In Deutschland wird ja viel geschimpft. Über die Behörden. Wie in anderen Ländern auch. Besonders aber über das Finanzamt. Weil sie immer unser Geld haben wollen.

Und zwar mehr als wir hergeben möchten. Und weil wir mal wieder schneller darin waren, das Geld auszugeben als es dem Finanzamt zu schenken. Und eigentlich haben wir alle Angst vor dem Finanzamt. Und verstecken uns am liebsten. Und schämen uns, weil wir immer noch nicht die Steuererklärung vom letzten Jahr abgegeben haben. Und vom vorletzten Jahr auch nicht. Und eigentlich schämen und fürchten wir uns, weil wir hier und da versuchen, Geld am Finanzamt vorbei zu schleusen. Kleine Beträge. Aber viele kleine Beträge. Und damit viele kleine Betrügereien. Und sind am Ende erleichtert, wenn es nicht auffliegt. Und daraus erwächst dann in der Kneipe Triumphgefühl: Ha! Dem Staat haben wir es gezeigt! Wir lassen uns nicht ausnehmen! Wenn uns der Staat um unser Geld betrügt, betrügen wir eben den Staat! Ätsch!

Aber wenn wir ehrlich sind, dann ist das alles ganz anders. Die Finanzbeamten erfüllen ihren Dienst. Und sie machen ihn gut. Pünktlich. Ordentlich. Gewissenhaft. Sie vergessen keinen. Was aber viele nicht wissen – die Finanzbehörde besteht nicht nur aus Zahlen und Formularen und Bescheiden. Auf den Mitteilungen finden sich auch immer Ansprechpartner. Und mit denen kann man sprechen. Und die sind nett, wie ich finde. Dieser Tage habe ich von drei verschiedenen Abteilungen des Finanzamtes Post bekommen. Unangenehme Post. Weil es Forderungen waren. Weil sie alle gleichzeitig kamen. Und weil ich nicht verstanden habe, wo ich was wie ausfüllen muss. Ich war eingeschüchtert und mir ging es schlecht und habe immer wieder gesagt: „Das Finanzamt sitzt mir im Nacken!“ Und habe Freunde gefragt, was ich tun muss. Das hat ein klein wenig geholfen, die Formulare auszufüllen. Aber wirklich geholfen hat es schließlich, beim Finanzamt anzurufen. Ich habe direkt jemanden erreicht. Mir wurde freundlich erklärt, was zu tun sei. Sie waren alle sehr entgegenkommend. Und so konnte ich alles klären und erledigen. Einen Schritt habe ich falsch erledigt, so habe ich wieder angerufen. Das macht gar nichts, wurde mir freundlich erklärt. Dann erledige ich das eben beim nächsten Mal richtig. Und schon fühle ich mich wieder gut. Zwar bin ich jetzt ziemlich pleite, weil ich viel Geld bezahlen musste. Aber dafür kann das Finanzamt nichts. Ich hätte es sowieso bezahlen müssen. Und drum lieber pleite mit einer freundlichen Stimme am anderen Ende der Leitung als pleite mit jemandem im Nacken. Seitdem sind wir dicke Freunde, das Finanzamt und ich. Und von nun an rufe ich richtig gerne dort an. Und auch vor der Post vom Finanzamt erschrecke ich mich nicht mehr, da ich ja nun „meine“ Ansprechpartner kenne, die sich hinter dem grauen Papier mit den vielen kleinen Zahlen verbergen. Ich weiß natürlich nicht, wie es in anderen Ländern und Städten zugeht. Aber in Köln jedenfalls muss man sich nicht vor dem Finanzamt fürchten. Amen!

Von Julia Siebert

11/08/06

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Josef Bata ist ein gebürtiger Ungar, lebt seit 37 Jahre in Deutschland. Er ist unter anderem ein freier Journalist für diverse Medien. Einer seiner Schwerpunkte sind die im Mitteleuropa und Zentralasien lebenden Deutschen. Hauptberuflich ist Bata Internetredakteur im Bereich Bevölkerungs- und Katastrophenschutz in Bonn. Auch für die DAZ verfasste er etliche Beiträge.