Damit Unternehmen und Staaten, samt ihren Unterorganisationen, auf den privaten Geldmärkten Kredite aufnehmen können, brauchen sie ein Rating. Das ist eine Bewertung der aktuellen Finanzlage des Kreditnehmers, die die Wahrscheinlichkeit des normalen Bedienens des Kredits, d.h. die rechtzeitige und vollständige Zinszahlung sowie volle Rückzahlung des Kredits am Ende seiner Laufzeit, nach gründlicher Prüfung aller entsprechenden Unterlagen des potentiellen Kreditnehmers einschätzt. Je höher das Risiko der nicht rechtzeitigen oder nicht vollständigen Rückzahlung, um so niedriger ist die Ratingnote und um so höher sind die Zinsen, die der Kreditnehmer zahlen muss.

Das trifft sowohl für private als auch staatliche Kreditnehmer zu. Das Erstellen eines Ratings ist also eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, weil davon nicht nur die Kosten der Kreditbeschaffung und damit ein Gutteil der Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen daran hängt, sondern oftmals auch die Existenz von Unternehmen und die Zahlungsfähigkeit von Regierungen und Staaten.

Nun sollte man meinen, dass diese wichtige Aufgabe wirklich qualifiziert und unabhängig ausgeführt wird. Mit dieser Meinung liegt man aber falsch.

Der Ratingmarkt ist total privatisiert, was nicht weiter schlimm ist. Dramatischer ist, dass er in höchstem Maße monopolisiert ist, de facto teilen sich nur drei amerikanische Unternehmen diesen Markt. Noch problematischer ist, dass der Auftraggeber, also derjenige, der das Kreditrating für die Kreditaufnahme braucht, das Urteil über sich selbst bezahlen muss. Das muss zwangsläufig zu finanziellen Interessenkonflikten führen: gibt nämlich die Ratingagentur wie z. B. Standard & Poors dem Auftraggeber ein schlechtes Rating, kann dieser sich kein Geld auf dem Kapitalmarkt beschaffen und unter Umständen auch nicht die Ratingagentur bezahlen.

Verbreiteter als diese Möglichkeit sind jedoch Gefälligkeitsgutachten: man will dem Auftraggeber als Kunden behalten und drückt alle Augen zu. Das Rating fällt dann besser aus, als es eigentlich sein dürfte. Damit bekommen die vielen großen und auch kleinen Teilnehmer des Kapitalmarktes auf der Käuferseite jedoch keine objektiven Informationen mehr über die Kreditwürdigkeit der angebotenen Wertpapiere. Gerade für diesen Zweck aber wurden die Ratings ja erfunden.

Von den Subprimepapieren, den Anleihen für problematische Immobilienkredite, die im Jahre 2006 die Bestnote AAA erhielten sind 93 Prozent heute Ramschpapiere. Ihre positive Einschätzung durch die Ratingagenturen war also zu 93 Prozent falsch. Um soviel Prozent dürfen und können sich Profis ganz einfach nicht irren. Das haben sie auch nicht, sondern hier steckt ein Großteil Gefälligkeitsgutachten drin.

Das andere Extrem der zu schlechten Bewertungen konnte man in den letzten Tagen am Beispiel der Staatsanleihen für Spanien sehen. Der Schuldenstand Spaniens ist mit 53 Prozent in der Eurozone sehr niedrig. Spanien erfüllt damit als eines der wenigen Euroländer die Eurokriterien. Weder Deutschland oder Frankreich haben das hingekriegt. Dennoch hat eine Ratingagentur „vorsorglich“ die Kreditwürdigkeit der spanischen Regierung von der Bestnote AAA auf die zweitbeste AA heruntergestuft. Das alleine hat in den Zeiten nervöser Märkte ausgereicht, um eine Panik an den Geldmärkten auszulösen.

Auslöser für die Ratingverschlechterung Spaniens war dabei nicht die Finanzlage, sondern die Veränderung des spanischen Geschäftsmodells, sprich die Umstrukturierung der Wirtschaft weg von der einseitigen Immobilen- und Tourismusausrichtung. Insgesamt stellt sich also die Frage, wer denn eigentlich die Kontrolleure kontrolliert. Sicher denkt man dabei zuerst an den Staat. Wahrscheinlich ist das richtig. Doch eine zu schaffende staatliche Einrichtung stößt bisher meist auf mindestens zwei Widerstände: 1. sie muss international übergreifend arbeiten, d.h. alle Staaten müssen mitmachen. 2. diese Einrichtung muss auch unabhängig von den Regierungen arbeiten können, also keine Gefälligkeitsnoten für Regierungen erstellen dürfen.

Die Gespräche zur Schaffung einer solchen Agentur sind zumindest für Europa angelaufen. Mal sehen, was daraus wird!

Bodo Lochmann

28/05/10