Sozialerhebungen unter Mitgliedern der deutschen Minderheit in Kasachstan zeigen, dass etwa 20 Prozent der Kasachstandeutschen in der Assoziation der gesellschaftlichen Vereinigungen der Deutschen Kasachstans (AGVDK) „Wiedergeburt“ aktiv mitwirken, vor allem Ältere, Kinder und Jugendliche. Zuwenig findet Alexander Dederer, Vorsitzender der AGVDK „Wiedergeburt“ und lud knapp 90 Vertreter der deutschen Minderheit aus allen Regionen Kasachstans, eine Delegation aus Kirgisistan und einen Vertreter des „Internationalen Verbandes der gesellschaftlichen Vereinigungen der Deutschen“ zu einem zweitägigen Brainstorming Mitte Mai nach Almaty ein. Auf dem Prüfstand standen die Felder Selbstorganisation, Projektmanagement, deutsche Sprache, Kommerzialisierung der Tätigkeiten der „Wiedergeburt“ und internationale Zusammenarbeit. Am Ende stand der Entwurf einer Konzeption mit Ideen zukünftiger Maßnahmen der „Wiedergeburt“ zur Bewahrung einer russlanddeutschen Identität.

/Bild: privat . ‚Brainstroming unter Russlanddeutschen: Die Themen Selbstorganisation, Projektmanagement, deutsche Sprache, Kommerzialisierung der Tätigkeiten der „Wiedergeburt“ und internationale Zusammenarbeit standen auf dem Prüfstand.’/

Bei einem Treffen der Russlanddeutschen wünschen sich die Teilnehmer oft auf Deutsch einen guten Tag. Das war es aber meist schon an Kommunikation in der deutschen Sprache. Nach der Begrüßung erfolgt der Hinweis „Liebe Landsleute, meine Muttersprache ist Russisch“. Und das trotz zehntausender Deutschkurse in den letzten 20 Jahren. Auf diese Entwicklung machte Wladimir Auman, Vertreter des „Internationalen Verbandes der gesellschaftlichen Vereinigungen der Deutschen“, bei einem Brainstorming von 80 Vertretern der deutschen Minderheit aus allen Regionen Kasachstans und Kirgisistans aufmerksam. Zu dem Treffen hatte Alexander Dederer, Vorsitzender der AGVDK „Wiedergeburt“, eingeladen, um sich gemeinsam Gedanken zu machen, wie es weitergehen soll.

„Die Arbeit der Kasachstandeutschen basiert auf der Projektarbeit. Wir organisieren jedes Jahr viele Projekte zur Unterstützung der deutschen Minderheit in Kasachstan, zur Bewahrung und Entwicklung der deutschen Sprache, Kultur, Traditionen und der russlanddeutschen Identität“, sagt Alexander Dederer. Doch die Analyse der Situation in den Regionen zeigt, dass die organisierten Projekte nicht alle Kasachstandeutschen erreichen, die sich zudem zum größten Teil assimiliert haben. Auch die verbliebenen 10.000 Russlanddeutschen in Kirgisistan suchen nach neuen Wegen der Zusammenarbeit. Auf dem Prüfstand steht in erster Linie die Selbstorganisation.

Finanzierung nicht nur aus Deutschland

„Im Vergleich zu den früheren Maßnahmen, die in der Stärkung der Kultur und Pflege der Sprache bestanden, unterstützt das Bundesministerium des Inneren (BMI) in den letzten Jahren stärker die Selbstorganisation der Russlanddeutschen“, sagt Julia Haizewa, stellvertretende Leiterin der GIZ Vertretung für das BMI Programm zur Unterstützung der Deutschen Minderheit in Kasachstan. Die deutsche Minderheit soll stärker selbst entscheiden, welche Maßnahmen sie im Rahmen der Programmziele des BMI (Bundesministerium des Innern) umsetzen möchte. „Wir müssen uns schon jetzt darauf vorbereiten, dass wir nicht ewig Gelder aus Deutschland bekommen werden“, sagt Alexander Dederer.

