Mit „Harmony Lessons“ war Emir Baigazin bereits 2013 auf der Berlinale. Nun hat er seinen zweiten Spielfilm „The Wounded Angel“ präsentiert. Was sein neuester Film mit Berlin zu tun hat und warum er langsame Filme bevorzugt, erzählt der kasachische Regisseur im Interview.

Dein neuer Film „The Wounded Angel“ erzählt vom Leben von vier Jungen in einem verlassenen Dorf in Kasachstan. Warum hast du dich für vier verschiedene Geschichten in einem Film entschieden?

Es sind tatsächlich vier Geschichten, denn jeder hat mir gesagt, dass alle auf irgendeine Weise dramaturgisch verbunden sein sollten. Ich habe mich entschieden, es etwas subtiler zu machen. Allerdings war das auch der schwierigste Weg. Jede Geschichte ist daher nicht wirklich beendet, denn sie entwickelt sich in der nächsten weiter. Und dennoch hat jede Geschichte auch ihre eigene dramaturgische Entwicklung. Der Höhepunkt des Films liegt für mich in der Geschichte über die Sünde. Denn sie handelt von der Beharrlichkeit des Lebens. Egal was passiert, das Leben geht weiter. In gewisser Weise ist die letzte Geschichte auch optimistisch.

Und was verbindet die Geschichten?

Alle vier Geschichten haben eines gemeinsam: Jeder Charakter steht vor einer moralischen Entscheidung. Dementsprechend erzählt auch jede etwas über den moralischen Standpunkt eines Charakters. Und als ich das Bild von Hugo Simberg vom verwundeten Engel sah, war das für mich die Quintessenz des gesamten Films.

Warum sind die Protagonisten Jungen im Teenageralter? Ist das ein besonderer Zeitpunkt im Leben?

„Harmony Lessons“ und „The Wounded Angel“ sind zwei Teile meiner ersten Trilogie über Teenager. Und dennoch geht es nur vordergründig um Teenager. Sie sind vielmehr ein Instrument, um alle Fehler und Konflikte der Menschheit zu zeigen. Bei Teenagern siehst du es einfach deutlicher. Es ist als ob du durch ein Vergrößerungsglas schaust.

Viele Orte im Film sehen heruntergekommen und verlassen aus.

Die Geschichte spielt in den Neunzigern. Das ist der Zusammenbruch der Sowjetunion. Und es ist die Zeit einer tiefen ökonomischen Krise. Es ist eine Zeit, in der Kriminalität Alltag für die Menschen wurde. Waisenhäuser waren überfüllt. Typisch für diese Zeit war es, dass das Licht abends abgeschaltet wurde. Für mich ist das nicht nur ein Licht im Haus, sondern auch das Licht der Seele. Damit wollte ich deutlich machen, dass es eben nicht das moderne Kasachstan ist. Es sind die Neunziger. Als wir angefangen haben, mit dem künstlerischen Leiter an diesen Bildern zu arbeiten, mussten wir an postapokalyptische Landschaften denken. Danach hat dann auch der Locationscout gesucht. Diese Szenen wurden schließlich an verschiedenen Orten im Süden Kasachstans gedreht.

Der Rhythmus deines Films ist sehr langsam, Dialoge gibt es kaum, und die Kameraeinstellungen sind lang. Was ist das Besondere daran?

Ich bin glücklich, wenn ich den Zuschauer durch diesen Rhythmus erreichen kann. Denn das ist etwas besonderes an dem Film. Action ist nicht vorhanden. Es geht einfach um die Geschichte. Für mich als Regisseur ist es natürlich großartig, wenn der Zuschauer ins Kino kommt, und der Rhythmus des Films fängt ihn ein und zieht ihn in den Film. Nur wenn du Zeit als Element nutzt, kannst du diesen Dialog zwischen Film und Zuschauer herstellen. Ohne Zeit sind die Dinge, die dahinter stehen, nicht verständlich – eben nur die offensichtlichen.

Eine Kameraeinstellung wiederholt sich regelmäßig: der Blick durch ein Fenster.

Das ist für mich ebenfalls ein Werkzeug. Es verbindet alle vier Geschichten miteinander – wie ein Refrain. Dadurch kannst du jedes Mal die Hauptfigur der jeweiligen Geschichte identifizieren. Du weißt schon: Der Junge mit dem Huhn, Zharas mit seinem Vater, der Junge und der Baum.

Dein Film ist auf gewisse Weise mit der Berlinale verbunden.

Nach der Berlinale 2013 habe ich begonnen das Drehbuch zu schreiben, mit dem wir uns kurz danach für das „Berlinale Residency“-Programm beworben haben. Danach habe ich während der „Berlinale Residency“ mit Drehbuchmentoren daran gearbeitet. Außerdem haben wir am Berlinale „Co-Production Market“ teilgenommen, wo wir unseren deutschen Co-Produzenten gefunden haben.

Und wie ist die Arbeit in diesem Programm? Wie war es mit den Mentoren zusammenzuarbeiten?

Mir hat die Atmosphäre sehr gefallen. Ich habe mich drei Mal mit einem sehr professionellen Mentor getroffen. Er kommentierte das Drehbuch und dann haben wir gemeinsam daran gearbeitet. Ich denke, dass dabei etwas sehr Nützliches herausgekommen ist. Aber das gesamte Stipendiatenprogramm ist auch sehr hilfreich, um aus dem Ganzen ein Paket zu schnüren. Denn es geht nicht nur um das Skript. Es gab auch Treffen mit Produzenten und anderen Mentoren der Filmindustrie.

An was arbeitest du im Moment?

Ich bin sehr auf den nächsten Teil gespannt. Mit „Harmony Lessons“ und „The Wounded Angel“ haben wir schon zwei Teile, und gerade entwickle ich den dritten, der wahrscheinlich nächstes Jahr rauskommt. Außerdem wird es eine neue Trilogie geben. Die spielt im modernen Kasachstan und ist der Nacht gewidmet. Den ersten Teil dieser Stadt-Trilogie haben wir schon in Rotterdam präsentiert. „Over the city“ ist ein Melodram, in dem sich zwei Fremde treffen und die Nacht miteinander verbringen. Dabei kommen sie sich immer näher. Ich bin sehr gespannt, mich an ein Melodram heranzuwagen und freue mich schon auf den Drehbeginn.

Christina Heuschen