Erstmalig erscheint eine Publikation, die sich ausschließlich mit kasachstanischer zeitgenössischer Kunst befasst. Die Motivation zu diesem Projekt kommt aus den 80ern, der Zeit der Umbrüche und der Öffnung der Sowjetunion. Die Initiatorin des Projekts, Gaisha Madanova und der Kurator Thibaut de Ruyter standen hierzu Rede und Antwort.

 

Am 27. November ist es soweit, dann soll sie präsentiert werden, die erste Zeitschrift Kasachstans, die sich ausschließlich mit Kunst befasst.
Das einzigartige Format der „Ausstellung auf Papier“ soll die Kunstszene Almatys bereichern und – so hofft die Schöpferin – für Diskussionen sorgen. Gaisha Madanovas Ausgangsidee war es, je Ausgabe einen neuen Kurator zum Bespielen der virtuellen „Papiergalerie“ einzuladen und damit auch für eine neue Sichtweise, einen neuen Input zu präsentieren. Damit soll ein nachhaltiges informatives Produkt zum zeitgenössischen Kunstbegriff geschaffen werden.
Es ist einmal mehr das Goethe-Institut, das die Basis für so ein Unterfangen bietet. „Brain Map“, ein aus „Exzellenzmitteln“ gefördertes Projekt der Goethe-Institute in Osteuropa und Zentralasien, dessen Zielsetzung ein Austausch über Konzepte und Arbeitsformen der Ausbildung von Wissenschaftlern und Künstlern in den Regionen und in Deutschland ist, hat die beiden zusammengebracht. Die dritte Person im Bunde ist Peter Hübert, ein Berliner Designer, gebürtig aus Kasachstan; man lernte sich ebenso über Projekte des Goethe-Instituts kennen.
Wie die DAZ bereits letztes Jahr berichtete, umfasste das Projekt auch eine Serie von Workshops und Vorträgen mit dem Fokus auf Kunstjournalismus und die Entwicklung kultureller Publikationen.
„ALUAN“ – aus dem Kasachischen übersetzt heißt der Name der Zeitschrift etwa „mannigfaltig“, „divers“, „verschiedenartig“. Er ist dem Wandel der end-80er Jahre zu verdanken. Damals, gegen Ende der 80er – zu der Zeit, als Gaisha Madanova geboren wurde – gab es mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs auch zum ersten Mal seit dem kurzzeitigen Tauwetter der 60er Jahre die Möglichkeit, zuvor als verboten geltende Ideen in der Kunst aufzugreifen und zu verarbeiten. Zum ersten Mal seit langem durchbrach man den institutionellen Teufelskreis. Besondere Aufmerksamkeit bekam dabei die Ausstellung „Aluan-Aluan“, die 1989 von Künstlern im Kastejew-Museum Almaty organisiert wurde und neue, dem Sowjetpublikum bis dato unbekannte und vielfältige Expressions-Formen bot. Ebendiese Ausstellung, die den Wendepunkt für die hiesige Szene bedeutete, prägte auch das Selbstverständnis der Künstlerin Madanova und steht nun Pate für den Namen der ersten zeitgenössischen Publikation zur Kunst in Kasachstan.
Diese erste Ausgabe ist damit auch der Stadt Almaty gewidmet. Es ist Gaishas Heimatstadt. Transportieren soll die Publikation jedoch den allgemeinen Geist zeitgenössischer Kunst als eine Art Fenster zur Kunstwelt außerhalb als auch innerhalb Zentralasiens. Deshalb wählte sie für diese erste Ausgabe die kuratorische Sicht eines Außenstehenden.
