Bartholomäus Minkowski lebt seit gut fünf Jahren in Almaty und leitet dort das Informationszentrum des DAAD Kasachstan. Mit den Unruhen vergangene Woche erlebte er die bislang außergewöhnlichsten Stunden seines Aufenthalts im Land. Seine Erlebnisse schildert er in einem kleinen Tagebuch.

Dienstag, 04.01.22

Ein gewöhnlicher, grau-trüber Januartag. Während ich eher zufällig von Demonstrationen in West-Kasachstan wegen stark erhöhter Gaspreise gelesen habe, verlief der Tag unspektakulär. Ich wohne unweit vom Wahrzeichen der Stadt, dem Hotel „Kasachstan“, von wo auch Supermärkte und Restaurants fußläufig erreichbar sind. So begegnete ich auch beim kurzen Einkauf vielen Menschen auf den Straßen.

Bereits am frühen Abend gegen 19 Uhr waren erste Schüsse und vereinzelt Knallgeräusche zu hören. Da Feuerwerk und Böller in Almaty auch nach Sylvester nichts Ungewöhnliches sind, dachte ich mir nichts weiter. dabei Im Laufe des Abends intensivierte sich der Lärm jedoch, die Frequenz von Schüssen nahm zu, teils heftige Knallgeräusche folgten vor allem nach 22 Uhr. Von meinem Balkon aus konnte ich seitlich auf die Abai-Straße schauen, und dabei vernahm ich einen ansteigenden Strom von Polizei- und Feuerwehrwagen, die im Eiltempo in Richtung Platz der Republik fuhren. Bis ich einschlafen konnte, war es fast fünf Uhr morgens.

Mittwoch, 05.01.22

Am Vormittag war im kasachischen Fernsehen auf den verschiedenen Sendern bereits von Unruhen zu hören, allen voran in Almaty. Erste Bilder von brennenden Autos tauchten im Fernsehen auf. Ich unternahm einen kleinen Spaziergang um die Abai- und Kurmangazy-Straße. Mehrheitlich junge Männer waren in kleinen Gruppen zu sehen, die mehr oder minder koordiniert durch die Straßen hetzten. Alte Autos, teils im schlechten Zustand, rasten die Kurmangazy-Straße Richtung Westen (Innenstadt). Im Hintergrund waren weiterhin Schüsse zu hören. Den Spaziergang nahe meiner Wohnung brach ich schließlich ab, als ich eine Ansammlung junger Männer erblickte, die einen unbewaffneten Jungen in Militäruniform (er war kaum älter als 18 Jahre) gegen seinen Willen in ein Auto zerrten und davonrasten.

Die Stimmung auf der Straße war merklich angespannt und offen aggressiv. Zwischenzeitlich war auch die Verbindung zum Internet abgebrochen. Gegen 15 Uhr verfolgte ich dann ausführlich die Berichterstattung im kasachischen Fernsehen, stets die Sender wechselnd, da ich auf Kasachisch nur wenige Phrasen verstehen konnte, während dies auf Russisch weitaus leichter war. Regelmäßig wiederkehrende Standbilder im Fernsehen informierten abwechselnd auf Kasachisch und Russisch über eine andauernde Operation der Sicherheitskräfte in der Stadt.

Am frühen Abend wurde ich vom Generalkonsulat der BRD angerufen. Sie fragten nach meinem Befinden und informierten mich darüber, dass in Kasachstan der Ausnahmezustand gelte, die Lage sei weiter unübersichtlich. Auf den Straßen waren weiterhin Schusswechsel zu vernehmen. Im Fernsehen wurde erstmalig die Sperrstunde verkündet: Von 23 Uhr bis 7:00 Uhr morgens dürfe man das Haus/die Wohnung nicht verlassen.

Donnerstag, 06.01.22

Der Tag begann ruhig, wenngleich einige Schüsse – sie schienen recht weit weg – weiterhin zu vernehmen waren. Die Behörden hatten mittlerweile darüber informiert, dass Präsident Tokajew die Einrichtung von 200 Frei-SMS bzw. 300 Frei-Minuten angeordnet habe. Der Grund dafür war offenkundig: Jedwede Internet-Verbindung war gekappt. Im Fernsehen konnte ich nun ausführlich die umfangreichen Zerstörungen am Platz der Republik sowie den großen Straßen in Almaty (Tole Bi, Seyfullina, etc.) sowie in anderen Teilen Kasachstans beobachten. Beim Versuch, schnell wichtige Lebensmittel zu kaufen, musste ich feststellen, dass die meisten Supermärkte verbarrikadiert waren. An der Dostyk-Straße gab es nur vereinzelt beschädigte Gebäude.

