Nach Kevelaer führen nicht nur viele Wege, es gibt auch viele verschiedene Möglichkeiten, als Pilger oder Wallfahrer in die nordrhein-westfälische Kleinstadt zu gelangen. Die traditionelle Form des Pilgerns, nämlich zu Fuß, wählen jedoch die Wenigsten. Mit dem Bus besuchten mehrere Dutzend Pilger russlanddeutscher oder russischer Herkunft den Marienwallfahrtsort im Spätherbst.

/Bild: Josef Bata. ‚Kevelaer Kirchenchor: „Ort religiösen Lebens der katholischen Kirche und Stätte der Besinnung.“/

Herzen, Füße oder Hände aus Silber. Täfelchen mit den Inschriften: „Danke, dass ich wieder gesund bin!“, „Maria hat mir geholfen!“ und „Gott hat mich beschützt!“ – Merkmale eines Wallfahrtsortes der katholischen Kirche. Auch in Kevelaer sind solche Erkennungszeichen nicht zu übersehen. Die Kleinstadt im Nordwesten von Nordrhein-Westfalen, nicht weit entfernt von der niederländischen Grenze, ist einer der bekanntesten Wallfahrtsorte in Deutschland.
Im Spätherbst nahmen auch einige Gläubige aus der ehemaligen Sowjetunion an einem Wallfahrtsgottesdienst in Kevelaer teil. Organisiert wurde die Pilgerfahrt von Pfarrer Alexander Hoffmann, Leiter der Seelsorgestelle für katholische Deutsche aus Russland, Kasachstan und anderen GUS-Staaten in Bonn. Auch Pater Ewald Ottoweß SVD, Beauftragter der Diözese Paderborn für die russlanddeutsche Seelsorge, trug zum Gelingen der Wallfahrt bei.

Wallfahrt nach Kevelaer

„Wir wollten schon lange eine Pilgerfahrt machen und haben mit Freude das Angebot der beiden Seelsorger angenommen“, erzählt Irina Ulrich, Vorstandsmitglied der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, Ortsgruppe Witten. „Unsere Mitglieder haben schon mehrere Wallfahrten mitgemacht. So pilgerten wir bereits zum Paderborner Dom, Kölner Dom, Dom zu Münster und nach Maria Lach in der Eifel“, fügt sie hinzu. Irina Ulrich wurde in Kasachstan geboren und lebt mit ihrer Familie seit 1993 in Deutschland. In der ehemaligen Sowjetunion arbeitete sie als Lehrerin für Mathematik und Physik, und mit diesem Beruf war es für sie nicht möglich, in die Kirche zu gehen.

Auf der Wallfahrt nach Kevelaer wurde sie von ihrem Mann begleitet. Beide waren glücklich, dabei zu sein: „Kevelaer ist ein Ort religiösen Lebens der katholischen Kirche und eine Stätte der Besinnung, an der wir Geborgenheit erfahren konnten.“ Auch heute noch gelten Wallfahrtsorte als Stätte der Ruhe, der Besinnung und des Gebets; und auch als Orte, wo Wunder geschehen können. Darauf wies Pfarrer Hoffmann in seiner Predigt hin: „Wer zu einem Wallfahrtsort aufbricht, bringt meist ganz persönliche Bitten und Sorgen mit. Dennoch wird ein moderner Mensch beim ersten Mal vielleicht gar keine Wunder erwarten. Er wird sich heimlich fragen, ob all das, was die Menschen hier tun, wahr sei, oder doch bloß Fantasterei und Hirngespinste, die man naturwissenschaftlich erklären kann.“

Die Gläubigen in der Pfarrkirche St. Antonius hörten einen Auszug aus dem Evangelium. Dort ging es um die sterbenskranke Tochter des Jairus, die von Jesus durch seine Berührung geheilt wurde. Hierzu führte Pfarrer Hoffmann aus: „Schaut man sich diese Wunder-Erzählung näher an, wird deutlich, mit Vernunft allein, kann man ihr nicht gerecht werden. Jairus und die kranke Frau waren am Ende ihres Wissens angekommen. Keine Vernunft, kein Arzt, keine Technik konnte ihnen mehr helfen. Die kranke Frau setzte nach einem langen Leidensweg alles auf eine Karte. Sie glaubte fest daran, dass Jesus ihr helfen könne. Sie spürte, es würde genügen, Jesus zu berühren, um geheilt zu werden. Das klingt seltsam, aber so ist es mit den Wundern.“

