In Zentralasien, Iran und Kurdistan wird der astronomische Frühlingsbeginn am 21. März wie Neujahr gefeiert (Navruz/Nauryz). Unser Autor war in Taschkent und hat beobachtet, wie in Usbekistan die warme Jahreshälfte begrüßt wird.
Navruz ist, wie der Frühling insgesamt, eine Phase der Veränderung, und wie Veränderungen es so in sich haben, brauchen sie ein wenig Anlaufzeit. Am 21. März, um 11 Uhr morgens, ist es in Taschkent also noch recht still. Vor dem Innenministerium, am Monument der Kosmonauten, haben sich ein paar junge Leute zum Skaten getroffen. Verständlich, bei 22 Grad Außentemperatur, Mitte März. Ungewöhnlich nur, sich vor einem sozialistischen Betonkoloss ohne Rampen oder Stufen zum Skaten zu treffen, aber am Tag davor und danach fanden sich hier ebenfalls Skater zusammen.
Vielleicht geht es ja um die Kulisse, um ein bisschen Show, hier direkt vor den einbetonierten Figuren, die das Weltall im Blick haben. Ein bisschen Raum für Träumen und Hoffen muss sein, für all die Phantasien, die sich über den grauen Winter angesammelt haben. Und die plötzlich Gestalt annehmen oder zumindest freundlicher ausschauen können, wenn die Sonne einen warmen Blick darauf wirft.
Tradition, die mit der Zeit geht
Klar ist auch: „Volksfeste“ wandeln sich selbst im Laufe der Zeit und sind in einer Welt sozialer Medien, individualisierter Lebensführung und globaler Wettbewerbsorientierung nicht nur Pflege von Tradition und Vergangenheit, sondern auch Objekte von Kommerzialisierung mit entsprechender Vereinzelung. Auf der O’zbekiston Ovozi ko’chasi, der Straße der Stimme Usbekistans, die sich hinter dem symbolischen Prestige-Hotel Usbekistan befindet, wird das besonders deutlich. Von kollektiven Bräuchen ist hier nichts zu sehen, solange die obligatorische Coca-Cola-Werbung auf jeder Freifläche nicht Ausdruck eines gesellschaftlichen Marktethos sein soll.
In der Digital Corner spielen Menschen mit KI-Filtern und auf der Bühne findet gerade der Soundcheck für eine Popmusik-Band statt. Auch die Verkäufer:innen an den Souvenirständen wirken, als seien sie noch in winterlicher Trance. Besonders belaufen ist die Straße ebenfalls nicht. Vermutlich ist es auch hier noch zu früh. Alles wirkt auf den Abend ausgelegt, um die Inszenierung der Tradition an das anzupassen, was Feiertage eben auch sind: Urlaubs- und Reisetage, an denen viele einfach ausschlafen oder raus aus dem Alltag fahren wollen.
Andererseits ist Navruz – damit tritt man niemandem zu nahe – kein Tag, der sich seine Bedeutung durch eine sensibel gepflegte Legende oder andere spirituell aufgeladenen Geschichten erarbeitet hätte. Es wird keiner martialischen Schlacht, keiner nationalen Tragödie, persönlicher Heldentaten oder kollektiven Leids gedacht. Wenn man so will, feiern die Menschen etwas sehr Einfaches: dass die Blumen blühen, die Sonne scheint, die Tage länger werden, die Bäume wieder belaubt sind.
Dass der Winter rum und der Frühling da ist. Ein Naturfest, könnte man sagen, eins, bei dem nicht die Größe des Menschen und seine konstruiert heldenhafte wie leidvolle Vergangenheit im Mittelpunkt stehen, sondern die Wiedergeburt der Landschaften, der Wälder, der aus dem Winterschlaf erwachenden Tiere, und die Zeit, in der die Abende wieder entspannt draußen verbracht werden können.
