Im Veteranenhaus in Almaty feierte der Russlanddeutsche vor kurzem seinen 90. Geburtstag. Er war Zwangsarbeiter in der Arbeitsarmee und musste viel erleiden. Heute freut er sich über den Rückhalt, den ihm im die Gesellschaft der Deutschen in Almaty bietet.

Iwan Iwanowitsch Neugum lebt im Haus der Veteranen in Almaty. Wer die Schwelle dieses Hauses überschreitet, tritt ein in eine andere Lebenswelt: Hier gibt es keine alltägliche Probleme wie Zeitmangel oder Materialismus. Ivan Ivanowitsch und andere Bewohner verleben hier ruhige lange Tage. Sie sind aus verschiedenen Gründen in der Fürsorge des Staates. Gästen begegnen sie mit einem Lächeln. Auf ihre Weise freuen sie sich über jedes neue Gesicht in ihrem Kreis.

Im Haus der Veteranen leben heute 300 Männer. Nicht alle von ihnen sind von ihren Familienangehörigen und Verwandten verlassen worden, doch die meisten hat das Schicksal allein gelassen. Neugums Frau ist schon lange tot, seine einzige Tochter ist im frühen Alter von 53 Jahren gestorben. Sogar seine Enkeltochter lebt nicht mehr. Doch trotz dieser schweren Schicksalsschläge strahlen seine Augen optimistisch. „Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die linke hin“. Iwan Neugum hält sich an diesen Bibelvers und geht friedliebend durchs Leben. Dieses Motto, sich nicht auf das Niveau seines Feindes zu begeben und jeden Menschen zu achten, verhalf ihm besonders in schwierigen Zeiten, nicht zu verzagen und dafür die Liebe zu seinen Nächsten zu bewahren.

Sein Zimmer ist gemütlich eingerichtet. Helle Vorhänge hängen am Fenster. In der Ecke steht eine Ikone und an der Wand hängt ein Porträt seines einzigen Urenkels. Hier wohnt Iwan Iwanowitsch. Er strahlt über das ganze Gesicht und freut sich über seinen Besuch. Das Geburtstagskind freut sich über seine Gäste. Zum 90. Geburtstag ist Jelena Popowa, Expertin für Sozialarbeit in der Assoziation der gesellschaftlichen Vereinigung der Deutschen Kasachstans gekommen. Ebenso ist auch Ludmila Prosekowa, die Koordinatorin für Sozialprojekte der Gesellschaft der Deutschen in Almaty anwesend. Der Tisch ist gedeckt mit einer Torte und Rosen. Auch die Chefärztin Jerlana Utemisowa sowie Schwester Olga Chodschinasarowa haben ihm bereits zum 90. Geburtstag gratuliert.

Iwan Iwanowitsch ist am 26. September 1924 auf der Krim geboren. Als der Krieg begann, war er 16 Jahre alt. Wie alle Sowjetdeutschen ist er deportiert worden. Mit seiner Familie kam er nach Nordkasachstan, in ein Dorf, unweit der Bahnstation Mamljutka.

Deportation und Arbeitsarmee – Neugum erinnert sich sehr gut an diese schweren Jahre: „Im Februar 1942 wurde ich einberufen. Wir waren 40 Mann. Am nächsten Tag schickten sie uns nach Petropawlowsk. Dort wurden alle arbeitsfähigen Männer aus ganz Nordkasachstan hingebracht, um anschließend in die Arbeitsarmee geschickt zu werden. Wir mussten der Maschinenfabrik in Tscheljabinsk schuften. Dort wurden Panzer hergestellt. Mich schickten sie in die Gießerei. Dort musste ich bei unvorstellbarer Hitze und unter schwersten Bedingungen ein Jahr lang arbeiten.“ Die einzige Möglichkeit, den harten Arbeitsbedingungen der Gießerei zu entfliehen, bestand darin, an einen anderen Arbeitsplatz versetzt zu werden“, erzählt Iwan Iwanovitsch. Eines Tages sei der Brigadir gekommen und habe Freiwillige gesucht, um die in den Dörfern Heu zu pressen. „Ich habe natürlich sofort zugesagt. Ich hätte alles gemacht, um dieser unerträglichen Hitze zu entkommen. Dort habe ich einige Monate lang gearbeitet und musste viele schwere Sachen heben. Dann bin ich plötzlich gestürzt und habe mich am Rücken verletzt. Fast einen Tag habe ich auf der Straße gelegen bis man mich ins Krankenhaus gebracht hatte. Menschen gingen wie Schatten umher. Jeden Tag starb jemand. Die Kommission, die mich begutachtete, schickte mich zu einer Ärztin. Ich glaube, dass sie mich gerettet hat. Sie hat mich untersucht und sich erkundigt, ob ich wüsste, wo sich meine Familie und Verwandten aufhielten. Ich wusste es nicht. Ich wollte unbedingt wieder arbeiten. Dies hat sie mir nicht mehr erlaubt. Stattdessen habe ich eine Verpflegungszuteilung für drei Tage bekommen. Ich kann mich noch sehr gut an ihre Worte erinnern. Sie warnte mich, alles sofort aufzuessen, sonst würde ich sterben. Also habe ich so lange wie möglich von der Verpflegung gezehrt und bin nach einigen Tagen nach Hause geschickt worden. Im Haus herrschten Hunger und Kälte, aber meine Brüder wohnten darin. So war ich gezwungen, mit ihnen zusammen nach Mamljutka zu ziehen. Dort suchten wir Arbeit. Es war fast unmöglich, unsere Existenz in diesem Dorf zu sichern. Also wanderten wir eine Zeitlang umher und hatten schließlich eine Arbeit als Vieh-Hirten gefunden. Es fand sich ein Zimmer, in dem wir wohnten und auch regelmäßig eine Versorgungsration bekamen. Zum Winter wurde das Vieh verkauft. Also standen wir wieder auf der Straße. Dann hatten wir eine Unterkunft in einem Wärterhäuschen gefunden. Dort befand sich auch ein Klub, dessen Leiterin uns erlaubte, dort zu wohnen und nach dem Rechten zu schauen. Dann hat uns das Schicksal mit Grigori Fondenweger zusammengebracht. Er nahm uns unter seine Obhut. Seine Frau Lisa brachte uns gleich einen ganzen Teller voll Wareniki und Butter. Daran kann ich mich heute noch erinnern, wie nahrhaft und köstlich dieses Essen war. Dank Onkel „Grischa“, wie wir ihn nannten, bin ich Chauffeur geworden.“

Es ist Ivan Neugum gar nicht anzusehen, dass er gerade 90 Jahre alt geworden ist. Nie hat er geraucht, Alkohl hat seit der fernen Jugend nicht mehr getrunken. Selbst an seinem Geburtstag macht er keine Aussnahme. Sein Geheimnis ist, dass er sich um seine Gesundheit bemüht und im hohen Alter aktiv bleibt. Er selbst ist sehr dankbar, dass er im Veteranenhaus leben darf. Ebenso weiß er das Engagement der Assoziation der gesellschaftlichen Vereinigungen der Deutschen Kasachstans zu schätzen: „Weder Jelena Popowa noch Alexander Dederer übersehen mich. Es ist sehr erfreulich, dass es in Almaty eine Stelle gibt, an der die Deutschen um Hilfe bitten können“, freut sich Iwan Neugum.

Olesja Klimenko