Kleinere und größere Wunder

Nicht nur die Pfarrkirche Sankt Antonius beeindruckte Irina Ulrich. Auch der russlanddeutsche Chor trug mit wohlklingenden Kirchenliedern zur Besinnung während des Gottesdienstes bei. Eine Band mit Gitarren und Schlagzeug lockerte die traditionelle Liturgie auf. Auch die Stimme der Jugend wurde gehört. Nach den Worten von Pfarrer Hoffmann führt manchmal der Weg zu neuem Leben über Maria, die Mutter Jesu. Katholische und orthodoxe Christen glauben an die Fürsorge und die Fürsprache Marias. Daher findet man an Marien-Orten wie Kevelaer oder Altötting häufig Täfelchen, wo geschrieben seht: „Maria hat geholfen“, „Maria hat mir den Ausweg gezeigt“ oder „Maria hat mir Geduld und Kraft gegeben.“

Pfarrer Alexander Hoffmann ist überzeugt: „Auch heute gibt es kleinere und größere Wunder. Diese Wunder sind möglich, weil Menschen sich ganz auf Christus oder auf seine Mutter Maria verlassen haben, ohne Wenn und Aber“. Der Seelsorger, der selbst aus Karaganda stammt, gab seinen Zuhörern noch etwas mit auf den Weg: „Wir leben in Beziehungen und menschliche Beziehungen sind Orte, an denen Wunder geschehen. Diese Wunder machen Mut, sie heilen und stärken. Dies gilt umso mehr für die Beziehung zwischen Gott und den Menschen. Wo Liebe herrscht, dort geschehen auch Wunder. Es gibt oft keine Erklärung, daher lassen wir uns in solchen Momenten und Situationen einfach beschenken.“

Das Leben – ein Unterwegssein

Diese Worte sind bei den russlanddeutschen Wallfahrern angekommen. „Auf dem Rückweg haben wir im Bus gesungen, miteinander gesprochen und gelacht. Wir haben gefühlt, dass wir uns bei dieser Wallfahrt selbst besser kennengelernt haben. Diese Reise hat uns neue Erfahrungen geschenkt“, sagt Irina Ulrich und fügt begeistert hinzu: „Es bleiben von diesem Tag unvergessliche Erinnerungen, gemeinsame Erlebnisse und neue Entdeckungen zurück.“
Für Pater Ewald sind die Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion vor allem suchende Menschen: „Sie haben zum Thema Glauben viele Fragen. Oftmals haben sie nach den schlimmen Erfahrungen und dem Elend eine tiefe Sehnsucht nach Gott und einen tiefen Glauben, dass es Gott geben muss, dass er ihnen geholfen hat. In ihrem Innersten sind sie religiös.“ Der Ordensmann aus Paderborn hat auch eine weitere Erklärung parat: „Unsere Wallfahrt heißt Sternwallfahrt. So wie ein Stern in alle Richtungen strahlt, brechen die Menschen, aus allen Richtungen nach Kevelaer auf. Dort erleben sie, dass das Leben ein Unterwegssein ist. Sie erfahren Erfüllung, Zuversicht, Hoffnung, Licht und Freude. Sie kommen zum Staunen und erfahren Glauben als etwas Schönes und Wertvolles.“

Josef Bata

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Josef Bata ist ein gebürtiger Ungar, lebt seit 37 Jahre in Deutschland. Er ist unter anderem ein freier Journalist für diverse Medien. Einer seiner Schwerpunkte sind die im Mitteleuropa und Zentralasien lebenden Deutschen. Hauptberuflich ist Bata Internetredakteur im Bereich Bevölkerungs- und Katastrophenschutz in Bonn. Auch für die DAZ verfasste er etliche Beiträge.