Wer seine Kindheit in einem der Staaten der ehemaligen Sowjetunion verbracht hat, wird sich an diesen Tag gut erinnern können: Rote Nelken, Paraden, laute Orchestermusik, gemeinsames Singen von Siegesliedern, Konzerte zu Ehren der Kriegsveteranen, sowie Kriegsfilme in Dauerschleife im Fernsehprogramm. Doch wie ist es in Deutschland? Wie begehen Spätaussiedler diesen Tag? Nehmen sie ihn überhaupt wahr und welche Bedeutung hat er für sie heute? Diese Frage stellte die Autorin und Journalistin Katharina Martin-Virolainen sowohl sich als auch anderen Spätaussiedlern.

Nicht weit vom Bundestag in Berlin ragt ein nachdenklicher Soldat in die Höhe. Am Sowjetischen Ehrenmal, das sich in der Straße des 17. Juni befindet, legen Menschen jedes Jahr am 9. Mai Blumen und Kränze nieder. Als ich zum ersten Mal vor dem Soldaten stehe, ergreift mich eine tiefe Trauer. Ich lese die Namen, die Geburts– und Todesdaten und mich schauert es. Zwanzig Jahre, achtzehn Jahre, dreiundzwanzig Jahre… Junge Lebensfäden, abgerissen in den letzten Tagen des Krieges.

Nachdem wir 1997 nach Deutschland ausgewandert sind, schien der 9. Mai, der Tag des Sieges, immer mehr in einer Art Dämmerung zu verschwinden. An das Ereignis wird auch in Deutschland erinnert: In den Medien, in sozialen Netzwerken, bei offiziellen oder durch kleinere Vereine organisierte Gedenkveranstaltungen. Doch ich persönlich nehme ihn nicht mehr so intensiv wahr, wie einst in Russland, in meiner Kindheit. Dort war der Tag des Sieges am 9. Mai allgegenwärtig: In der Schule, im Kulturhaus, im Fernsehen, im Radio, unter Freunden, auf der Straße. Überall.

Viele Mischehen unter Spätaussiedlern

Wegen meines deutschen Namens und meiner deutschen Herkunft, fühlte ich mich damals an diesem Tag oft wie ein Fremdkörper. Doch, Gott sei Dank, habe ich neben meinen deutschen auch russische Wurzeln. Mein russischer Urgroßvater Michail Kolynin aus der Oblast Wologda, kämpfte damals an der Leningrader Front. Dank dieser Tatsache, fühlte ich mich doch ein wenig zu diesem Tag zugehörig. Trotz des deutschen Namens.

Immer wieder finde ich es spannend zu beobachten, wie Menschen aus meinem Umfeld den 9. Mai hier in Deutschland begehen, ob sie ihn überhaupt wahrnehmen. Die Haltung zum Tag des Sieges unterscheidet sich von Spätaussiedler zu Spätaussiedler. Manche feiern diesen Tag, weil sie einen direkten Bezug dazu haben, weil ihre Großeltern im Krieg auf der Seite der Sieger gekämpft haben, weil sie russische Vorfahren haben und mit der russischen Kultur und Geschichte noch stark verwurzelt sind. Wir haben unter den Spätaussiedlern viele Mischehen, das darf man nicht vergessen.

Unterschiedliche Haltungen zum 9. Mai

Für manche hat er keinerlei Bedeutung, weil ihre Vorfahren während des Krieges nicht an der Front gekämpft haben, sondern in der Verbannung lebten und in der Trudarmee waren. Manche schütteln den Kopf über die protzigen Siegesparaden in der alten Heimat, anderen ist es schlichtweg egal, sie können sich damit weder identifizieren, noch etwas damit anfangen. Es ist ein abgeschlossenes Kapitel in ihrem Leben. In größeren Städten gibt es Gedenkveranstaltungen, Konzerte oder in den letzten Jahren auch das Unsterbliche Regiment (Bessmertnij Polk – rus. Бессмертный полк). Die Meinungen und Haltungen zum 9. Mai und wie man ihn hier in Deutschland begehen sollte, müsste oder dürfte, könnten unterschiedlicher nicht sein. Das wurde mir wieder bewusst, als ich diesen Beitrag vorbereitet habe.

In der Familie von Julia Kling aus Kasachstan, die heute in Baden-Baden lebt, gab es unter den Vorfahren ebenfalls Sieger, die von der Front nach Hause zurückgekehrt sind. Aber auch jene, die innerhalb des Siegerlandes während der Blockade Leningrads fast an Hunger gestorben sind und jene, die die „Sieger“ zu Feinden im eigenen Land erklärten, weil ihre Muttersprache die Sprache des Feindes war. „An diesem Tag denke ich vor allem an Menschen, denen dieser Krieg das Leben gekostet hat“, erzählt Julia Kling. „Ich denke aber auch an die Überlebenden, in deren Herzen sich der Krieg eingeschrieben und sie für immer gezeichnet hat.“

Eine doppelte Katastrophe

Für die Deutschen, die damals auf dem Gebiet der Sowjetunion lebten, war der Krieg eine doppelte Katastrophe, erläutert Dietmar Schulmeister aus Düsseldorf. Seit Jahren engagiert er sich für die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, gehört heute zum Bundesvorstand des Verbandes und beschäftigt sich intensiv mit der Geschichte der Deutschen in der ehemaligen Sowjetunion. „Die damaligen Ereignisse hinterließen tiefe Traumata in den russlanddeutschen Familien, die unter Generalverdacht als Kollaborateure gestellt wurden“, erläutert er. „In der Folge wurden die auf dem sowjetischen Gebiet lebenden Deutschen nach Sibirien und Kasachstan deportiert. Die Traumata bleiben, solange sie verschwiegen werden.“

Für die Familie von Dietmar Schulmeister ist dieser Tag ein besonderer, der von verschiedenen Emotionen geprägt ist – aber bestimmt kein Feiertag. „Ich möchte nicht falsch verstanden werden“, erklärt er. „Aber bei all der nachvollziehbaren Siegesfreude über den Faschismus, werden die Opferschicksale von Unschuldigen nicht näher beleuchtet. Die dunklen Kapitel der sowjetischen Geschichte werden bis heute nicht gerne in der russischsprachigen Öffentlichkeit diskutiert. Sie sind tabu, wie dunkle Farbkleckse auf dem scheinbar makellosen Porträt der Sowjetunion.“

Sowohl für Dietmar Schulmeister als auch für Julia Kling ist der 9. Mai in erster Linie ein Gedenktag, der daran erinnern sollte, welchen hohen Preis der Weltfrieden hat. „Ein sicheres Zuhause zu haben und in einem demokratischen Land leben zu dürfen ist ein großes Privileg“, betont Julia Kling. „Frieden ist kein Geschenk – es ist harte Arbeit. Das dürfen wir nicht vergessen.“

Katharina Martin-Virolainen

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