Sie wurde in Kasachstan geboren, in der Stadt der Apfelgärten und der sauberen Wassergräben, umhüllt von Sonne, Wärme und malerischen Bergketten. Monika Gossmann ist wunderschön, talentiert, beliebt und außerordentlich charmant. Hinter ihr liegen dutzende unvergessliche Arbeiten im Theater, wo sie nicht nur als Schauspielerin auftrat, sondern auch als Regisseurin. Sie spielte glänzende Rollen in russischen und internationalen Kinoprojekten wie „Vom Tode bezahlt“ (2007), „Iron Sky“ (2012) „Indian Summer of a Golden Age“ (2015), „Jekaterina. Der Aufstieg“ (2016), „Jekaterina. Thronräuber“ (2019), „Mank“ (2020). Außerdem leiht sie ihre Stimme der Heldin des deutsch-russischen Filmes „Mädchen im Eis“.

Monika, welche Kindheitserinnerungen an Almaty bewahren Sie noch immer in Ihrem Inneren?

Ich habe keine klaren Erinnerungen: Als wir aus Alma-Ata nach Tadschikistan zogen, war ich drei Jahre alt. Aber ich erinnere mich an persönliche Gefühle, als die Familie mit mir in Alma-Ata Freunde besuchte. Als ich bereits erwachsen war, kam ich zur Premiere von Alexandr Newski (mein Mann Anton Pampuschny spielte Newski), – und es gab da etwas Heimatliches. Als ich zum Beispiel in Astana war – ohne Frage eine sehr schöne Stadt -, hatte ich keinerlei Empfindungen. Aber in Alma-Ata reagierte sogar der physische Körper auf die inneren Emotionen, es fühlte sich wie Zuhause an. Obwohl ich im Hotel gewohnt habe.

Es ist bekannt, dass Ihre Vorfahren ukrainische Deutsche und Wolgadeutsche waren. Würden Sie uns etwas von ihnen erzählen?

Sowohl mein Großvater mütterlicherseits als auch väterlicherseits sind Wolgadeutsche, und die Großmütter ukrainische Deutsche. Ich erinnere mich, dass die Familie oft über deutsche Dialekte diskutiert hat, zum Beispiel, wie man jenes Gericht nennt: „Kraut und Brei“ oder „Kraut und Stampes“. Aber das Schicksal zu Zeiten der Repressionen war das gleiche wie bei allen sowjetischen Deutschen: meinem Großvater erfroren in der Kindheit die Füße, und er wäre fast an Hunger gestorben, so wie viele Kinder in dieser Zeit. Als die Nazis die Ukraine räumen mussten, wurde meine Großmutter mütterlicherseits zusammen mit anderen Menschen nach Deutschland entführt. Anschließend haben die sowjetischen Machthaber sie nach einiger Zeit nach Archangelsk verbannt, dort hat sie meinen Großvater kennengelernt.

Bis zum Jahr 1953 hatten sie nicht das Recht, irgendwohin zu gehen. Erst gegen Ende der 50er Jahre konnten sie nach Kasachstan fahren. Und die Verwandten aus dem Wolgagebiet waren sofort nach Sibirien verbracht worden, wo auch mein Vater geboren wurde. Erst später trafen sich meine Eltern auf einer Weinbausowchose in der Region Almaty. Sie saßen ab der ersten Klasse zusammen an der Schulbank, und nach der Schule haben sie geheiratet und sind nach Alma-Ata gegangen, wo ich und mein Bruder das Licht der Welt erblickten.

Dann siedelten sie nach Tadschikistan über. Meine Eltern sind sehr zielstrebige Leute, in den 70er Jahren haben sie trotz aller Hindernisse einen Hochschulabschluss gemacht. Ich bin stolz auf sie, zu dieser Zeit war das praktisch unmöglich. Mein Vater ist Augenarzt und meine Mutter Lehrerin. Vater übt seinen Beruf erfolgreich in Deutschland aus. Und Mama beschloss, nachdem sie 1988 in die Bundesrepublik gekommen waren, in der Kindererziehung zu arbeiten. Alle Russlanddeutschen mussten ihre Abschlüsse ein weiteres Mal nachweisen, was meine Eltern auch erfolgreich getan haben. Die erfolgreichere Karriere in Deutschland haben immer noch die Ärzte. Ich respektiere Mama sehr dafür, dass sie ihren Beruf für die Familie und die Kinder geopfert hat. Um ehrlich zu sein, wüsste ich nicht, ob ich das Gleiche tun könnte.

Gab es in Ihrer Familie Künstler oder kreative Persönlichkeiten? Woher kommt die Leidenschaft für die Kunst?

Künstler gab es keine, aber die Brüder der Großmutter mütterlicherseits besaßen ein absolutes musikalisches Gehör. Sie konnten nur keine Noten lesen. Sie spielten Akkordeon – das ist wahrscheinlich das Einzige, was sie während der Kriegsjahre gerettet hat. Die Russlanddeutschen sind ein talentiertes und willensstarkes Volk. Das auszuhalten, was sie durchlebt haben, schaffen nur standhafte und tapfere Menschen.

