktivistinnen und Menschenrechtsvertreterinnen. Natürlich stoßen wir auf Widerstand gegen gesetzliche Initiativen, aber wir kämpfen weiter und verfolgen unsere Ziele noch härter. Die Zukunft ist weiblich.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Ludmilla Reger.

Teilen mit: