Aigerim Malgaschinowa, Schülerin aus Ust-Kamenogorsk, erreichte bei der diesjährigen Prüfung des Deutschen Sprachdiploms (DSD) die höchste Punktzahl. Mit ihren Sprachkenntnissen möchte sie einmal „Internationale Beziehungen” in Astana studieren

Am Anfang stand eine kleine Notlüge. Aigerim lernt seit der zweiten Klasse Deutsch, nur erfuhr ihre Mutter erst zwei Monate später davon.

„Mama war anfangs gegen Deutsch, sie meinte, Englisch böte mehr Möglichkeiten für die Zukunft.” Obwohl Deutsch damals wenig unterrichtet wurde, gefielen Aigerim die Lehrbücher, außerdem mochte sie die Deutschlehrerin an ihrer Schule mehr als die von Englisch. Vor allem aber beeindruckte das Mädchen der Klang der Sprache. „Zunächst war noch unklar, was ich mit Deutsch anfangen würde, aber ich wechselte schon mal die Gruppe. Auf die Nachfragen meiner Mutter, wie es denn im Englischunterricht gehe, antwortete ich stets mit ‘ja, ganz gut‘“.

Von der selbständigen Entscheidung ihrer Tochter dann vollkommen überwältigt, konnte Aigerims Mutter schon nichts mehr erwidern. Dem „letzten” Einwand, mit Englischkenntnissen wäre eine Reise in die USA denkbar, hielt die Tochter entgegen: „Die Deutschlehrerin hat uns versprochen, dass wir Deutschland besuchen werden…“

Nun ist Aigerim Schülerin der 11. Klasse und beschäftigt sich seit Jahren fast täglich mit der Sprache. Für sie und ihre 15-jährige Schwester, die ebenfalls in der 10. Schule von Ust-Kamenogorsk lernt, umfasst dies vor allem die aktive Unterhaltung mit Deutschen, das Lesen von Büchern und Zeitschriften und, wenn möglich, auch die Nutzung des deutschsprachigen Fernsehens. „Wir können zu Hause RTL empfangen, da mag ich die ‘Oliver-Geißen-Show‘ am meisten. Das Wichtigste ist, aufmerksam zuzuhören, zu verstehen und sich möglichst viel einzuprägen von den Problemdiskussionen.”

Was kann eine junge Kasachin mit Deutsch in ihrer Heimatstadt Ust-Kamenogorsk anfangen?

„Auch hier gibt es gemeinsame Unternehmen, Firmen oder Institutionen, die Verbindungen haben und den Austausch mit Deutschland pflegen. Außerdem steht die Entwicklung des Tourismus in der altainahen Region erst noch bevor. Überhaupt bedeuten Sprachkenntnisse immer, dass Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen Kontakte aufnehmen und Perspektiven entdecken.“

Aigerim meint, dass sie viel erreicht habe mit Deutsch – so war sie bereits in Deutschland (Berlin und Loitz), erlebte unterschiedliche Leistungsvergleiche wie die Spracholympiaden, zum Beispiel die von ganz Kasachstan im Frühling 2004 in Karaganda, bei der sie den 3. Platz belegte. Außerdem nahm sie am Sommerlager der „Wiedergeburt” teil.

„Bis zur 10. Klasse lernte ich so für mich, hatte Gefallen gefunden am aktiven Gebrauch der klangvollen Sprache, aber die landesweite Olympiade zeigte mir dann, was mir Deutsch wirklich bedeutete. Da entstand eine ganz neue Perspektive – der erste Platz böte mir die Möglichkeit, ohne Aufnahmeprüfung an die Uni zu gehen.”

Die Erfahrungen aus dem Vergleich ließen Aigerim noch weiter und intensiver an ihren Fähigkeiten arbeiten. „Ich hatte verstanden, dass nicht alles gut ist bei mir, ich übte, um die Beste zu sein, aber für mich selbst stand das Ziel, schneller mit den Problemen fertig zu werden, damit sie in Zukunft nicht mehr auftauchen.”

Aigerims Ergebnis in der mündlichen DSD-Prüfung (Deutsches Sprachdiplom der KMK) belohnte ihr Bemühen. Gemeinsam mit einer Schülerin aus der Nachbarschule 12 erreichte sie die höchste Punktzahl aller Prüflinge.

Jetzt steht die Gebietsolympiade bevor. Aigerims Ziel: natürlich der erste Platz. Dann kann sie auch die Uni auswählen. Astana oder Almaty schweben der 17-jährigen vor. Anstelle eines Dolmetscherstudiums reizen sie die unmittelbaren Kontakte mit ausländischen Menschen. „Da werde ich wohl lieber in Astana an der Eurasischen Uni internationale Beziehungen studieren.“

Mit dem DSD kann Aigerim später, etwa über den DAAD, ein Studium in Deutschland aufnehmen. „Kein Meister ist vom Himmel gefallen”, heißt ihr Lieblingsspruch im Deutschen. Für Aigerim Malgashinowa heißt das: Üben, um etwas im Leben zu ereichen. Das hat wohl auch ihre Mutter überzeugt. „Sie meint, dass es wohl Schicksal ist, diese Sprache gewählt zu haben. Sie ist zufrieden und dankbar für meine damalige mutige Entscheidung.”