Seit über 250 Jahren leben ethnische Deutsche in Russland. Katharina die Große hat sie damals angeworben, um die unbewohnten Regionen zu besiedeln. Einige von ihnen mit dem Vordringen der Nazis in sowjetisches Gebiet nach Kasachstan deportiert. Nach der Wende begann eine große Aussiedlerwelle nach Deutschland, viele kehrten in ihre historische Heimat zurück. Wie geht es der Gruppe eigentlich heute? Wie deutsch sind die Deutschen? Und was denken die Kasachstaner über sie?

Heute leben ungefähr 180.000 ethnische Deutsche in Kasachstan. Sie sind gut integriert, pflegen aber ihre ursprünglichen Traditionen. Darüber weiß Ruben Bachmann von der gesellschaftlichen Vereinigungen der Deutschen Kasachstans „Wiedergeburt“ viel zu erzählen. Dort arbeitet Bachmann als „ethnokultureller“ Experte.

Der Verein ist im Deutschen Haus Almaty untergbracht, kümmert sich um die Belange der deutschen Minderheit in Kasachstan und organisiert Veranstaltungen zur Bewahrung der Traditionen und Sprache, wie zum Beispiel die „Tage der deutschen Kultur“.

Unter den Kasachstandeutschen gibt es heute einige, die die Sprache ihrer Großeltern erst lernen müssen. „Es ist ein Fakt, dass die Deutschen Kasachstans ihre Sprache verloren haben“, sagt Bachmann. Sprachkenntnisse seien für viele von ihnen eine Chance, nach Deutschland auszuwandern. Dies haben die meisten der Kasachstandeutschen bereits in den 1990er Jahren getan. Bis kurz nach der Wende lebten noch knapp 900.000 ethnische Deutsche in Kasachstan. „Wir haben kein Recht, die Menschen, die in ihre historische Heimat zurückkehren wollen, zu verurteilen“, so Bachmann. Die Assoziation „Wiedergeburt“ unterstütze sowohl diejenigen, die nach Deutschland umziehen, als auch die ethnischen Deutschen, die in Kasachstan bleiben.

Kasachstandeutsche sind keine Minderheit

Besonders junge Kasachstandeutsche haben die alten Bräuche und Sitten ihrer Großeltern vergessen. Nicht so Anastassija Sadownikowa. Die 24-jährige lebt mit ihrer Familie in Astana und ist auch Mitglied bei der „Wiedergeburt“. Ihr ist es wichtig, in der Definition genau zu unterscheiden: „Kasachische Deutsche sich eigentlich keine Minderheit, sondern eine der vielen ethnischen Gruppen, die hier in Kasachstan leben“, sagt sie. In ihrem Leben spielen deutsche Traditionen eine wichtige Rolle. Ihre Familie feiert zuhause sowohl die deutschen, als auch die kasachischen Feste. „Mein Vater wurde in der orthodoxen Kirche und meine Mutter in der katholischen Kirche getauft. Deshalb feiern wir zweimal Weihnachten und zweimal Ostern. In der Kindheit war das für mich wie im Paradies, weil ich doppelt Geschenke bekommen habe.“

„Ich war ganz aufgeregt“

Auch die deutsche Küche wird in Anastassija Sadownikowas Familie gepflegt. Neben kasachischem Beschbarmak gibt es regelmäßig Apfelstrudel, Sauerkraut und Knödelsuppe. Zu ihren deutschen Wurzeln zurückzufinden, war aber nicht leicht für die 24-Jährige aus Astana. Da ihre Eltern nur russisch sprechen, musste sie die deutsche Sprache erst lernen. „Bei uns zuhause dominiert die russische Sprache. In meiner Kindheit habe ich gemerkt, dass meine Oma ein Lied in einer anderen Sprache singt. Ich war aufgeregt als ich erfuhr, dass diese Sprache Deutsch war. Von da an wollte ich unbedingt Deutsch lernen.“

Für ethnische Deutsche, die wie Anastassija Sadownikowa erst Deutsch lernen müssen, gab es in Kasachstan bis vor einigen Jahren spezielle Schulen und Sprachkurse.

Deutsche werden geachtet

In dem Vielvölkerstaat Kasachstan sind die Deutschen seit langer Zeit gut integriert und werden geachtet. Fragt man die Kasachstaner auf dem „Grünen Basar“ in Almaty nach ihrer Meinung über die Deutschen, kommen verschiedene Antworten. Eine Buchhändlerin sagt: „Sie sind verantwortungsbewusst. Ich bin mit Deutschen zusammen aufgewachsen, sie haben auf mich immer einen guten Eindruck gemacht. Ich kann gar nichts Negatives über sie sagen, mir gefällt, dass wir uns treu waren“.

Andere verbinden mit den Deutschen immer noch den Krieg. Ein Mann auf dem Markt möchte seine deutschen Sprachkenntnisse beweisen: ‚Hände hoch‘“, sagt er und lacht. „Nein“, lenkt er ein. „Die Deutschen sind ein gutes Volk, mehr hab ich dazu nicht zu sagen“.
Ein Fahrer verbindet eher Kulinarisches mit Deutschland: „Die machen gutes Bier“ sagt er, schränkt dann aber lachend ein: „Aber englisches Bier ist besser.“

Dieser Text ist im Rahmen der VIII. Zentralasiatischen Medienwerkstatt (ZAM) entstanden. Die ZAM ist ein Kooperationsprojekt der Deutschen Allgemeinen Zeitung, des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa), der Goethe-Institute Almaty und Taschkent, des deutsch-russischen Jugendportals To4ka-Treff sowie der Friedrich Ebert Stiftung.

Von Eva Lindner, Sobir Pulatov, Rachmonbek Musaev