… behauptete Elmer zuletzt in einem Thekengespräch. Aha, soso. Prost! befand ich, eine interessante und lustige These für so ein Thekengespräch. Aber bei klarem Kopf und nüchtern betrachtet wird diese Aussage ziemlich ernst und unheimlich.

Es macht viel Spaß, mit Elmer zu philosophieren, insbesondere wenn er sich zu Behauptungen vorwagt, die sich sonst niemand traut. Da für Elmer die Welt und das Leben vor allem ein Konstrukt ist, das er am liebsten intellektuell nachvollzieht, kann man sich frei und beliebig alles weg- und zurückdenken, was einem in den Sinn kommt. Und wenn der Gedankengang unterwegs an Logik verliert, lässt man eben wieder ab von dem Irrweg, und alles bleibt beim Alten.

Hätte es seinerzeit nicht schon Kolumbus behauptet, wäre Elmer heute derjenige, der verkündet, dass die Erde keine Scheibe ist. Welch einen Aufschrei gab es damals! Welch einen Aufschrei gibt es heute in mir, wenn ich seinen Gedanken aufgreife: Die Liebe gibt es gar nicht. Waaaaas?! Natürlich gibt es die Liebe! kreischt es in meinem Innersten. Ich kann mir eine Welt ohne Liebe nicht denken. Was bliebe denn dann? Wie fühlte sich das Leben ohne Liebe an? Was läse ich ohne all die schönen Romane, die Gedichte? Welche Filme könnte ich mir anschauen? Was wäre das für ein karger, öder, schnöder, trostloser Planet, wenn es keine Liebe gäbe?? Wovon träumte ich, wenn ich auf dem Sofa lümmele und die Regentropfen auf der Fensterscheibe zähle??? Unerhört und unglaublich!

Andererseits, hüstelt und räuspert eine andere Stimme, haben immer mal viele Menschen etwas geglaubt, das dann von jemandem, der nüchtern, sachlich, schlau war und dreimal mehr nachgedacht hat als die anderen, widerlegt wurde. Eben! Elmer ist nicht der erste, der versucht, dem Liebesgefühl die hoffnungslose Romantik zu entziehen und uns eine nüchterne Erklärung unterzujubeln. In diversen Fachzeitschriften häufen Artikel neurologische und biochemische Phänomene an, um schlüssige Argumentationskonstrukte aufzubauen, die die vermeintliche Liebe als banale Urtriebe enttarnen. Das will ich nicht glauben.

Ich will aber auch nicht zu den starrsinnigen Deppen gehören, die widerspenstig an der Erdscheibe festhalten und über die sich die Archäologen und Ethnologen von übermorgen gehörig wundern und lustig machen, weil wir so ein immenses Geschisse um diese seltsame Erfindung namens Liebe veranstalten. Dass wir dafür den Verstand verlieren, andere oder uns selbst ermorden und alles in allem viel Kraft und Lebenszeit verschwenden, der ewigen Liebe nachjagend.

Tja, und nun? Wenn Elmer recht hat, habe ich jetzt die Gelegenheit, mich läutern zu lassen, um meine zweite Lebenshälfte in weiser Erkenntnis zu verbringen. Eine Lebenshälfte in nüchterner, sachlicher Reife ohne Erwartungen und verträumte Glücksphantasien. Keine juchheissassadurchtränkte Leidenschaftlichkeit mehr, sondern trockene Urtriebbefriedigung, als würde ich mir beim Bäcker ein Brot holen. Och nöö, da kann ich mir ja gleich die Kugel geben. Bevor ich mich lebendig begraben lasse, nehme ich mir die altbewährte Theorie zu Hilfe, dass die Welt ein Konstrukt ist, dass es die allgemeingültige Wahrheit nicht gibt usw. usf., und damit darf sich jeder alles zurechtdenken, was er will und braucht. Dem Elmer sei seine Liebeslosigkeit gegönnt, ich für meinen Teil bleibe dabei: Es gibt die Liebe, es lebe die Liebe, ein Hoch auf die Liebe!

Julia Siebert

04/06/10