Zwei Radler aus Deutschland und Österreich haben sich vorgenommen, mit dem Fahrrad Australien zu erreichen. Von ihren Eindrücken bei der Reise durch Zentralasien berichten sie in der DAZ.

Wenn man mit dem Fahrrad durch Zentralasien fährt, muss man sich auf einiges gefasst machen!

Wir haben es trotzdem gewagt und dabei unglaubliche Erfahrungen gemacht.

Im April 2012 sind wir beide – Gerd Müller aus München und Astrid Fischer aus Wien – in unseren Heimatstädten losgeradelt. Seit Dubrovnik, Kroatien sind wir wie geplant gemeinsam unterwegs, um mit dem Fahrrad um die Welt zu reisen. Wir folgten der Adriaküste nach Süden, durchquerten die Türkei und die Kaukasusregion. Von Baku aus brachte uns ein Frachtschiff über das Kaspische Meer nach Aktau, Kasachstan, wo unser „Abenteuer Zentralasien“ begann.

Mitten in der Nacht legte das Schiff „Karabach“ im Hafen von Aktau an. Während die vereinzelten anderen Passagiere rasch von Bord gingen, mussten wir erst unsere unzähligen Taschen hinunter in den Schiffsrumpf tragen, an den Rädern befestigen und diese über die breite Metallrampe an Land schieben.

Erste Nacht in Kasachstan

Durch den Zoll kamen wir rasch, indem wir anhand eines kleinen Bilderbuches zeigten, was in unseren Taschen alles verborgen ist. Der einzige Passagier-Ausgang aus dem Frachthafen ist quer durch das Zollgebäude. Also schoben wir die breit bepackten Räder vorsichtig an den Scannern und Detektoren vorbei. Glücklicherweise erlaubten uns die Grenzbeamten für den Rest der Nacht die Zelte am äußeren Parkplatz aufzuschlagen. Am nächsten Morgen radelten wir nach Aktau, um uns vor der bevorstehenden Wüstenetappe noch ein paar Tage zu akklimatisieren.

Unsere Wüstentour führte von Aktau über Shetpe und Beyneu ins usbekische Karakalpakstan. Es war August und so heiß und trocken, wie wir es noch nie zuvor erlebt hatten. Die Luft ließ die Atemwege austrocknen, die Augen brannten, und die Räder bewegten sich nur langsam und schwerfällig über den heißen, groben Asphalt. Als wir die Hafenstadt Aktau hinter uns ließen, durchquerten wir erst ein riesiges Schwerindustrie-Gebiet. Hinter der Gasprom-Tankstelle, bei der wir nochmals unsere Wasservorräte aufstockten, war das Land leer. Es gab nur diese eine Straße, die schnurgerade Richtung Horizont verschwand. Die karg bewachsene Steppe war monoton. Viele Stunden lang sahen wir bloß ein paar vereinzelte Kamele und einige Autos. Die Sonne stand hoch am Himmel und brannte heiß, als wir Kilometer um Kilometer der Wüste entgegenstrampelten.

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Zentralasien ist anders… Schon zuvor hatten wir Trockengebiete und Gebirge durchquert, Versorgungsengpässe erlebt und Kommunikationsschwierigkeiten bewältigt. Doch beginnend mit Kasachstan wurde diese Reise richtig ernst.

Fahren, bevor die Hitze kommt

Einige Tage später hatten wir unseren Rhythmus gefunden. Wir standen vor Sonnenaufgang auf, um vor der stärksten Hitze schon eine weite Strecke radeln zu können. Die hunderten, vor uns liegenden Kilometer zählten nicht, da unser nächstes Ziel stets nur 30 bis 60 Kilometer entfernt lag. Es ging einzig darum, im Laufe des Tages die nächste „Schaichana“ zu erreichen, um Wasser kaufen und die heißesten Stunden des Tages dort abwarten zu können. Für die Nacht blieben wir entweder dort oder fuhren einige Kilometer weiter, um unter dem prächtigen Sternenhimmel zu zelten.

Viele Menschen trafen wir nicht, außer den oft verwundert stehenbleibenden Truckfahrern, die uns freundlich ihre Hilfe anboten. Doch wir wollten unsere Räder nicht in einen LKW verladen, sondern die Strecke aus eigener Kraft bewältigen. Die angebotenen Getränke hingegen nahmen wir immer gern an.

Die wenigen einheimischen Menschen, die wir trafen, waren dabei genauso extrem wie die karge Landschaft, die ihr Zuhause ist. Neben überwältigender Neugierde und Interesse stießen wir in den Schaichanas oft auf schroffe und unfreundliche Menschen. Das irritierte uns, da wir auf der bisherigen Reise stets offen empfangen wurden. So blieb uns von den 550 km, die wir im Westen Kasachstans per Rad zurücklegten, hauptsächlich die unendlich weiten, oft brutal schlechten Straßen, die Begegnungen mit Pferden, Kamelen und Skorpionen und die körperlichen und mentalen Herausforderungen in Erinnerung.

