Der Badeort Scholpon-Ata an der nördlichen Küste des Issyk-Kul-Sees in Kirgisistan ist nicht nur für Kasachen, Russen und Einheimische ein beliebtes Urlaubsziel. Der zweitgrößte Bergsee der Welt bietet auch für den 1990 ausgesiedelten Nikolaus Listwin einen Ort, an den er mit Freude zurück kommt, um einen Lebensmittel-Laden zu führen.

An der Nordküste des Issyk-Kuls bietet der kirgisische Badeort Scholpon-Ata eine Vielzahl an Stränden. Auch ist er nicht nur für sein Sanatorium bekannt, sondern sei mittlerweile zu einem touristisches Zentrum geworden, behaupten die Ortsansässigen. Deshalb kann man in jedem zweiten Wohnhaus für wenige Kirgisische Som unterkommen, und jedes dritte Haus ist sogar ein Hotel oder treffender: eine Pension. Viele Einheimische bauen ihre Häuser zu einladenden Unterkünften um. Schon jetzt gibt es alles, was ein Badeort offerieren sollte: viele Cafes und Restaurants, Freizeitgestaltung am Strand wie zum Beispiel Bootsfahrten und Diskos, die täglich bis in die Morgenstunden den Ort wach halten. Nicht weit von Scholpon-Ata entfernt, bei Schok-Tal, befindet sich bereits ein Flughafen, der in den kommenden Jahren noch weiter ausgebaut werden soll. Schon jetzt ist der See ein beliebtes Reiseziel für Kasachen, Russen und natürlich für die Kirgisen selbst. So kann es passieren, dass man hier auf den heiteren 45-Jährigen Alexei Kruglow und seine Freunde trifft: „Wir waren zweieinhalb Tage mit zwei Autos aus Nowosibirsk unterwegs, um letztlich den See zu erreichen.” Zudem trifft man auch Europäer. „Den weiten Weg haben wir auf uns genommen, um den größten See des Landes und seine wunderschöne Bergkulisse zu bestaunen. Wir trafen Franzosen, Amerikaner und natürlich Einheimische”, erzählt ein belgisches Pärchen, das am Issyk-Kul Zelten geht. Untertags herrscht nicht nur an den Stränden ein reges Treiben, sondern auch auf der Hauptstraße, der Sowjetskaja Uliza. Viele kleine Läden, Straßenhändler und Basare reihen sich aneinander. In einem dieser Geschäfte bietet der Deutsche Nikolaus Listwin seine Produkte und Souvenire an. „Ich liebe es, hierher zu kommen, hier gibt es alles, was ich brauche – See und Berge”, sagt der 51-Jährige.

Heimat nur im Winter

Nikolaus Listwin ist einer von vielen Deutschstämmigen, die Anfang der Neunziger nach Deutschland ausgewandert sind. Seit acht Jahren fährt Listwin regelmäßig  nach Kirgisistan. Dieses Jahr pachtete er zum ersten Mal ein Geschäftslokal am Issyk-Kul. In Kara-Balta, einer Stadt 60 Kilometer westlich von der Hauptstadt Bischkek, besitzt er bereits einen Lebensmittel-Laden. Kürzlich mietete er vor Ort auch eine Wohnung für drei Jahre. „Das Geschäft läuft auch ohne mich, ich habe dort eine Verkäuferin”, erzählt er. „Die Pacht in Scholpon-Ata kostet mich 1.500 Dollar pro Saison. Ich bin froh, wenn das Geld gerade so reinkommt, aber Gewinn mache ich hier sicher nicht”, schildert der gastfreundliche Deutsche die wirtschaftliche Lage in dem Badeort. „Es war eine spontane Entscheidung, ein Geschäft in Scholpon-Ata zu eröffnen”, erzählt er fröhlich. Die Saison im Badeort gehe maximal zwei bis drei Monate, danach fahre er wieder nach Deutschland bis zum nächsten Sommer. „Allerdings ist der Sommer hier zu kurz und in Scholpon-Ata gibt es viel Konkurrenz.” Im Vergleich zu Deutschland herrsche in Kirgisistan weniger Ordnung, was das Geschäft erschwere. In der Bundesrepublik hat der 51-Jährige einen Teilzeitjob bei einer Firma, die baufällige Häuser abreist. „Mir ist es wichtig zu arbeiten, denn in Deutschland gibt es viel zu viele Arbeitslose”, meint der sympathische Deutsche. 1955 wurde Listwin im Gebiet Semipalatinsk geboren. Seine Mutter ist deutscher Abstammung. Ihre Eltern wurden bereits vor dem Krieg in dieses Gebiet deportiert. Den ersten Ausreiseantrag nach Deutschland stellte er 1978, dieser wurde jedoch verweigert. Erst Anfang 1990 konnte er einreisen. Gemeinsam mit seiner heutigen Ex-Frau übersiedelte er. Seine zwei Söhne leben in Deutschland, einer davon geht auf eine Fachhochschule in Heilbronn, der andere ist Berufssoldat. „Deutschland ist meine Heimat, aber der Mensch will viel reisen, will was von der Welt sehen”, erklärt er seine Motivation, jeden Sommer nach Zentralasien zurückzukehren.

Die andere Seite der Medaille

Für Nikolaus Listwin gebe es noch immer viele Gründe nach Kirgisistan zu reisen, auch wenn die Lage in dem Land manchmal unsicher sei. „In der Nacht der Revolution sind wir angekommen und haben alles verschlafen”, berichtet er über seine Einreise im März vergangenen Jahres. „Seit der Revolution gibt es nicht mehr so viele Touristen, ich glaube sie haben Angst, hierher zu kommen”, erzählt der 51-Jährige. „Zu Sowjetzeiten war das Gebiet um den See militärisches Sperrgebiet und nicht für jedermann zugänglich”, berichtet der Deutsche. Heute müssten Touristen mit dem Auto eine Gebühr entrichten, um zu dem zweitgrößten Bergsee der Welt zu kommen. Reisende mit ausländischem Kennzeichen würden zumeist das Doppelte zahlen. Mit glänzenden Augen spricht er von seiner Faszination für den See. Dass es hier früher 100 Zuflüsse gegeben habe, und dass das Wasser 18 Minerale aufweise. Der gastfreundliche Lokalbesitzer war bereits 1991 das erste Mal am Issyk-Kul. Heute gebe es mehr Armut und viele, die auf der Straße leben. Er glaubt jedenfalls, dass sich Scholpon-Ata zu einem Touristenzentrum entwickeln wird. Es werde jede Menge Geld investiert und viele Häuser würden umgebaut. Eines störe ihn dennoch besonders: „Hier gibt es viel zu viel Müll und keine Abfallentsorgung – wenn nichts dagegen unternommen wird, könnte das in fünf Jahren den See zerstören.”

Von Jana Herfurth

28/07/06