Ich setze mich ja hauptberuflich für die interkulturelle Verständigung, für Toleranz, Offenheit und die Integration ein. Während ich in Vorträgen, Workshops und auf Papieren immer groß rumtöne, stoße ich in meinem privaten Alltagsleben allerdings ständig an meine Grenzen. Und besonders dann, wenn ich von meinem Job abschalten will.

Wie zuletzt im Kino. Herrlich, sich in dem dunklen Saal gemütlich in den Sitz zu kuscheln und berieseln zu lassen. Und dann gab es auch noch wenig Zuschauer, super, das gibt einen nur sehr geringen Geräuschpegel, und man kann prima zwischen den besten Plätzen auswählen! So fand ich also den für mich allerbesten Platz in der Mitte der Mitte, und niemand saß vor mir. Hinter mir unterhielten sich zwei, auch noch, als der Film anfing. Das hört sicher auf, wenn der Film so richtig anfängt, dachte ich. Keineswegs. Wie sich herausstellte, waren es Spanier, wovon einer anscheinend kein Deutsch verstand, so dass der andere den Film übersetzte. Verdammt, so eine Unverschämtheit! schoss es mir unwillkürlich in den Sinn. Ich wollte den Film natürlich ungestört sehen.

Ich war kurz davor, mich umzudrehen und die Herren freundlich zu bitten, damit aufzuhören. Aber schon ging das Reflektieren los: Habe ich überhaupt das Recht, im Kino „ungestört“ zu sein? Was heißt ungestört in diesem Fall? Wenn man ungestört einen Film sehen will, darf man nicht ins Kino gehen, sondern muss sich daheim eine DVD ansehen. Ich könnte mich ja auch umsetzen, aber um dem Störgeräusch zu entgehen, müsste ich mindestens zwei Reihen nach vorn oder hinten. Zu weit vorn ist mir zu nah und nicht gut für den Nacken. Hinten sind die Plätze in der Mitte belegt, da säße ich zu weit rechts oder links. Jetzt sitze ich einmal ideal, da will ich auch hier bleiben. Also doch um Ruhe bitten?

Aber andererseits, lass doch diesen Leuten das Sehvergnügen. Bin ich nicht immer so stolz darauf, dass Köln eine internationale Stadt ist, wo viele verschiedene Nationen friedlich zusammenleben? Dann kann ich doch nicht festlegen, wo sich die ausländischen Gäste wie bewegen dürfen, damit sie mich nicht „stören“! Und als ich in Russland im Theater oder Kino war, haben mir meine Kolleginnen freundlicherweise im Zehn-Minuten-Rhythmus eine Schnellzusammenfassung zugetuschelt, damit ich einigermaßen wusste, worum es gerade ging. Und über diese Grübelei habe ich fast einen Gutteil des Films verpasst. Ich beschloss, es zunächst anders zu versuchen: Mich lieber auf den Film und nicht mehr auf das Geraune in meinem Nacken zu konzentrieren und, anstatt es zu tolerieren, einfach zu ignorieren. Ja, und siehe da, das funktionierte tatsächlich. Aber bis ich zu diesem Punkt kam, war es lästig und anstrengend. Da ich schon im Job aus dem Reflektieren nicht rauskomme, hätte ich ja doch wenigstens in der Freizeit gern meine Ruhe – bei allem Verständnis.

Julia Siebert

20/03/09