Als der Kurator Thibaut de Ruyter anfing, sich mit Kasachstan und Kunstprojekten in diesem Umfeld oder der Thematik des Landes auseinanderzusetzen, begegnete ihm sehr häufig die schöne kasachische Steppe. Durch die Stadtbezogenheit, aber auch um Stereotypen zu entkommen, ergab sich eine Künstlerauswahl aus Almaty und Umgebung. Somit hat man in der Zusammensetzung die Sicht eines Außenstehenden, der drei Wochen Zeit hatte, Künstler zu treffen, Orte zu besuchen und niemandem vormachen möchte, alle Weiten Kasachstans durchschritten zu haben. Er habe sich keine Quoten auferlegt – weder Geschlechter– noch Altersquoten, so der Wahlberliner. Und doch sei man zufällig auf ein recht ausgewogenes Abbild gekommen – es sind fast genauso viele Frauen wie Männer, Neulinge als auch erfahrene Künstler vertreten.
Die Themen, die ihm in der kasachstanischen Kunst begegnet sind, sind u.a. spielerische, ethnologische Experimente, sowjetische Vergangenheit und ihr Nachhall, Ethnizität. All diese heute präsenten Elemente sieht er bereits In Abylchan Kastejews Werk von 1955 vereint, mit dem Unterschied der damals noch realen sozialistischen Idee. Deshalb wurde Kastejew einer der „Räume“ gewidmet, als dem Usurpator moderner Tendenzen. Wenn Thibaut über Räume spricht, meint er die Papierpräsentation der Beiträge. Bei der Recherche arbeitete man eng mit den Stadtarchiven und dem Kastejew Museum in Almaty. Doch der Architekt, Kunstkritiker und Kurator de Ruyter betont: „Unsere Ausstellung ist nicht ausschließlich der Post-UdSSR, der Ethnizität oder der Rolle der Frau gewidmet, aber das sind alles Fragen, die man sich stellen muss, wenn man ein Land wie Kasachstan und seine Geschichte behandelt.“
Er hat sich in seiner kuratorischen Linie an Werke gehalten, die an sich zweidimensional sind, man findet also keine Installationen, Skulpturen oder Performances unter den abgebildeten Objekten. Das sei für ihn besser mit dem Medium Papier vereinbar, so der energetische Franzose. „Dreidimensionaler Raum auf Papier funktioniert nicht für mich. Vielleicht könnte man in zukünftigen Ausgaben genau hier mit einer Online-Version ansetzen.“ Die Auswahl ist jedoch keinesfalls nur auf Malerei beschränkt, sie umfasst unter anderem auch Collage, Fotografie oder Zeichnungen.
Gaisha betont gern den Bildungscharakter dieses Projekts: „Ich wollte etwas für Kasachstans Kunstszene erschaffen, was einerseits interessant und besonders ist, gleichzeitig aber auch einen Diskurs anregt und als Artefakt verfügbar bleibt, fernab von herkömmlichen temporären Ausstellungssituationen.“ Bereits die Produktionszeit sei von einem immensen Austausch von Erfahrungen geprägt gewesen. Hier lebte man auch den Grundgedanken des interkulturellen Wissensaustausches zwischen Experten im Projekt „Brain Maps“. Die Leiterin des Goethe-Instituts Almaty, Barbara von Münchhausen, weist auf den Erfolg dieser Initiative, die Experten Kasachstans, wie Gaisha Madanova und auch Peter Hübert aus Europa mit ihrem dort erlernten Know-how zurückzubringen ersucht. Auf die Zeitschrift freut sie sich sehr: „Es ist genau das, was hier vor Ort gefehlt hat. Es soll ein Kunstwerk an sich werden, weil es ist nicht in Kapitel, sondern Räume unterteilt.“
Es passiert immer mehr auf dem Feld der Kunst in Kasachstan, auch internationaler Austausch wird nach und nach gefördert. Es hat sich eine Zielgruppe herausgebildet. Subkulturen, Design und Kunst sind auch längst nicht mehr ein Nischen-Unterfangen, sondern in aller Munde. Soeben ist das fünfte internationale Festival für zeitgenössische Kunst in Almaty, das „ARTBAT FEST“ vorübergegangen, fast zeitgleich eröffnete eine Ausstellung zu urbaner Kultur, Street Art und Graffiti „Urban Dawn“ mit Arbeiten internationaler Künstler. Es gibt auch immer mehr Zeitschriften mit zeitgenössischen Tendenzen in Kasachstan, jedoch bis dato keine Fachpublikationen zu Kunst.
