Grüne Energien und Digitalisierung sind zwei der Megatrends, die als Themen bei der Bundestagswahl im Vordergrund standen. Auch Kasachstan bemüht sich im Rahmen seiner Strategie 2060, nachhaltiger und moderner zu werden. Das birgt Potential für deutsche Firmen, die sich am Donnerstag beim Tag der Deutschen Wirtschaft präsentierten. Eingeladen hatten die Delegation der Deutschen Wirtschaft für Zentralasien und der Verband der Deutschen Wirtschaft in Kasachstan.

„Erfolg ist nur dort möglich, wo beide Seiten motiviert aufeinander zugehen.“ So beschreibt Hovsep Voskanyan die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Ländern, Unternehmen und Geschäftspartnern. Der Delegierte der Deutschen Wirtschaft für Zentralasien eröffnete am vergangenen Donnerstag den Tag der Deutschen Wirtschaft in Kasachstan. Es war bereits das 23. Mal, dass deutsche Unternehmen die Möglichkeiten hatten, sich vorzustellen, Kontakte untereinander und mit kasachischen Partnern zu knüpfen, aber auch Probleme und Herausforderungen auf dem kasachischen Markt anzusprechen.

Deutschland „Wunschpartner“ für Zusammenarbeit mit Kasachstan

Mit dem Fokus auf Grüne Wirtschaft und Digitalisierung wirkte die Veranstaltung wie ein Echo auf die deutsche Bundestagswahl, bei der Grüne und FDP mit eben diesen Zukunftsthemen punkten konnten. Doch auch in Kasachstan wird hierüber seit mehreren Jahren zumindest viel gesprochen. Bis 2060 will das Land klimaneutral werden – und so seine Abhängigkeit vom Export fossiler Energieträger beenden, die es den Launen der Weltmärkte unterwirft. Deutsche Unternehmen, die im Bereich Erneuerbare Energien und Energieeffizienz über viel Know-how und eine starke Marktstellung verfügen, wittern wiederum ihre Chance auf gute Geschäfte.

Für die bisherige Zusammenarbeit gab es sogleich viel Lob von beiden Seiten. Deutschland sei ein „Wunschpartner für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Kasachstan“, so Monika Iwersen, seit August deutsche Botschafterin in Nur-Sultan, basierend auf ihren ersten Eindrücken und Gesprächen. Volker Treier, Außenhandelschef beim DIHK, nannte Kasachstan einen „Lichtblick“ und ein „Land, das sich öffnet und die deutsche Wirtschaft einlädt“. Und die kasachische Seite spielte den Ball gern zurück, indem Vize-Premierminister Roman Sklyar die „großen Perspektiven für gemeinsame Projekte“ betonte und „maximale Unterstützung für die deutschen Geschäftspartner“ versprach.

CO2-Ausstoß könnte für Kasachstan teuer werden

Zugleich zeigten sich kasachische Vertreter selbstkritisch mit Blick auf das bislang Erreichte. So etwa Gulmira Ismagulova vom Unternehmen Zhasyl Damu, das unter anderem den Handel mit CO2-Zertifikaten für das Ökologieministerium organisiert. Die Zahlen, die Ismagulova – auf Basis des „Globalen Kohlenstoffatlas“ für 2019 – präsentierte, hatten es in sich. Demnach war Kasachstan im Jahr vor der Pandemie zwar für lediglich 0,86 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich.

Bei den Emissionen per Kopf aber lag es unter 221 Ländern auf dem elften Platz. Noch drastischer sieht es aus, wenn man die CO2-Lastigkeit des Bruttoinlandsprodukts betrachtet. Hier kam Kasachstan 2019 sogar auf den fünften Platz weltweit. Mit konkreten Folgen nicht nur für die Umwelt, sondern auch die kasachische Wirtschaft, wie Ismagulova schonungslos vorrechnete: „Wenn wir die Klimaneutralität nicht ernsthaft anstreben, werden wir bis 2060 etwa 3,7 Billionen USD-Dollar an Einnahmen verlieren.“

Ähnlich äußerte sich auch Vize-Ökologieminister Akhmetzhan Primkulov, der perspektivisch einen kompletten Verzicht auf Kohle als Energieträger forderte. Der Schlüssel hierfür liege im Ausbau der Erneuerbaren Energien, der Steigerung der Energieeffizienz sowie dem Übergang zu Bioenergie und Wasserstoff. Helfen sollten dabei, so Primkulov, die guten Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen und der GIZ.

