Alexander von Humboldt ist vor allem für seine Reisen nach Südamerika bekannt. Doch auch in das Russische Zarenreich unternahm er eine große Expedition. Mit zwei Reisegefährten und drei Kutschen fuhr Humboldt 1829 durch Sibirien bis an die Grenze zu China. Dabei verschlug es den Wissenschaftler auch in das damals noch unerforschte Gebiet des heutigen Kasachstan.

Von Berlin aus bricht im April 1829 eine kleine Reisegesellschaft in Richtung Osten auf. Mit von der Partie ist kein Geringerer als der Forschungsreisende und Mitbegründer der Geographie, Alexander von Humboldt. Zusammen mit zwei Kollegen, dem Biologen Christian Gottfried Ehrenberg und dem Mineralogen Gustav Rose, geht die Reise nach Sibirien.

Wenige Monate zuvor erhielt Humboldt ein unerwartetes Angebot aus St.Petersburg. Nikolaus I., Kaiser von Russland, hat von Humboldt und seinen Entdeckungen gehört. Auch weiß Nikolaus I., dass sich Humboldt als Geologe und ehemaliger Bergbauexperte bestens mit der Förderung von Gold, Silber und Diamanten auskennt. Deshalb beauftragt ihn der Zar zu einer Reise durch das Russische Reich, um nach unbekannten Bodenschätzen und Mineralvorkommen zu suchen. Humboldt zieht es schon lange nach Asien, doch könnte er sich zu der Zeit ohne finanzielle Unterstützung eine solche Reise nicht leisten – also willigt er ein.

Von St. Petersburg bis zum Ural

Zwei Wochen, nachdem sie von Berlin losfuhren, treffen Humboldt und seine Begleiter in St. Petersburg ein. Dort bleiben sie drei Wochen am russischen Zarenhof. In der Zeit bereiten sie sich auf die Weiterreise vor und besuchen die ortsansässigen Akademien. Von St.Petersburg geht die Reise über Moskau weiter zum Uralgebirge.

Entlang des Urals unternehmen die Wissenschaftler zahlreiche Besichtigungen in Steinbrüchen, Eisenhütten, Gold- und Kupfergruben. Tagsüber sammeln und analysieren sie Proben, nachts schlafen sie in den Kutschen und reisen weiter. So legen die Wissenschaftler in kürzester Zeit weite Strecken zurück, teilweise über 200 Kilometer am Tag. Um noch schneller voranzukommen, werden an Poststationen immer wieder neue Pferde vor die Kutschen gespannt – im Verlauf der Reise insgesamt über zwölftausend.

Im Gegensatz zu seiner Amerikareise ist die Russland-Expedition ein Auftrag. Die Reise wird von Zar Nikolaus I. bezahlt und vom russischen Finanzminister Georg Cancrin organisiert. Das bedeutet weniger Freiheit für die Reisenden. Die drei Deutschen werden permanent von russischen Beamten und Soldaten überwacht, die sie auf der ganzen Reise begleiten. Es sei „[…] fast kein Augenblick des Alleinseins”, schreibt er in einem Brief an seinen Bruder Wilhelm, “kein Schritt, ohne dass man ganz wie ein kranker unter der Achsel geführt wird.”

„Ganz Sibirien ist eine Fortsetzung unserer Hasenheide“

Genauso wenig angetan wie von seiner russischen Begleitung ist Humboldt von der sibirischen Szenerie: „Ganz Sibirien ist eine Fortsetzung unserer Hasenheide.“, schreibt er später. Die Landschaften sind eintönig und bieten kaum Abwechslung, was für einen Entdecker wie Humboldt vor allem eines bedeutet: Langeweile.

Zu dem Zeitpunkt der Reise ist Humboldt bereits ein weltbekannter Wissenschaftler und mit knapp 60 Jahren fast doppelt so alt wie zum Antritt seiner Amerikareise – und vielleicht auch etwas sturer. So lässt es sich Humboldt trotz der Beaufsichtigung nicht nehmen, seine eigenen Interessen zu verfolgen. Die drei Wissenschaftler planen, die vorgesehene Route zu verlassen – für einen Ausflug nach Kasachstan.

Im Juli stellt Humboldt seinen Sponsoren vor vollendete Tatsachen: In einem Brief an den russischen Finanzminister Cancrin schreibt Humboldt von „[…] einer kleinen Erweiterung der Reiseroute”. Bevor der Finanzminister antworten kann, sind Humboldt und seine Begleiter schon auf dem Weg zu der “kleinen Erweiterung”, die am Ende über 2.000 Kilometer lang wird.

Es soll nach Süden gehen, zum Altai-Gebirge und weiter bis an die Chinesische Grenze. Damals gehört Zentralasien zu großen Teilen zum russischen Zarenreich. Es ist für die meisten Europäer ein schwarzer Fleck auf der Landkarte. Nur wenig von dem Gebiet, das sich zwischen China und Iran erstreckt, ist Anfang des 19. Jahrhunderts erfasst. Für Humboldt also eine vielversprechende Abwechslung.

