Von Gammastrahlen zum Gamma der Emotionen und einer Reihe von Krankheiten: Wie die deutschen Liquidatoren des Unfalls im Atomkraftwerk Tschernobyl heute leben.

Nur wenige Angehörige der heutigen Generation können sich vorstellen, durch welche Hölle mehr als eine halbe Million Menschen im lange zurückliegenden Jahr 1986 gehen mussten, als die Folgen der Explosion im vierten Block des Kernkraftwerks Tschernobyl beseitigt werden mussten.

Die Dosis der absorbierten Strahlung war damals so hoch, dass sich die Bäume in der ersten halben Stunde nach der Explosion im Umkreis von Hunderten von Quadratkilometern bräunlich rot verfärbten. Das wesentliche Drama stand jedoch noch bevor: die Evakuierung von Tausenden von Menschen, die Mobilisierung der Liquidatoren aus der gesamten UdSSR, die Strahlung, die Strahlenverbrennungen, die Krankheiten, der Tod und eine 30 Kilometer breite Sperrzone.

Seitdem sind natürlich viele Jahre vergangen, und es hat sich vieles ereignet, aber das Echo des Unfalls hallt bis heute nach.

Über die Folgen wurde erst später gesprochen

Die bittere Wahrheit besteht darin, dass anfangs niemand wirklich etwas wusste. Die Jugend – die Basis und das Rückgrat der Liquidatoren -, die zur Dekontamination und zur Abdeckung des vierten Triebwerkblocks kam, dachte nicht über die Konsequenzen nach. Erst sehr viel später wird das kollektive Unbewusste Alarm schlagen: Die Öffentlichkeit beginnt, über Strahlung, Strahlenkrankheiten, Krebserkrankungen und vielfältige Mutationen zu sprechen.

Nach offiziellen Angaben waren rund 32.000 Menschen aus Kasachstan an der Beseitigung der Folgen des Unfalls im Kernkraftwerk Tschernobyl beteiligt. Wie viele von diesen ethnische Deutsche waren – das wird nicht öffentlich bekanntgegeben, aber Schätzungen zufolge waren dies ungefähr 2.000 Menschen (gemäß der Volkszählung des Jahres 1989 lebten in der Kasachischen SSR 985.000 Deutsche – 5,8% der Bevölkerung der Republik, Anm.).

“Ein wahrhaft epochaler Moment”

Viktor Schwarz aus Pawlodar ist einer von denen, die an der unionsweiten Schockoperation teilgenommen haben. Von der Tragödie in Prypjat erfuhr er am 28. April 1986, zwei Tage nach der Explosion. Der Sprecher im Fernsehen berichtete damals kurz und trocken: Einer der Kernreaktoren sei beschädigt – alle notwendigen Maßnahmen würden ergriffen.

„Ich erinnere mich gut an diesen wahrhaft epochalen Moment. Zuerst kam Überraschung und Verwirrung auf, und danach beruhigte sich alles. Ich dachte: Sicherlich wird bald alles in Ordnung sein. Aber nach einer Weile begannen sie Brigaden junger Männer bis 30 Jahre zu mobilisieren und sie nach Tschernobyl zu schicken. Auch ich bin so dorthin gekommen“, erzählt Schwarz. „Im Großen und Ganzen erfuhr ich erst bei der Ankunft in der Sperrzone von der tatsächlichen Lage. In den ersten Tagen war ich geschockt aufgrund der Unstimmigkeiten mit den Erwartungen. Ich versuchte zu verstehen, was passierte, aber dazu kam es nicht… Schlussendlich drehte sich für mich alles um den erheblichen Verlust meiner Gesundheit.“

Tschernobyl – 35: In den Strahlen der goldenen Sonne
Tschernobyl – 35: In den Strahlen der goldenen Sonne

Vor kurzem fand in Pawlodar am 35. Jahrestag des Unfalls im Atomkraftwerk Tschernobyl eine Trauerfeier statt. Es ist eine Traditionsveranstaltung, die seit 2006 stattfindet. Im letzten Jahr mussten allerdings aufgrund der Pandemie die Kundgebung und der symbolische „Abend des Gedenkens“ abgesagt werden. Der Hauptorganisator dieser Veranstaltungen ist Viktor Demund, Vorsitzender der Vereinigung der Rechtspersonen „Union Tschernobyl“ der Republik Kasachstan, Vorsitzender der OO „Union Tschernobyl“ des Gebietes Pawlodar, Abgeordneter des Maslichats der Stadt Pawlodar und aktives Mitglied in der Gesellschaftlichen Vereinigung der Deutschen „Wiedergeburt“ Pawlodar. Am Vorabend des Jahrestages der Tragödie wurde er mit dem Abzeichen „Für Verdienste um das Gebiet Pawlodar“ ausgezeichnet, sieben weitere Liquidatoren erhielten Urkunden und Dankesbriefe.

