Im Gedenken an 85 Jahre Deportation der Wolhyniendeutschen

Es ist der 1. Juli 1936. Die kleine Linda Nickel ist erst sieben Jahre alt. In wenigen Wochen, am 27. Juli, würde sie ihren achten Geburtstag feiern. Aber nicht mehr in ihrem Heimatdorf Dubowaja, das im Gebiet Schitomir in Wolhynien liegt. Und von Feiern kann auch keine Rede sein.

Am 1. Juli 1936 müssen Linda sowie ihr Vater, ihre beiden Brüder, ihre Großmutter, ihre zahlreichen Verwandten, alle Bewohner des Dorfes Dubowaja und Abertausende Deutsche in Wolhynien, ihre Heimat für immer verlassen. Sie werden zwangsumgesiedelt, und das nicht zum ersten Mal. Bereits im Jahr 1915 fielen Wolhyniendeutsche Deportationen zum Opfer. Lindas Oma Albertine hatte die Schrecken der Deportation damals als Mutter von zehn Kindern erlebt. Auf dem Bahnhof von Saratow geriten zwei ihrer kleinen Söhne unter den Zug. Ein Sohn wurde dabei schwer verletzt – überlebte aber. Den anderen Jungen „schläferten“ die Ärzte im Krankenhaus, trotz des Widerstands der Mutter, ein. Wenige Tage später starb auch Albertines neugeborene Tochter.

Nach dem Ersten Weltkrieg kehrten viele Deutsche nach Wolhynien zurück – manche sogar in ihre eigenen Häuser, doch nun hat das grausige Schicksal sie wieder ereilt. Lindas Familie wird nach Miropol gebracht. Dort werden die Menschen am Bahnhof wie Vieh zusammengetrieben und in stickige Waggons gezwängt, in denen sie nun zwei Wochen ausharren müssen.

Ein schmerzhafter Einschnitt für Wolhyniendeutsche

Der 1. Juli 1936 war ein schmerzhafter Einschnitt im Leben der kleinen Linda und Tausenden von Wolhyniendeutschen. Wie eine Axt teilte dieser Tag ihr Leben in ein Davor und ein Danach. Noch wissen die Menschen nicht, dass es noch viele solcher Einschnitte in ihrem Leben geben wird.

Lindas geliebte Mama Alwina, ihre älteren Schwestern Erna und Lydia sowie zwei jüngere Geschwisterchen blieben in Dubowaja zurück. Aber nicht im Haus, sondern auf dem alten Friedhof, der an das Dorf grenzt. Ja, sie durften für immer in Wolhynien bleiben.
Zwei Wochen lang rollten die mit verzweifelten Menschen überfüllten Züge über das sowjetische Land. Selbst für gesunde und kräftige Leute war diese Reise eine reine Folter. Wie musste es dann Lindas kleinem Bruder, der seit seiner Geburt sehr krank und gesundheitlich schwach war, ergehen!

Mit überfüllten Zügen in die stiefmütterliche Steppe

Die Fahrt schien kein Ende zu nehmen: Das donnernde Rattern des Zuges, das Klagen der Frauen und der Alten, das Wimmern der Kinder, die letzten, schweren Atemzüge der ganz Schwachen, die man auf der Strecke auf die Schnelle vom Zug bringen und vergraben musste. Manchmal hatte man nicht einmal Zeit, um sich richtig zu verabschieden oder die Toten zu bestatten. Es ging weiter, immer weiter ins Ungewisse.

Die stiefmütterliche Steppe empfing ihre neuen Kinder erstmal unfreundlich. Nein, die kahle und windige Steppe Kasachstans war nicht zu vergleichen mit dem blühenden, heimischen und geliebten Wolhynien. Die Menschen wurden mitten im Nirgendwo ausgesetzt. Um sie herum: die grenzenlose Steppe, ein paar Baracken und ein Pfahl mit der Zahl „10“ darauf. Der Punkt Nummer zehn, der später zum Dorf Kamenka wurde. Das war nun das neue „Zuhause“ der kleinen Linda. Wie ihr weiteres Leben verlief? So wie das Leben vieler deportierter Kinder verlaufen war: Ein Überlebenskampf, doch was nützte schon das Klagen? Es ging allen schlecht. Den einen mehr, den anderen weniger.