Wenige Menschen waren an jenem Donnerstag auf den Straßen und suchten nach den wenigen Lebensmittelläden, die geöffnet hatten. Allen voran die kleinen Läden hatten weiterhin geöffnet, wenngleich es nur noch wenige Güter gab. Für mich reichte dies jedoch völlig aus. Trotz der angespannten Lage schienen die meisten Einwohner ruhig, wohl wissend, wie man sich in Ausnahmesituationen zu verhalten habe.

Im nahen Umfeld meiner Wohnung gab es keinerlei Zerstörungen, mit Ausnahme eines Bezahlterminals an der Abai-Straße, das stark beschädigt worden war.

Freitag-Sonntag, 07.01.-09.01.22

Die Wochenendtage stellten sich ruhig, teils bizarr da: Tagsüber verfolgte ich die nonstop laufenden Sondersendungen zur Situation in Kasachstan. Zumeist wurde von einer Beruhigung und Stabilisierung der Lage beim Kampf gegen Banditen und Terroristen berichtet. Lediglich in Almaty dauere der Kampf an. Daher wurden die Hinweise für die Almatiner Bevölkerung in Bezug auf die anti-terroristischen Maßnahmen per Standbild in regelmäßigen Abständen eingeblendet.

Wenig verwunderlich daher, dass die Sperrstunde ab 23 Uhr (angekündigt mit Sirenengeheul gegen 22 Uhr) eine nahezu gespenstische Atmosphäre schuf. Die Straßenbeleuchtung war auf das Wesentlichste reduziert, die Straßen komplett leer, der jahreszeitübliche Nebel tat sein Übriges.

Montag-Dienstag, 10.01.-11.01.22

Abseits der verordneten Staatstrauer inklusive Ehrung der bei den Unruhen getöteten Sicherheitskräfte begann die neue Woche am Montag mit einem positiven Signal: Dem zeitlich begrenzten Zugang zum Internet. So war es endlich wieder möglich, Kontakt ins Ausland aufzunehmen.

Zig Nachrichten von Freunden und Familien waren zu beantworten. Teils informativ, teils verwirrend empfand ich hingegen die Berichterstattung aus dem Ausland über die Ereignisse in Kasachstan. Ich war erstaunt, wie viele Zentralasiaten-Experten auf einmal in diversen Medien zu sehen und hören waren. Schien es mir in den letzten Jahren doch eher so, dass die Region zwar wahrgenommen und akzeptiert worden war, aber nie wirklich im Fokus der deutschen bzw. europäischen Aufmerksamkeit gestanden hatte.

Der Einkauf in den mittlerweile wieder geöffneten Supermärkten war derweil herausfordernd: Menschenmassen und hektisches Treiben erinnerten mitunter daran, dass die Stadt sich immer noch im Ausnahmezustand befindet. Gleichwohl benahmen sich die Menschen respektvoll und ruhig, einige scherzten. In diesem Moment stellte ich mir die Frage, wie wohl wir Deutschen, allen voran in der alten Bundesrepublik, wohl in solch einer Situation reagieren würden. Bereits die Covid-Pandemie hatte mir aus weiter Ferne gezeigt, dass unsere Bevölkerung nur in Teilen souverän mit Krisensituationen umzugehen vermag.

So endete eine erschütternde Woche, die Kasachstan, allen voran die Stadt Almaty, nicht vergessen wird. Für mich persönlich war es ein weiterer Beleg dafür, dass die Menschen hier vor Ort mit Unsicherheit und Ausnahmesituationen sehr gut umgehen können. Der Umgang mit jenen Situationen, sei es in der Bevölkerung, in den Medien oder seitens des Staates, hat mir gezeigt, wie unterschiedlich Zentralasien doch von Europa ist. In welcher Hinsicht, dies mag jeder für sich selbst interpretieren.

Bartholomäus Minkowski, Leiter DAAD IC-Almaty / DAAD-Lektor in Almaty

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