Jahrhunderte Sprachentwicklung haben uns zu Rhetorikkursen in allen Varianten geführt. Aber kaum entlässt man uns aus den Kursräumen, geben wir uns auf der Straße wieder unseren Urinstinkten hin und schreien raus, was wir unbedingt verstanden haben wollen.

Damals (im Steinzeitalter), als es noch keine Missverständnisse gab beziehungsweise als man sie noch nicht als solche wahrnahm, gab es nur die eine Form des Nicht-Verstanden-Werdends: nicht laut genug. Das verfolgt uns bis heute.

So ist es in sehr vielen Lebensbereichen: Passt man nicht auf, setzt sich mir nichts, dir nichts der Urinstinkt in Gang. Immer wieder gut zu beobachten, wenn jemand versucht, Ausländern etwas zu erklären, die nicht so ganz verstehen: Das Gesagte in verkürzten Sätzen in genau derselben Weise mehrmals wiederholen, dabei d e u t – l i c h  a r – t i – k u – l i e – r e n und die Lautstärke bis zum Schreien steigern. Für uns als Beobachter ist dies eher peinlich. Als Beteiligter – machen wir es selbst oft nicht anders.

Dieses Phänomen setzt sich bei allen Wesen in Gang, denen wir etwas vermitteln wollen. Bei Kindern, bei Senioren, bei beeinträchtigten Menschen und gar bei Hunden. Kaum ist eines der genannten Lebewesen im Raum, hebt sich beinahe automatisch der Sprechpegel.

Im Heim für neurologisch Kranke wunderte ich mich stets, was dort den ganzen Tag lang geschrieen wird, als wären die Leute taub, was sie ja gar nicht waren. Und nanu, ich tat es selbst. Denn bei aller Reflexion und so gut man weiß, dass die Leute einen verstehen, das aber nicht sagen können: es irritiert ungemein, wenn man auf jemanden einredet und dann einfach nichts kommt. Man redet also weiter und weiter, lauter und lauter, auf dass endlich ein klitzekleines Zeichen kommt, dass man verstanden wurde und man aufhören könne mit dem Erklären.

Im Zeitalter des Über-Alles-Reden-Wollens wird viel gefordert: ein blitzschnelles Reaktions- und Reflexionsvermögen, ein weniges Bedienen des Wortschatzes, Flexibilität und eine gehörige Portion Sensibilität – Wie sage ich es anders, was in der vorherigen Version nicht verstanden wurde? Welche Begriffe können irritierend, missverständlich sein?… Das ist mächtig anstrengend und sitzt noch nicht so tief wie der Urinstinkt. Kein Wunder also, dass die Migranten zum Teil kein gutes Deutsch beherrschen, wenn wir in so einem grammatikalisch heillosen Kauderwelsch auf sie einbrüllen.

Julia Siebert

25/07/08