„So war das Leben damals“, betonte Oma immer wieder in unseren Gesprächen, und auf meine empörte Frage, warum man ihnen das angetan hatte, antwortete sie mit einem traurigen Lächeln: „Weil wir doch Deutsche waren.“

Harte Arbeit schon in der Kindheit

Weil wir doch Deutsche waren. Eine Erklärung, mit der ich mich nie zufriedengeben wollte. Es war nicht der Inhalt dieser Erklärung, sondern wie meine Oma es ausgesprochen hatte. Ihr Gesichtsausdruck dabei, die zitternde Stimme, die traurigen Augen. Als hätte sie sich damit abgefunden, als wäre es selbstverständlich, irgendwie natürlich, was ihnen passiert war. Leider musste ich auch lernen, dass man es die Menschen glauben lassen wollte. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, als durch den Erlass vom 28. August 1941 alle Deutschen innerhalb der Sowjetunion zur Deportation sowie ewiger Verbannung verdammt und zu Verrätern erklärt wurden – spätestens dann wurde das Deutschsein offiziell zur schwersten Schuld überhaupt. Die einzige „Schuld“ dieser Menschen war es jedoch, dass sie als Deutsche in der Sowjetunion geboren wurden und auf dessen Territorium lebten. Nun mussten sie mit dieser schuldlosen Schuld leben.

Lindas kleiner Bruder starb kurz nach der Ankunft in Kasachstan, die Deportation hatte ihm die letzte Lebenskraft geraubt. Der Vater heiratete eine neue Frau, bekam mit ihr weitere Kinder, wurde später ins Arbeitslager verschleppt und kam erst 1946 zu seiner Familie zurück.

Linda musste bereits als Kind schwer mit anpacken. Für Bequemlichkeiten und Launen gab es keinen Platz. Sie besuchte die Schule, arbeitete später in der Kolchose, heiratete einen jungen Mann namens Ewald Martin und bekam mit ihm sieben Kinder: Sina, Edwin, Robert, Albert, Lenhard, Otto (mein Vater) und Lydia. Neben Kindern, Haushalt, Hof und Vieh musste Linda hart arbeiten. Im Jahr 1968 starb Lindas Mann und sie blieb mit ihren sieben Kindern allein zurück.

„So wenig Zeit“

„Ich hatte so wenig Zeit für meine Kinder“, beichtete sie mir einst in einem Gespräch. „Ich musste immer so viel und hart arbeiten, damit wir über die Runden kommen. Ja, so einen Luxus wie Eltern heute mit ihren Kindern haben, hatte ich nicht.“

Dabei deutete sie auf meine damals kleine Tochter, die vergnügt auf dem Teppich mit meiner Tasche spielte: „So wenig Zeit, und es geht so schnell vorbei“, bedauerte sie, fügte aber mit einem schüchternen Lächeln hinzu: „Doch trotz allem sind meine Kinder zu so guten und anständigen Menschen herangewachsen, nicht wahr?“

Dann schaute sie mich erwartungsvoll an, und ich habe ihr guten Gewissens bestätigt, dass es tatsächlich so ist. Ja, meine Oma war eine reiche Frau: Sieben Kinder, siebzehn Enkelkinder, zehn Urenkel – und sogar eine Ururenkelin hatte sie bekommen, einen Tag vor ihrem Tod.

Mit den Zeitzeugen geht ein Teil der eigenen Geschichte

Oma Linda schenkte uns ihre Zeit und Aufmerksamkeit, sie hatte immer ein offenes Ohr und eine helfende Hand für uns alle. Ausnahmslos. Oft fragte ich mich, wie groß ihr Herz wohl gewesen sein musste, um uns allen so viel bedingungslose und grenzenlose Liebe zu schenken. Oma Linda klagte nie, sie beschwerte sich nie, doch wenn sie mal lächelte, dann sah ich in ihrem Lächeln eine unerklärliche Traurigkeit. Ja, sie hatte dieses typische Lächeln einer russlanddeutschen Oma. Und in diesen Momenten sah ich die kleine Linda vor mir, und wollte dieses kleine, traurige Kind am liebsten in den Arm nehmen.

Hatte meine Oma als Kind oder junge Frau auch Träume? Oder lebte sie einfach ihr Leben dahin? Was wäre aus ihr wohl geworden, wenn sie in Wolhynien hätte bleiben können? Sie war musikalisch – das liegt bei uns in der Familie. Vielleicht wäre Oma sogar Musiklehrerin oder Sängerin geworden. Ich habe meine Oma aber ein einziges Mal im Leben singen hören, auf der Geburtstagsfeier meines Onkels im Jahr 2006. Das Lied hatte ich bis zu diesem Moment nie gehört: Schön ist die Jugend bei frohen Zeiten, schön ist die Jugend, sie kommt nie mehr…

Seltsam, dass ich damals so über das Gesangstalent meiner Oma überrascht war – haben mein Vater und seine Brüder doch ihr Leben lang gesungen. Auch mir und meinen Kindern wurde das musikalische Talent vererbt, wofür ich sehr dankbar bin. Für mich ist das Lied „Schön ist die Jugend“ nicht nur ein Element meiner Familiengeschichte, sondern auch ein Symbol dafür, dass alles vergänglich ist.

Als Oma Linda am 7. Februar 2017 uns für immer verließ, wurde mir bewusst, dass wir nicht nur unsere Mutter, Großmutter und Urgroßmutter verloren haben, sondern auch ein Stück unserer eigenen Geschichte.