Selbstorganisation und Perspektiven der Kommerzialisierung der Tätigkeiten der „Wiedergeburt“ waren zwei der insgesamt fünf Diskussionsthemen, über die sich Vertreter des Büros der AGVDK „Wiedergeburt“, Regionalchefs, Sozialarbeiter, Sprachlehrer und Mitarbeiterinnen der GIZ im Hotel-Sanatorim Kargaly mit Ausblick auf die Bergkulisse in Almaty austauschten. Allzu viel Zeit, aus dem Fenster zu schauen, blieb den Teilnehmern jedoch nicht. In drei Arbeitsgruppen von jeweils etwa 24 Teilnehmern rangen die Mitglieder der deutschen Minderheit zwei Tage vom Frühstück bis zum Abendbrot um Problemlösungen. „Dabei zählte jede Meinung, jede noch so fantastische Idee“, erläutert Alexander Dederer die Strategie des Brainstorming.

Verstärkung der Kinder- und Jugendspracharbeit

Einigkeit bestand bei allen Teilnehmern vor allem darin, dass Handlungsbedarf besteht. Zum Beispiel in der Spracharbeit. Ein Ziel des BMI-Programms besteht darin, dass die deutsche Minderheit die deutsche Sprache beherrscht und nutzt. Dennoch verliert Deutsch seinen Status als Umgangssprache bei den Russlanddeutschen in Kasachstan und Kirgisistan. Die Jungendlichen lernen nicht mehr automatisch Deutsch allein aus dem Grund, weil sie Teil der deutschen Minderheit sind. Deshalb ist es wichtig, die Spracharbeit zu modernisieren.
Valentina Rybinzewa, Vertreterin des Kulturzentrums der „Wiedergeburt“ in Schtschutschinsk im Norden Kasachstans, weiß auch wie: „Ich habe selbst in den Kursen der „Wiedergeburt“ Deutsch gelernt. Und jetzt unterrichte ich Vorschulkinder in der deutschen Sprache. Wenn die Eltern sehen, wie gut ihre Kinder Deutsch sprechen, erinnern sie sich sofort daran, dass sie Teil der deutschen Minderheit sind, und möchten unbedingt, dass ihre Kinder weiter die deutsche Sprache erlernen. Ich meine, dass es wichtig ist, die deutsche Sprache auf Vorschulniveau zu verbreiten und auch deutsche Kindergärten zu eröffnen.“

Das Handlungsprogramm

Diese Meinung teilten viele, und zum Abschluss einer langwierigen Diskussion stand eine der Schlussfolgerungen, die in das Handlungsprogramm aufgenommen wurden, fest: Verstärkung der Kinder- und Jugendspracharbeit. Außerdem sollen diejenigen Jugendlichen, die sich aktiv am gesellschaftlichen Leben der deutschen Minderheit beteiligen, auch nach Eintritt in ihr Berufs- und Familienleben stärker in die Arbeit der „Wiedergeburt“ integriert werden.
Eine weitere Forderung: die Verstärkung des Informationsflusses. Trotz der Verbreitung der Deutschen Allgemeinen Zeitung (DAZ) und des Aufbaus des Internetportals www.wiedergeburt.kz fühlen sich viele Angehörige der deutschen Minderheit in den Regionen schlecht informiert. Abhilfe sollen regelmäßigere Volksversammlungen und die Ausweitung der Öffentlichkeitsarbeit der Begegnungszentren schaffen. Auch die Zusammenarbeit mit kasachstanischen und internationalen Organisationen soll ausgebaut werden. Gerade im Bereich „Soziale Arbeit“ hat die Erfahrung gezeigt, dass staatliche Ausschreibungen oft gewonnen werden konnten und so zusätzliche Finanzierungsquellen erschlossen wurden.

In das Handlungsprogramm wurden viele Ideen der Brainstorming-Gruppen hineingetippt. Ein plakativer Operationsplan, in den konkrete Aufgaben, Verantwortungen und Zuständigkeiten sowie ein Zeitrahmen noch ergänzt werden müssen. „Das muss kein Nachteil sein“, sagt Julia Haizewa. „Im Gegenteil, es ist ein gesundes Merkmal einer Selbstorganisation, sich selbst zu verbessern, die zukünftigen Entwicklungen zu beobachten und innerhalb dieser Dynamiken, seine eigene Entwicklung zu bestimmen.“ Nur tun, sprich ergänzen, sollten die Beteiligten es dann auch wirklich.

Von Christine Karmann