Die meisten leben heute nicht mehr

Nach offiziellen Angaben kamen rund 1.200 „Freiwillige“ aus dem Gebiet Pawlodar, um die Folgen der Katastrophe in der Zone Tschernobyl zu beseitigen; von ihnen leben heute 261 Menschen in der Region (zum Vergleich: von 32.000 Menschen, die aus ganz Kasachstan geschickt wurden, leben heute noch weniger als 5000 Menschen, – Anm.). Die meisten, – das klingt schrecklich genug – sind gestorben.

„Vor etwas mehr als einer Woche wurde ein weiterer unserer Genossen – auch ein Liquidator des Unfalls im Atomkraftwerk Tschernobyl, Viktor Wasilenko – beerdigt“, sagt Viktor Demund mit Bedauern und fährt fort: „Absolut alle von unseren Jungs litten nach ihrer Rückkehr nach Hause an ernsthaften Problemen: Onkologie, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Erkrankungen der Schilddrüse, Probleme mit den Knochen. Weil sie die volle Kraft des zerstörerischen Potentials des Kernkraftwerks Tschernobyl erfahren hatten.“

Wer später nach Tschernobyl kam, musste länger bleiben

Nach den Worten unseres Gesprächspartners erhalten die deutschen Teilnehmer an der Liquidation des Unfalls im Atomkraftwerk Tschernobyl aus Pawlodar von Zeit zu Zeit von der Gesellschaftlichen Vereinigung der Deutschen „Wiedergeburt“ Pawlodar Hilfe in Form von Medikamenten, Lebensmittelpaketen usw. „Wir helfen, wo wir können“, – erläutert der Vorsitzende der „Union Tschernobyl RK“.

Viktor Demund selbst, der im Herbst 1986 Teil des chemischen Verteidigungsbataillons war, führte Aufgaben zur Dekontamination des Daches des dritten, benachbarten, Triebwerksblocks aus, wo das Strahlungsniveau zwischen 300 und 3000 Röntgen pro Stunde schwankte. Im Bereich mit hoher Strahlenbelastung hielt er sich 100 Tage auf, obwohl er ursprünglich für sechs Monate einberufen worden war. Diejenigen aber, die später, in den Jahren 1988 und 1989 in die Zone Tschernobyl mobilisiert wurden, hatten weniger Glück: Sie mussten die gesamte Zeit bleiben – 180 Tage.

Länger in Tschernobyl, trotzdem weniger Pension

Dabei ist dies ein kurioses und eigenartiges Paradoxon. Denjenigen, die zwischen 1988 und 1989 einberufen wurden und ein halbes Jahr in der Zone der größten vom Menschen verursachten Katastrophe in der modernen Geschichte arbeiten mussten, werden Pensionen und Privilegien gegenüber ihren Vorgängern gekürzt. Beispielsweise betrug die Höhe ihrer SGP im Jahr 2021 6,19 MRP, was 1,36 MRP weniger sind, als bei denen, die in den Jahren 1986 und 1987 mobilisiert wurden.

„Ich habe wiederholt die Aufmerksamkeit auf dieses Dilemma gelenkt, aber aus irgendeinem Grund hört man mich nicht“, so der Vorsitzende der „Union Tschernobyl RK“ mit hilfloser Geste. „Ja, in den Jahren 1988 und 1989 hat sich die Menge an radioaktiven Substanzen in der Umgebung der Zone Tschernobyl bereits spürbar reduziert, aber die Liquidatoren waren fast doppelt so lange dort wie wir – die Einberufenen der Jahre 1986 bis 1987.“

Der Meister des Jods und anderer Arzneimittel

Man muss zugeben: die Höhe der Pensionen, ob der ersten oder der zweiten, führt bei niemandem zu einer rasanten Produktion von Serotonin.

Offenbar ist dies der Weg eines Krieges: gefährlich, in vielerlei Hinsicht ungerecht, voller Entbehrungen und Lasten… Schließlich kann nur ein Krieger kommen, sehen und siegen: neutralisieren, dekontaminieren, löschen, abdecken. Und all das ohne Hysterie gegenüber starker radioaktiver Strahlung und möglicher tiefer kognitiver Dissonanz. Ich habe gelernt, dass schmerzhafte, schreckliche Verbrennungen, Strahlenkrankheit und sogar der Tod für manchen kein Grund zur Panik sind. Und deshalb – Bravo den Soldaten!

Marina Angaldt

Übersetzung: Philipp Dippl

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