Der Schlüssel zur eigenen Vergangenheit

Im Jahr 2018 fuhr ich zum ersten Mal nach Wolhynien – gemeinsam mit meiner Freundin Ira Peter, deren Wurzeln auch in Wolhynien liegen. Für mich stand fest, dass diese Reise einen gewissen Punkt in meiner Familienforschung setzen sollte: Ich würde den Geburtsort meiner Oma aufsuchen, um dort das Kapitel für mich abzuschließen.

Erst einige Tage vor der Abreise hatte ich erfahren, dass dieses Dorf schon lange nicht mehr existierte. Tagelang plagten mich Gedanken und Zweifel: Wo fahre ich hin? Wozu mache ich das? Wonach will ich suchen? Und als ich endlich an diesem Ort stand, umgeben von Birken, Apfelbäumen, sich im Wind schaukelnden Grashalmen, einer absoluten Stille – und nichts um mich herum auf das Leben von damals hindeutete – wurde mir bewusst, wie wichtig Erinnerung ist. „Ich werde wiederkehren“, versprach ich mir selbst. An diesem Ort habe ich meinen Schlüssel zur Vergangenheit gefunden.

Ein Jahr später standen Ira und ich an derselben Stelle. Nun war der Ort nicht mehr verlassen, vergessen und verwildert. Ein großes Holzkreuz ragte in die Höhe, darauf ein Bild der Familie von Oma Linda. Kerzen und Blumen lagen am Kreuzfuß, und um das Kreuz herum standen viele Menschen. Ein Pfarrer sprach ein Gebet, die alten Frauen aus dem Nachbardorf, die zu unserem kleinen Gottesdienst im Freien dazugestoßen waren, sangen Lieder auf Ukrainisch. Ich durfte das Vaterunser auf Deutsch beten. Und als wir miteinander auf dieser Lichtung vor dem Kreuz standen, drangen plötzlich durch die Baumkrone Sonnenstrahlen hervor und erleuchteten den Platz vor uns.

„Sie wissen, dass wir hier sind“, flüsterte mir eine alte Frau zu, schaute hinauf und bekreuzigte sich mit Tränen in den Augen.

„Ja“, antwortete ich glücklich, „und ich weiß, dass sie auch da sind.“

Erinnerung an die alte Heimat

Meine Oma erzählte mir, dass die Deutschen, als sie damals Wolhynien verlassen mussten, kleine Apfelzweige abgebrochen und in Tücher eingewickelt mitgenommen hatten. Sie wussten nicht, ob sie je wieder zurückkehren würden und hofften, an ihrem neuen Lebensort ein Stück ihrer alten Heimat errichten zu können. Manche nahmen eine Handvoll Heimaterde mit, diese warme, dunkle, sonnengetränkte Erde Wolhyniens. Ein kleiner Apfelzweig und eine Handvoll warmer Erde. Das war alles, was ihnen, neben den Erinnerungen, von ihrer Heimat Wolhynien geblieben war.

Auch ich nahm damals einen kleinen Apfelzweig und eine Handvoll warmer Erde mit. Sowohl aus Dubowaja in der Ukraine als auch aus Kamenka in Kasachstan, denn mit den Jahren ist dieser Ort zu Omas neuer Heimat geworden. Im Jahr 1992 verließ sie Kasachstan und wanderte mit den Familien ihrer Kinder nach Deutschland aus. Meine Familie kam erst im Jahr 1997 aus Russland nach.

Endlich Wurzeln schlagen

Ein kleiner Apfelzweig und eine Handvoll warmer Erde… Werden vielleicht meine Nachkommen auch irgendwann, viele Jahrzehnte später, in den Kraichgau kommen und einen kleinen Apfelzweig und eine Handvoll warmer Erde als Symbol an das Leben ihrer Vorfahrin mitnehmen? Werden sie nachdenklich zwischen den Häusern der Altstadt, durch den blühenden Park, über die goldenen Rapsfelder oder die Weinberge spazieren und sich fragen, ob das die Bilder sind, die auch ich einst gesehen habe? Werden sie sich auf die Suche nach den Orten meiner Biografie machen, diese besuchen und sich ausmalen, wie ich wohl gelebt habe?

Oder werden solche Spurensuche-Reisen für meine Nachkommen keine Notwendigkeit mehr sein? Wird es vielleicht für sie keine Rolle mehr spielen, ob sie Apfelzweige oder warme Erde von irgendwelchen Orten als Symbol der Erinnerung mitnehmen? Nicht, weil sie kein Interesse an der Geschichte haben, sondern weil unsere Familie nach über 200 Jahren Wanderung, Vertreibung und Heimatlosigkeit, an diesem Ort endlich feste Wurzeln geschlagen hat, die niemand mehr herausreißen wird.

Katharina Martin-Virolainen

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