Per Anhalter durch die Wüste

An der usbekischen Grenze änderten wir unseren Transportstil. Usbekistan hat unglaubliche kulturelle Schätze, die wir uns nicht entgehen lassen wollten. Durch unser 30 Tage-Visum zeitlich eingeschränkt, beschlossen wir, den Rest dieser Wüste per Anhalter zurückzulegen. Wir trafen auf Iwan, der wie viele seiner Fernfahrerkollegen gefrorene Lebensmittel zu den deutschen Truppen nach Afghanistan transportiert. Mit ihm reisten wir zwei Tage lang durch Karakalpakstan. Wir trauten unseren Augen kaum, als wir nach dreieinhalb Wochen in der Wüste erstmals wieder grüne Landstriche sahen. Ein wahres Paradies! Die Baumwollfelder und Maisplantagen zogen sich die Straße entlang dahin, intensiv bewässert durch breite Kanäle, die durch den Fluss Amudarja gespeist werden. Überall sieht man Schilf, Weiden und Pappeln. Doch diese üppige Pracht lässt uns auch erschauern, wissen wir doch, dass all dies auf Kosten des schwindenden Aralsees geht, einer der größten ökologischen Katastrophen der Region.

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In Beruni wird es Zeit, uns von Iwan, unserem freundlichen Truckfahrer zu verabschieden und uns wieder in die Sättel zu schwingen. Entlang von Alleen und Melonen-Verkaufs-Ständen setzten wir unseren Weg nach Chiva fort. Hier sahen wir plötzlich wieder viele andere Radfahrer – Usbeken, die Waren transportierten oder einfach auf dem Weg in den nächsten Ort waren. Über viele Kilometer wurden wir von den Männern begleitet, die uns freundlich zuwinkten und sich über unsere großen, bunten Taschen auf den Reiserädern wunderten.

Als wir am nächsten Tag Chiva erreichten, blieben wir ehrfürchtig stehen, als die breite, aus Lehm gefertigte Stadtmauer der Oasenstadt vor unseren Augen auftauchte. Stolz erfüllte uns, als wir an die tausende Kilometer per Rad dachten, die wir aus unserer Heimat in Europa bis hierher zurückgelegten hatten.

Chiva wirkte auf uns so fremd, orientalisch und anders, dass es uns den Atem verschlug! Neben der beeindruckenden Stadtmauer faszinierte uns vor allem die Dschjuma-Moschee mit ihren 213 geschnitzten Holzsäulen und die Gesamtausstrahlung dieser geschichtsträchtigen Stadt.

Nächste Station: Buchara

Nach weiteren hunderten Kilometern per Rad und Autostopp erreichten Buchara.
Unzählige Handwerker wir besiedeln die Altstadt und gehen im Schatten beeindruckender Bauten ihrer täglichen Arbeit nach. Dabei entstehen wahre Meisterwerke! Anwar Kurbonow, ein junger Kunstschmied, weihte uns in sein Handwerk und sein Leben ein.

Nach der Besichtigung Samarkands konzentrierten wir uns wieder auf die Reise selbst und verbrachten Stunden im Sattel, während das Ferganatal langsam an uns vorüberzog. Manchmal dutzende Male an einem Tag wurden wir von freundlichen Usbeken angesprochen und um Fotos gebeten. Unsere letzte Nacht vor dem Grenzübergang zu Kirgisistan wurden wir herzlich in das Haus einer Usbekin eingeladen, und das ganze Dorf kam zusammen, um Essen zu bringen und Geschichten zu hören.

Über den Pamir-Highway nach Süden

Unser letzes Land in Zentralasien war Kirgisistan. Von Osh aus radelten wir den Pamir-Highway nach Süden. Über den Taldyk-Pass vor Sary-Tash erreichten wir das auf 3.300 Metern über dem Meeresspiegel gelegene Hochplateau, das sich nach Osten Richtung chinesische Grenze zieht. Der Winter war bereits in den Startlöchern, und Kälte, Schnee und gefrorenes Trinkwasser zehrten vor allem abends an unseren Kräften.

Doch die Ausblicke auf die schneebedeckten Berge, die funkelnd über dem beinahe menschenleeren Hochplateau ragten, die kirgisischen Kinder, die in den wenigen Ortschaften zusammenliefen, um uns zu begrüßen, und der unbeschreibliche Sternenhimmel über unserm Lagerplatz entschädigte für alle Mühen.

Nahe der chinesischen Grenze führte uns die Straße hoch bis auf knapp 3.800 Meter. Müde und atemlos erreichten wir mit unseren Rädern den Pass und blickten zurück über die beeindruckende Landschaft, die hinter uns lag. In Zentralasien hatten wir Wüsten, Oasenstädte, steile Pässe und eine gigantische Bergwelt erlebt. Wir trafen auf gastfreundliche Menschen, wilde Tiere, erfuhren interessante Begebenheiten über die Kultur, Geschichte und das tägliche Leben der Menschen. Was zuvor ein unbekanntes Gebiet auf der Landkarte gewesen war, ist Teil unseres Lebens geworden.

Von ihren Erlebnissen auf der Fahrradtour um die Welt berichten die Autoren auf ihrer Webseite www.global-cycling.de. Weitere Bilder auf S. 12 sowie unter www.deutsche-allgemeine-zeitung.de.

Von Astrid Fischer und Gerd Müller