Ich muss zugeben, ich stehe auf Prominenz. Ich finde es totchic, berühmten Persönlichkeiten zu begegnen, und bin immer ganz aufgeregt, wenn ich auch nur in den Windschatten einer aus Funk und Fernsehen bekannten Person gerate. Es muss sich nicht unbedingt um einen Menschen handeln.

Darin unterscheide ich mich nicht von anderen. Nicht ohne Grund streben und strömen die Menschen ins Disneyland, um dort Mickey und Goofey zu treffen und sich mit ihnen fotografieren zu lassen, auch wenn in den Kostümen arme zersauste Studenten stecken, die für einen Kleckerlohn schwitzen und sich die Füße wund laufen. Aber da ist das Hirn bestechlich und unflexibel. Wenn es mit einer Figur ein Sinnbild vorgesetzt bekommt, dann ist und bleibt diese Figur das Sinnbild. Kannste nix machen. So passiert es auch, dass Schauspieler, die Lehrer, Ärzte oder Kommissare spielen, in Talkshows zu Bildungs-, Gesundheits– und Kriminalitätsfragen Auskunft geben sollen.

Eine Freundin erzählte mir zuletzt nebenbei, dass sie das Hänneschen kennt. Ich flipp aus – das Hänneschen! Außerhalb von Köln ist das Hänneschen kaum bekannt, aber für mich als kölsches Mädchen ist und bleibt das Hänneschen der größte Held. Wie habe ich es als Kind geliebt, das Stockpuppentheater zu besuchen und dem fuchsschlauen wieselflinken Hänneschen dabei zuzusehen, wie es mit viel Witz und Herz die Halunken überführt und den Dorffrieden rettet. Eines war mir immer klar: Ich wollte Hänneschen werden! Meine Großmutter erhörte meinen Wunsch, strickte mir eine wunderschöne rot-weiß-gestreifte Hänneschenmütze, mit der ich nicht nur im Karneval im Hänneschenhüpfstil durch die Gegend hopste. Noch heute werde ich, wenn ich ans Hänneschen-Theater denke, ganz sentimental.

Ich kann noch nicht fassen, dass eine leibhaftige Begegnung in so greifbare Nähe gerückt ist. Ich überlege schon, was ich das Hänneschen alles fragen werde, wenn es vor mir steht. Und an diesem Punkt fällt mir wie vom Blitz getroffen ein, dass dann nämlich gar nicht das Hänneschen vor mir stehen würde, sondern ein Martin, Thomas oder Georg, der Puppenspieler ist, den normalmenschliche Themen bewegen und der es wahrscheinlich leid ist, in seiner Freizeit nach seinem Hänneschen-Dasein gefragt zu werden. Und wie könnte ich je wieder ins Hänneschen-Theater gehen, wenn ich erfahre, dass das Hänneschen nach der Vorstellung bis zur nächsten Probe oder Aufführung aufhört zu existieren, weil der Puppenspieler Feierabend macht und ins Fitnessstudio geht, seine Hemden bügelt oder einen Krimi guckt. Unter diesem neuen Gesichtspunkt bin ich doch nicht mehr so froh, dass meine Freundin das Hänneschen kennt. Nicht, dass wir uns mal versehentlich auf einer Grillparty bei ihr begegnen.

Meist kann ich meinem Drang, die Dinge zu ergründen und hinter die Kulissen zu schauen, nicht widerstehen. Aber weil das oft so ernüchternd und enttäuschend ist, will ich mir ein paar Illusionen erhalten. Ich möchte nicht wissen, wer hinter meiner anonymen Lieblingskolumne steckt, wie der Synchronsprecher von Robert de Niro aussieht und auf gar keinen Fall will ich erfahren, was das Hänneschen in seiner Freizeit macht.

Julia Siebert

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