Neulich waren meine ehemaligen Studenten aus Wladiwostok zu Besuch in Köln. Nachdem ich ihnen im Landeskundeunterricht stolz von meiner tollen Stadt erzählt hatte, wollte ich sie nun von ihrer besten Seite zeigen. Das ist mir nicht gelungen.

Ich hatte leider keine Zeit, sie selbst herumzuführen, also nahm ich mir den Stadtplan vor, um ein attraktives Besichtigungsprogramm auszuarbeiten. Klar, der Dom, der Rhein, die Altstadt. Was noch? Das wissen meine Gäste nicht genau und schauen mich fragend an. Und ich weiß es, so direkt gefragt, auch nicht genau und schaue fragend auf den Stadtplan. Ich suche nach Sehenswürdigkeiten. Ja, die gibt es natürlich. Ein Stückchen Mauerrest oder Torbogen aus der Römerzeit hier und da, das alte Rathaus. Und es gibt allerhand, was ein Zentrum sonst so zu bieten hat: Museen, Kirchen, einen Zoo, Parks. Alexej will auf den Fernsehturm, der ist aber schon lange geschlossen. Ganz nett ist immer eine Fahrt mit der Seilbahn über den Rhein, aber auch die steht zur Zeit still. Meine Gäste sind nicht gerade begeistert. Und es stimmt, das ist ja auch nicht das, was mich an meiner Stadt begeistert. Etwas muss es ja sein. Schließlich lebe ich hier seit Jahrzehnten und langweile mich nie. Natürlich, es ist das Leben. Man muss die Stadt erleben, fühlen. Es sind die Menschen, die hier sind, die Toleranz und Offenheit, es sind die Künstler und Musiker, die Freaks und die Homosexuellen; es sind die schrägen Cafés und die krummen Winkel. Es ist, dass sich hier jeder für alle engagiert und mitmischt; dass jeder eine Chance bekommt; das Bürgerengagement. Wieder schaue ich auf den Stadtplan und entdecke viele Ecken und Plätze, wo ich mich gerne aufhalte. Also schlage ich einen Gang durch die Stadtviertel vor, um einen Eindruck von der Stadt zu bekommen. Was es da zu sehen gibt, fragen meine Gäste. Na, die Stadt eben. Wie man wohnt und lebt, so in etwa. Ja, aber was genau? Ich kann es nicht vermitteln. Als Lehrerin weiß ich, dass manchmal die Praxis besser ist als Theorie, und so schicke ich sie schließlich los. Sie werden dann schon ihren guten Eindruck von der Stadt bekommen, hoffe ich insgeheim. Nach wenigen Stunden kommen sie wieder. Wie der erste Eindruck war, frage ich. Der erste? Meine Gäste finden, dass sie eigentlich schon fertig sind mit der Stadt und keine weiteren Eindrücke brauchen. Alexej war am Rhein und im Schokoladenmuseum, Klara war in einem Gemäldemuseum. Nach den Museumsbesuchen war es dunkel. Alexej möchte gleich wieder zurück nach Leipzig fahren. Klara möchte immerhin noch in der Region bleiben und sich Bonn anschauen. Ich rechne kurz aus: Wenn drei Stunden reichen, um eine Stadt wie Köln zu erkunden, dann müssten für eine Stadt wie Bonn eigentlich zwanzig Minuten ausreichen. Fast gebe ich auf, aber da ich schließlich ihre Lehrerin war, nun die Gastgeberin bin und sowieso interkulturell geschult sein sollte, überlege ich, wie ich zwischen ihnen und meiner Stadt vermitteln kann, so dass ich beiden Seiten gerecht werde. Während ich noch überlege, merkt Klara an, dass Köln wie Frankfurt ist. Da sehe ich ein: Es ist aussichtslos.

Julia Siebert

02/03/07