Honig und Berge in Kasachstan

Von Tobolsk, der ursprünglichen Endstation, macht sich die Reisegruppe auf zum Altai-Gebirge. Die Route geht über Barnaul, nach Ridder (damals Riddersk), bis nach Ust-Kamenogorsk, dem heutigen Öskemen.

Auf dem Weg unternehmen die Wissenschaftler immer wieder Ausflüge in die Natur, nehmen Gesteinsproben, sammeln Pflanzen und vermessen die Landschaft. Dabei erfreuen sich die drei immer wieder an dem Honig der Bauern, der ihnen „in einer eigentümlichen Verbindung mit frischen Gurken“ serviert wird.

So fährt die Gruppe am Altai-Gebirge entlang. Sie sind begeistert von dem schneebedeckten Gebirge und den Kräutern, „die eine solche Höhe hatten, und so gedrängt nebeneinander standen, dass sie uns ueber dem Kopf zusammenschlugen und wir uns nicht erkennen konnten, wenn wir auch nur wenige Schritte voneinander gingen.“

Mitte August kommen sie in Ust-Kamenogorsk an, einer damals “unansehnlichen” Stadt, bestehend aus einigen Straßen mit hölzernen Häusern und knapp 2.000 Einwohnern. Hier lassen die drei Herren ihre Kutschen stehen, um mit einem kleineren Wagen weiterzufahren, flussaufwärts entlang des Irtysch.

Auf einen Tee am Rande Chinas

Die Gruppe will weiter in das Altai-Gebirge vordringen. Bis zu dem Berg Buchtarma zieht es sie, dem höchsten Berg Sibiriens (4.375 Meter, heute an der russisch-kasachischen Grenze). Jedoch naht der Winter, und es ist zu unsicher, tiefer in das Altai-Gebirge vorzudringen. Deshalb folgen sie weiter dem Irtysch, bis zum chinesischen Grenzposten Baty.

An der Grenze angekommen, empfängt sie ein chinesischer Beamter. Der “hagere Mann” ist gekleidet in “blaue seidene Überröcke”, “mit der bekannten spitzen, umgekrempelten Mütze” und verziert mit “Pfauenfedern”, beschreibt Rose in seinem Reisebericht. Mit Handzeichen fordert der Beamte seine Gäste auf, ihm zu folgen.

In einer Jurte unterhalten sich die Reisenden und der Grenzbeamte mittels einer Hand voll Dolmetscher – von deutsch zu russisch, von russisch zu mongolisch, von mongolisch zu chinesisch, und zurück. Gemeinsam rauchen sie Pfeife und trinken Tee – hier “ohne Milch und Zucker”, wie Rose feststellt.

Nach kurzer Zeit überreichen sich beide Seiten gegenseitig Geschenke. Der chinesische Beamte bekommt von den Reisenden einen Bleistift (damals in Asien selten) und Tabak. Im Gegenzug will er Humboldt ein Seidentuch schenken. Dieser lehnt jedoch ein “so großes Geschenk” ab und schiebt es dem Beamten wieder zu. Das Stück Seide wird noch ein paar mal hin- und hergeschoben, bis man sich stattdessen auf ein chinesisches Buch als das bessere Geschenk einigt. Humboldt bekommt “Die Geschichte der drei Reiche”, einen Klassiker der chinesischen Literatur, den er seinem Bruder Wilhelm von der Reise mitbringt.

Nachdem die drei Deutschen noch ein wenig die Gegend erkunden, machen sie sich wieder auf den Rückweg. Mit Booten fahren sie den Irtysch-Fluss hinunter. Nach ein paar Tagen treffen die Reisenden wieder in Ust-Kamenogorsk ein, von wo sie sich auf den Heimweg machen.

Einmal hin und wieder zurück

Der Grenzposten Baty bleibt der äußerste Punkt von Humboldts Reise. Damals zwischen dem russischen und dem chinesischen Imperium gelegen, ist die Stadt mittlerweile von der Landkarte verschwunden. Heute findet man an der Stelle den Buchtarma-Stausee, auf dessen Grund die ehemalige Grenzstadt liegt.

Im November 1829 kommt die Reisegruppe wieder in St. Petersburg an. Insgesamt dauerte die Expedition acht Monate und umfasste eine Strecke von über 15.000 Kilometern. In ihre Berichte schreiben die Wissenschaftler jedoch wenig von den Strapazen der Reise.

In einem Brief an seinen Bruder Wilhelm resümiert Alexander von Humboldt: “Eine Sibirische Reise ist nicht entzückend wie eine Südamerikanische, aber man hat das Gefühl etwas Nützliches unternommen und eine grosse Länderstrecke durchreist zu haben.”

Antonio Prokscha