In den Sowjetjahren, insbesondere nach dem Krieg, wurde den Deutschen keine Möglichkeit gegeben, ihre Talente zu verwirklichen. Aber den Drang zur Kunst gab es in unserer Familie immer. Die Eltern haben uns Tschechow vorgelesen, und anstelle von Kinderbüchern vor dem Schlafengehen gab es Enzyklopädien zur Mythologie. In Tadschikistan haben mein Bruder und ich Gesellschaftstänze besucht, und in Deutschland bin ich dann schon in die Theaterschule gegangen. Kreativität hat mich seit frühester Kindheit angezogen – das war eine besondere Welt, die ich für mich selbst erschaffen habe.

Sie sind nicht nur eine brillante Schauspielerin, die ihrer Rolle eine subtile Empfindung verleiht, sondern auch professionelle Choreografin und Sängerin. Sie hatten seinerzeit einen Vertrag mit „Sony Records“, auch haben Sie mit der populären Musikgruppe „Tiger Lillies“ zusammengearbeitet. Was war damals für Sie das Interessanteste und Einprägsamste?

Das Ende der 90er Jahre stand vor der Tür: Pop-Musik lag im Trend, und viele Produzenten stammten aus Deutschland. Sie schätzten Künstler, die nicht nur singen, sondern auch professionell tanzen konnten. Ich war noch keine 20, kannte aber bereits viele Weltklassekünstler nicht nur aus Deutschland oder Europa, sondern auch aus Amerika. Ich trat mit ihnen auf einer Bühne auf. Das war eine märchenhafte Zeit, aber es war gleichzeitig auch gefährlich, weil man in einem solchen Leben auf ewig hängenbleiben kann. Aber die Realität sieht immer anders aus. Mit der Gruppe „Tiger Lillies“ bin ich durch ganz Europa getourt, ich habe mit ihnen fast zehn Jahre lang zusammengearbeitet. Die „Tiger Lillies“ haben einen Song für das erfolgreiche zeitgenössische Stück „God is the DJ“ geschrieben. Zusammen mit Studienkameraden habe ich das Lied ins Russische übersetzt, und drei Jahre lang haben wir es in Moskau gespielt.

Wann sind Sie zum ersten Mal mit dem Theater in Berührung gekommen?

Das war in der Schule. Nach dem Ende der vierten Klasse war es üblich, Theateraufführungen zu zeigen, und ich wurde für die Hauptrolle des Stückes „Die kleine Hexe“ ausgewählt – ein ziemlich bekanntes Werk. Ich hatte da erst seit drei Jahren in Deutschland gelebt, aber Deutsch habe ich sehr schnell gelernt. Die Aufführung war ein voller Erfolg, alle waren froh. Später, bereits in Mannheim, wurde ich in ein professionelles Kindertheater aufgenommen, und mein Vater brachte mich geduldig einmal die Woche dorthin und wartete.

Quelle: Кино Трейлеры

Zu Beginn der 2000er Jahre haben Sie den Studiengang des Regisseurs Roman Kozak an der Schule des Nemirowitsch-Dantschenko-Künstlertheaters in Moskau besucht. Dabei wurden Sie aufgrund ihrer choreografischen Ausbildung sofort in das zweite Semester aufgenommen. Und genau dort haben Sie ihren Ehemann – den Schauspieler Anton Pampuschny kennengelernt. Es ist verwunderlich, aber er wurde, genau wie Sie, ebenfalls in Kasachstan geboren. Monika, glauben Sie an das Schicksal, und wie haben ihre Eltern auf solch eine interessante Kollision des Lebens reagiert?

Anton war ja mein Kommilitone. Es war witzig, als sich herausstellte, dass wir beide aus Kasachstan stammen. Zwar kommt er aus Astana (heute Nur-Sultan) und nicht aus Almaty, daher gibt es kleine Differenzen. Jeder von uns hält seine Heimatstadt für die bessere, obwohl wir natürlich alle wissen, dass es nichts Schöneres als Almaty gibt. Ich glaube, dass es das Schicksal immer noch gibt. Und die Eltern haben es natürlich nicht verstanden: wie, was und warum gerade Anton. In unserer Familie gibt es einen Witz: Im Laufe von zweihundertfünfzig Jahren haben wir Russland-, und dann Sowjetdeutschen versucht, Familien nur mit unseresgleichen zu gründen. Dann sind wir aus der Kasachischen SSR nach Deutschland gezogen, und Monika hat schließlich einen Russen aus Kasachstan geheiratet.

Wie schaffen Sie es, das Familienleben mit der ständigen Fliegerei, den Proben und den Filmaufnahmen unter einen Hut zu bringen?