Ein überregionales Fest
Nur, wie feiert man denn jetzt den Übergang in die warme Jahreshälfte? Das Fest, das seine Ursprünge in der persischen Kultur hat, wird heute vor allem in Iran, Kurdistan, Afghanistan und den Staaten Zentralasiens gefeiert. Unter Kurd:innen ist es üblich, über ein Lagerfeuer zu springen. In Iran gehört es zur Tradition, den Tisch mit sieben Gegenständen zu decken, die – im lateinischen Transkript – mit dem Buchstaben „s“ anfangen. Sieben Gegenstände für das Leben, die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft sowie die drei Existenzformen Mensch, Tier und Pflanzen.
In Usbekistans Hauptstadt findet sich die Antwort im Navruz Park. Vor dem Eingangstor am Riesenrad hat sich eine Band in Volkstrachten zusammengefunden, in kittelartiger Seide mit grünen, roten und weißen Streifen und goldenen Karneys in den Händen, einem Blasinstrument aus der usbekischen Volksmusik.
Es ist laut und unübersichtlich. Aber der Menschenmenge zu urteilen, die sich um die Band versammelt hat, scheint es sich um eine lebendigere, klassischere Form des Frühlingsempfangs zu handeln: Dutzende ältere Frauen und Männer tanzen sich gegenseitig zu, mit geschwungenen Handbewegungen, langsamen Rhythmen und vor allem: Sie lachen so frei dazu wie Kinder, die monatelang etwas auswendig gelernt haben und selbst ganz erstaunt sind, wie gut ihre Performance vor dem Publikum funktioniert. Ein touristisch anmutendes Paar, von der Leichtigkeit der Tänze beschwingt, traut sich ebenfalls in die Mitte und fällt dort, wenn man es wohl mit ihnen meint, nicht weiter auf.
Das usbekische Navruz-Gericht: Sumalak
„Zu Navruz kehren wir ein bisschen zu unserer Kindheit zurück“, erzählt Timur, ein junger Usbeke mit gescheiteltem Haar und schüchternem Blick. „Wir tanzen, wir essen, wir gehen aus, spielen Spiele, treffen unsere Freunde und Familie.“ Das wichtigste Gericht sei Sumalak, ein dunkler Pudding mit ähnlicher Konsistenz und Geschmack wie Pekmez, der süße, aus Obst gewonnene Sirup der türkischen Küche. Für Sumalak wird keimendes Getreide mit Flüssigkeit solange auf niedriger Hitze umgerührt, bis sich die Stärke des Getreides abbaut und zu Zucker wird. „Die Vorbereitungen für Sumalak finden schon 24 Stunden vor Navruz statt. Der Pudding wird über die gesamte Nacht und den frühen Morgen umgerührt. Jeder sollte es mal ausprobieren.“
Es gibt aber natürlich nicht nur Zucker an Navruz, zumal Eid, das Zuckerfest nach dem Ende des Fastenmonats Ramadan, in diesem Jahr auch noch einen Tag vorher stattfand. Im Navruz Park wird am 21.03 auch kiloweise Plov, Halim (ein Brei aus Weizen, Milch und Fleisch) und Somsa verkauft. Und wenn man so in die Gesichter der Menschen schaut, entsteht der Eindruck, dass es genau darum geht: Gut zu essen, frei zu tanzen, fröhlich zu singen, um die Schwere des Winters hinter sich zu lassen, zumindest solange, bis es wieder regnet. In der Nacht auf den 22.03. nieselt es auf Taschkent herunter.
Bahtiyor, ein anderer junger Mann, der einen Stand mit Seidentextil betreut, guckt fröhlich in die Sonne. Die Bedeutung von Navruz, da müsse er kurz überlegen. Dann denkt er eine halbe Minute nach, mitten in der nicht minder kommerziellen Umgebung des Navruz Parks, und kommt zu einem salomonischen Urteil: „Jede usbekische Familie freut sich auf Navruz. Denn Navruz ist die Zeit, die man mit der Familie verbringt. Viele unserer brüderlichen Nationen können sich etwas von der Tradition abschauen“, sagt er in selbstbewusstem Ton. Wenn er damit die Tradition kollektiver Glückseligkeit an einem Tag im Jahr meint, dann will man ihm ohne Einwände zustimmen.























