Die kasachische Frauenrechtlerin Dinara Assanowa und der US-amerikanische Stadtführer Dennis Thorsted Keen entwickelten einst eine Wanderroute durch Almaty, welche die Geschichte kasachischer Frauen anhand von Straßennamen zeigt. Insgesamt gibt es zwar nur 30 Straßen in Almaty, die nach berühmten Frauen benannt wurden, dennoch lohnt es sich, einen genauen Blick auf ihre Geschichten zu werfen.

Straßennamen schaffen nicht nur physische Orientierung, sondern konservieren auch eine nationale Erinnerungskultur. Almaty ehrt mit seinen Straßennamen kasachische und sowjetische Schauspielerinnen, Sängerinnen, Aktivistinnen, Astronautinnen, Soldatinnen, Schriftstellerinnen und viele mehr. Neben sowjetischen Persönlichkeiten wie Clara Zetkin oder Walentina Tereschkowa, gibt es auch Straßen in der Stadt, die nach kasachischen Frauen benannt wurden.

Nagima Arykowa

Nagima Arykowa wurde 1902 in Werny geboren und engagierte sich bereits früh für Frauenrechte. Nach der Oktoberrevolution 1917 arbeitete sie als Lehrerin, später leitete sie eine Mädchenschule. Mit anderen Frauen organisierte sie die sogenannten Roten Jurten, eine Bildungskampagne für Frauen, die in der Steppe lebten. Dabei klärten sie Frauen über ihre politischen Rechte auf, brachten ihnen Selbstverteidigung und die russische Sprache bei.

Im Alter von 23 Jahren trat sie in die KPdSU ein und setzte sich aktiv für die Regionalpolitik ein: Sie bildete andere Kommunistinnen in Parteischulen aus, leitete die Frauenabteilungen von verschiedenen Bezirkskomitees, stieg dann in die überregionale kasachische Territorialverwaltung auf, sogar bis ins Oberste Gericht der Sowjetunion. In den 1930er Jahren war sie Mitglied des Regionalkomitees von Westkasachstan, leitete die lokale Abteilung für Propaganda und Kultur, und wurde 1937 zur Volkskommissarin für Soziale Sicherheit der Kasachischen SSR ernannt. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1956 arbeitete sie als Journalistin und in staatlichen Verlagen. Sie schrieb zahlreiche politische Broschüren zu Frauenrechten, Agitation von Frauen und Marxismus.

Sholpan Imanbaewa

Bereits im zarten Alter von 22 Jahren verstarb die Dichterin Sholpan Imanbaewa, sie hinterließ allerdings eine umfangreiche Sammlung an Gedichten und Texten. Der kasachische Schriftsteller Saken Seifullin erinnerte sich 1926 mit folgenden Worten an sie: „Sholpan war die erste kasachische Dichterin. Eine Dichterin aus der armen Bevölkerungsschicht. Sholpan war eine blühende Tulpe in der Steppe.“

1904 wurde sie in Akmolinsk – heute Nur-Sultan – geboren. Sie arbeitete als Erzieherin in einer städtischen Kinderkommune und begann früh, Gedichte in kasachischer Sprache zu schreiben. Diese trug sie häufig in Frauenkursen vor, bis ihr erstes Gedicht «Жолаушы мен жұмыскер» („Der Passagier und der Arbeiter“) in der Zeitung Egemen veröffentlicht wurde. Sie galt bis dahin als erste kasachische Frau, deren Werke in einer kasachischen Zeitschrift veröffentlicht wurden. Ihre Gedichte behandeln Themen wie die Ungleichbehandlung von Frauen, die kasachische Nomaden- und Dorfkultur sowie das Bedürfnis nach Freiheit.

Alija Moldagulowa

Alija Moldagulowa kämpfte als sowjetische Soldatin im Zweiten Weltkrieg und wurde posthum als „Heldin der Sowjetunion“ geehrt. Ihr Einsatz als Scharfschützin wurde 1986 verfilmt. In Nur-Sultan und in ihrem Sterbeort Nowosokolniki gibt es heute sogar noch Denkmäler zu ihren Ehren. 1925 geboren, verlor sie als Kind ihre Eltern, wuchs dann bei der Familie ihres Onkels auf, bis sie im Alter von 14 Jahren in ein Waisenhaus kam. Bereits drei Jahre später schrieb sie sich freiwillig für den Dienst in der Roten Armee ein und ließ sich zur Scharfschützin ausbilden. 1944 erlag sie ihren Verwundungen, tötete bis dahin allerdings zwischen 70 und 90 Soldaten und Offiziere der Wehrmacht. Heute gilt sie neben Manschuk Mametowa als einzige zentralasiatische Frau, die für ihre Dienste im Zweiten Weltkrieges geehrt wurde.

Balzhan Bultrikowa

Ähnlich wie Nagima Arykowa machte auch Balzhan Bultikowa eine politische Karriere in der Sowjetunion. Sie engagierte sich besonders für Bildungsprogramme und Alphabetisierung, aber auch für die materielle Unterstützung von Menschen mit Behinderung, Waisenkindern und Veteranen. Ende der 1930er Jahre zog sie nach Almaty, studierte dort Linguistik und Literatur und betätigte sich intensiv in der sowjetischen Bildungsgewerkschaft. Während sie sich in den 1950er Jahren noch mit Schulpolitik, Wissenschaftslehre und Sozialhilfe beschäftigte, fokussierte sie sich in den darauffolgenden Jahren mehr auf die sowjetische Nationalitätenpolitik, repräsentierte Kasachstan in den UN-Generalversammlungen und stärkte die diplomatischen Beziehungen zwischen Asien und Afrika. Als sie 1998 im Alter von 76 Jahren starb, überlebte sie zwar den Zusammenbruch der Sowjetunion, doch ihr Erbe bleibt mit der sowjetischen und kasachischen Geschichte eng verbunden.

Antonia Skiba

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