Es ist nicht leicht. Unsere Familie balanciert zwischen Deutschland, Russland und Amerika. Aber wir haben uns daran gewöhnt, und auch unser Kind ist daran gewöhnt und sogar unser Hund. Gerade ist es sowieso eine solche Zeit, in der es nicht einfach ist, der Familie immer nahe zu sein. Und das ist nicht nur das Los des Schauspielerberufs – es ist die weltweite Globalisierung. Andererseits ist jetzt genug Zeit, sich zu langweilen.

Sticht Ihr Sohn noch nicht als Kritiker Ihrer künstlerischen Arbeit hervor?

Er ist nicht nur Kritiker, er ist auch Regisseur. Wenn mein Mann und ich gewissermassen frei sind, dann sind wir im Grunde genommen damit beschäftigt, dass Vincent an uns Szenarien und Rollen verteilt. Wenn ihm das Schauspiel nicht gefällt, stoppt er die Aufführung und zeigt uns, wie wir es spielen müssen, mit welchen Stimmen, mit welcher Intonation und welchen Bewegungen. Und so lerne ich mit meinem Mann…

Ein zukünftiger Stanislawski wächst heran. Gut gemacht! Monika, gibt es historische Figuren, die Ihnen sympathisch sind?

Otto von Bismarck ist eine sehr interessante historische Figur. Leider haben viele oft falsche Vorstellungen von ihm aufgrund unklarer Dokumentarfilme oder anderer Gründe.

War es leicht, sich in Dmitri Iossifows historischer Fernsehserie über das Leben und die Herrschaft von Katharina der Zweiten in die Rolle der expressiven Gertrude, der Kinderpflegerin von Wilhelmina, hineinzuleben?

Die Rolle der Gertrude ist eine tragische. Diese Frau, die aus Deutschland angereist ist, dient Wilhelmina, die die nächste Kaiserin werden sollte. Ohne dass sie irgendetwas Schlechtes getan hätte, erhält sie schließlich die höchste Strafe – sie wird zu Tode gefoltert. Die Misshandlungen von Gertrude und ihr qualvoller Tod besitzen eine gewisse Parallele zu dem, was die sowjetischen Deutschen in den Jahren der Repressionen durchmachen mussten.

Quelle: Kinoman

Ist es einfacher, eine Heldin zu spielen, die Ihnen ähnlich ist?

Zuallererst muss der Schauspieler seinen eigenen Chrarakter verstehen und fühlen. Man kann sich die Frage selbst beantworten: „Warum hat er das getan?“ Und man kann sogar versuchen, sein Handeln zu rechtfertigen. Wenn der Held etwas Negatives verursacht, kann man ihn nicht realistisch darstellen, weil wir die Handlungen in unserem eigenen Leben oft als richtig und gerechtfertigt betrachten und sie uns nicht irritieren.

Was gefällt Ihnen besonders gut und was nicht an Fräulein Friede, die sie in dem neuen Film von David Fincher „Mank“ gespielt haben? Wie ist ihr Gesamteindruck von der Arbeit mit David Fincher und Gary Oldman?

Ehrlich gesagt ist dies kein einfacher Charakter: sie erschien nicht oft, und trotzdem hatte sie eine wichtige Aufgabe. Das Spiel der Schauspieler ist stark an das Drehbuch gebunden, und wenn das Drehbuch nicht die jeweilige emotionale und bildliche Linie festhält, dann ist es manchmal sehr schwer, sie selbst auszuführen. Aber ich hoffe sehr, dass mir das gelungen ist. Gary Oldman ist ein toller Partner, der einfach seinen Beruf ausübt, er ist überhaupt nicht abgehoben. Und David Fincher ist mein Lieblingsregisseur. Als Kind war ich von den Themen seiner Filme immer beeindruckt. Ich bin mit seinen Videoclips aufgewachsen – die hat er in großer Anzahl für berühmte Künstler gedreht, so wie Michael Jackson, Madonna, George Michael und andere. Deshalb war es unglaublich interessant, Fincher in echt kennenzulernen.

Er ist ein Fanatiker seiner Sache, ein Workaholic, aber mit Humor. Er hat nicht nur mit uns geprobt, was unter Regisseuren selten vorkommt, er konnte auch noch zuhören. Fincher hat seine konkrete Vorstellung des Helden, aber er erlaubt es dem Schauspieler, seine eigene innere Welt für den jeweiligen Charakter zu erschaffen. Obwohl David Fincher und Gary Oldman Weltstars sind, muss man ihnen praktisch nichts beweisen. Sie kümmern sich sogar um das Drehbuch und die Charaktere.

Es ist beeindruckend, dass diese unglaublich berühmten Menschen kein bisschen arrogant oder allwissend wirken, sie sind sogar sehr bescheiden. Diese Eigenschaften sind einfach wunderbar und begegnen einem heute nicht mehr oft.

Vielen Dank für das Interview, Monika. Viel Erfolg weiterhin!

Die Fragen stellte Marina Angaldt
Übersetzung: Philipp Dippl

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