Grüner Wasserstoff, das umstrittenes Wundermittel

Von Wasserstoff war auf der Konferenz öfter die Rede – was mit Blick auf aktuelle Entwicklungen in Deutschland nicht überrascht. So hat die Bundesregierung im vergangenen Jahr sogar eine „Nationale Wasserstoffstrategie“ gestartet, um das Potential der jungen Technologie zu heben. Die Rede ist dabei allerdings nicht von industriellem „grauen Wasserstoff“ auf Basis von fossilem Erdgas. Viel mehr geht es um „grünen“ Wasserstoff, der sich aus erneuerbaren Energien gewinnen lässt. In dem Bereich sind namhafte europäische Unternehmen wie Air Liquide aus Frankreich und Johnson Matthey aus Großbritannien bereits seit längerem engagiert. Aus Deutschland mischen etwa Bosch und Linde als Schwergewichte im potenziellen Hundert-Milliardenmarkt mit.

Allerdings ist auch der Nutzen von grünem Wasserstoff nicht unumstritten. So wenden Skeptiker ein, dass jede Kilowattstunde Strom aus Solar- und Windenergie, die zur Herstellung von grünem Wasserstoff verwendet wird, anderswo fehle. Gegenargumente dazu präsentierte auf dem Tag der Deutschen Wirtschaft Batyrzhan Tergeussizov. Der Linde-Chef für Kasachstan hob in seiner Präsentation hervor, dass Wasserstoff umgekehrt auch als Speicher für überschüssigen Strom aus erneuerbaren Energien verwendet werden könne. Zudem lasse sich Energie mithilfe des Wasserstoffs über weite Strecken transportieren. Zurzeit verhandelt Linde nach Angaben Tergeussizovs in Kasachstan mit mehreren Unternehmen über den Einsatz von Wasserstoff. Dazu zählen etwa Firmen aus der Metallurgie-Branche, aber auch Betreiber von Wasserstoff-Tankstellen, die Fahrzeuge des Öffentlichen Personenverkehrs und private Fahrzeuge versorgen wollen.

Neue Gasfilter für Aluminiumwerk in Pawlodar

Die Unternehmen, die auf dem Tag der Deutschen Wirtschaft ihre Geschäftserfahrungen auf dem kasachischen Markt präsentierten, bildeten ein buntes Branchenspektrum ab. Dieses reichte vom Bergbau (Montera) bis hin zu Baustoffen (Knauf). Ein anwesendes Industrie-Traditionsunternehmen, das vor vielen Jahren wohl noch niemand im Kontext von Nachhaltigkeit und Grüner Wirtschaft verortet hat, ist thyssenkrupp. Doch auch der größte deutsche Stahlhersteller hat nach schwachen Jahren damit begonnen, sich selbst neu zu erfinden. Um schlanker und effizienter zu werden, verkauft er Sparten, die nicht zum Kerngeschäft gehören. Außerdem soll die Stahlproduktion klimaneutral werden – und das auch mithilfe von Wasserstoff.

Grüne Lösungen für die Bergbauindustrie bietet darüber hinaus die Konzerntochter thyssenkrupp Industrial Solutions mit ihrem kasachischen Ableger an. Roman Karl, Geschäftsführer des Unternehmens, nannte als Beispiel Förderbandsysteme zum Transport von Material. Diese machen Lkw obsolet sorgen so für eine Senkung des Kraftstoffverbrauchs. Ein weiteres Beispiel stammt aus Pawlodar: Dort hat das Unternehmen im Rahmen eines Pilotprojekts einen Teil der Gasfilter des lokalen Aluminiumwerks modernisiert. Das Ergebnis: Dort, wo das neue Gasabreinigungssystem seit 2020 zum Einsatz kommt, konnte der Ausstoß von 300 mg/m³ auf 10 mg/m³ gesenkt werden. Die Zusammenarbeit, so Karl, soll nun solange weitergehen, bis die Gasabreinigung des gesamten Werkes auf dem neuesten Stand ist.

Christoph Strauch

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