Mehr als 128.000 Bürger der Russischen Föderation sind zwischen Februar und April nach Kasachstan eingereist. Das berichten kasachische Medien unter Berufung auf den Grenzschutzdienst des Nationalen Sicherheitskomitees Kasachstans. Damit ist die Zahl doppelt so hoch wie im Vorjahreszeitraum. Die Hauptgründe für die Abwanderung hängen mit den Kampfhandlungen in der Ukraine zusammen: Angst vor der Einberufung in die Armee, Flucht vor der Wirtschaftskrise im Land, eine ablehnende Haltung gegenüber den aktuellen Handlungen der eigenen Regierung in der Ukraine.

Die 24 Jahre alte Asya lebte im Februar noch in Sankt Petersburg. Sie hatte dort einen Vollzeitjob, mietete mit ihrem Freund eine Wohnung in der Stadt, und führte ein insgesamt ruhiges, etabliertes Leben. Nach den Ereignissen in der Ukraine traf sie allerdings die Entscheidung, mit Ihrem Freund nach Kasachstan auszureisen. Wie viele andere russische Bürger, die aktuell aus dem Land fliehen, verließ sie Russland, weil sie mit der Politik dort nicht einverstanden ist.

Im Interview erläutert sie, warum sie sich entschlossen hat, nach Kasachstan zu gehen, welche Pläne sie dort hat, und wie sie in der neuen Wahlheimat behandelt wird.

Warum haben Sie sich entschieden, nach Kasachstan zu gehen?

Wir haben noch in der ersten Woche nach dem 24. Februar beschlossen, umzuziehen. Damals hatte ich keinen ausländischen Pass, und ohne Pass kann man aus Russland nur nach Kasachstan und Armenien ausreisen. Ich beschloss, nicht darauf zu warten, bis er in Russland ausgestellt wird, und stattdessen sofort umzuziehen. Außerdem habe ich in Kasachstan nicht nur Freunde, sondern es gibt hier auch Verwandte meines Freundes.

Was haben Sie in Kasachstan vor? Wollen Sie hier einen Job finden?

Im Moment bin ich im Urlaub. Eine Woche vor meiner Abreise nach Kasachstan habe ich ein Familienmitglied verloren. Solange es keine Möglichkeit gibt, zu arbeiten, arbeite ich auch nicht. Im Allgemeinen plane ich aber, weiterhin freiberuflich im digitalen Bereich tätig zu sein. Von Kasachstan aus wird es schwieriger sein, mit Russland zusammenzuarbeiten, da der Geldtransfer kompliziert geworden ist. Daher werde ich nach anderen Möglichkeiten suchen, meine Fähigkeiten auf dem lokalen Markt einzusetzen.

Wollen Sie in Kasachstan bleiben, oder haben Sie vor, weiterzuziehen?

Wir planen, weiterzureisen. Wir werden auf jeden Fall nach Kasachstan zurückkehren, aber wir haben noch nicht beschlossen, ganz hierher zu ziehen.

Wie behandelt man Sie in Kasachstan?

Sehr gut! Einige Leute, die ich kannte, haben mich vor „Russophobie“ gewarnt, ich war auf alles vorbereitet. Die Menschen in Kasachstan sind aber sehr, sehr freundlich. Im Bürgeramt, in Banken, Geschäften, Taxis, auf Flughäfen – überall gibt es höfliche Menschen, die Hilfe anbieten, alle Fragen beantworten, und generell gerne helfen. Sie erzählen oft, wie sie mit Verwandten, Freunden und ihren Kindern nach Russland in den Urlaub fahren.

Werden Sie die kasachische Sprache lernen?

Ja, wir haben sofort nach unserer Entscheidung, nach Kasachstan zu fliegen, damit begonnen, grundlegende Ausdrücke auf Kasachisch zu lernen. Wir fragen Einheimische, wie man etwas auf Kasachisch sagt, wir lernen die Straßennamen in der Landessprache auswendig. Manchmal frage ich die Verkäufer zum Beispiel: „Wie sagt man auf Kasachisch: Darf ich drei Tomaten haben?“ Fast jeder hier kann und versteht Russisch, aber für mich ist das eine Frage des Respekts. Ich habe mich immer gefreut, in Russland Touristen zu sehen, die wissen, wie man sich auf Russisch bedankt.

Sehen Sie irgendwelche kulturellen Unterschiede zwischen den beiden Ländern?

Ja, natürlich! Die Kasachen sind ganz anders, auch die ethnischen Russen, die ihr ganzes Leben in Kasachstan verbracht haben, haben eine ganz unterschiedliche Mentalität. Zunächst haben wir in Ekibastus, Kasachstan gewohnt; ich selbst wurde in Perwouralsk, Russland geboren. Beide Städte haben 130.000 Einwohner. Und wenn man die Einwohnerzahl nimmt, entspricht das den Provinzstädten des mittleren Gürtels Russlands. Aber die Kultur selbst, die Traditionen, die Küche, der Stil der Menschen, die Gewohnheiten des täglichen Lebens – alles ist anders. Der Teufel steckt im Detail, und es sind die Details, die mich begeistern und inspirieren.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Ludmilla Reger.

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