In Kasachstan mangelt es an Infrastruktur, die qualitativ hochwertige Kunst hervorbringen kann. Die Lehre an den universitären Einrichtungen sei vielerorts veraltet, und es bestünden kaum Fördereinrichtungen für Stipendien, Räume u.Ä., so die Kunststudentin, die momentan in München Freie Kunst studiert. Des Weiteren gibt es vergleichsweise wenig internationale Einflüsse und damit wenig existenznotwendigen Austausch und Bewegung der Kunstszene, so stagnierten Künstler-Generationen in sich immer wieder fortschreibenden strukturellen Selbstverständnissen. Die Kritik, die sie übt, sei nicht allein der Kritik willen, betont Gaisha, sie liebe ihre Heimat, und es sei ihr umso wichtiger, einen Beitrag zur Entwicklung der Situation zu leisten. Sich selbst sieht sie in einer Art Brückenfunktion, denn sie kommt aus einer Künstlerfamilie und ist sozusagen in einer Bibliothek aus Büchern und Publikationen zu Kunst und Kultur groß geworden, die ihre Eltern aus aller Welt zusammengetragen haben. Andere Menschen würden solche Möglichkeiten nicht haben und seien nicht unbedingt in eine Künstler-Bohème hineingeboren worden oder hatten die Möglichkeit sich im Ausland umzuschauen und müssen sich Wissen anderweitig aneignen. Eben hier will sie mit ALUAN ansetzen und eine Präsentationsform bieten, die den ausländischen in nichts nachsteht, ja eher noch einen eigenen Weg beschreitet, anstatt nur Formate zu kopieren. Dabei stellt Gaisha die Mündigkeit des Publikums heraus: „Es sollen niemandem Meinungen aufgezwungen werden, es soll überhaupt die Zugänglichkeit zur Information geboten werden und eher eine Art Begleit-Struktur angeboten werden, die den Rezipienten an etwas heranführt, wobei jeder selbst entscheiden kann, ob er daran interessiert ist und ob er etwas verstehen möchte oder nicht.“
Bei all der Fortschrittlichkeit des Formates stellt sich die Frage, warum man in Zeiten von aussterbenden Printmedien und der Tendenz zu Web-Formaten, sich ausgerechnet einen Papierraum auserkoren hat, anstatt einen online-Raum zu kreieren. Doch darauf hat Thibaut eine eingängige Antwort: „Print ist nicht am Aussterben. Nur die Beziehung zur Materialität hat sich geändert. Man sieht z.B. an der Musikindustrie, wie plötzlich fast vergessene umständliche Medien wie die Schallplatte wieder modern wird. Man druckt heute Spezialeditionen von diesen Tonträgern, die vielmehr den Status eines begehrten Objektes einnehmen. Genauso geschieht es in der Kunst und schafft somit einen neuen Wert von Printpublikationen.“
Auf die Nachfrage, ob so ein innovatives Format insbesondere junge Nachwuchskünstler fördern könnte, antwortet Madanova, dass sie sich durchaus Newcomer-Editionen bei nachfolgenden Ausgaben vorstellen könne. „Überhaupt soll die Ausrichtung internationaler werden und je nach Kurator verschiedene Themenschwerpunkte umfassen“, so die junge Chefredakteurin.
Momentan sitzen die Teammitglieder an dem letzten Design-Schliff der Publikation und sind dabei, die Präsentation im November vorzubereiten. Nach der einjährigen Produktionszeit, soll die Zeitschrift zunächst annuell in einer Auflage von 1000 Freiexemplaren erscheinen. Man denke auch über einen Verkauf im Ausland nach, so Gaisha. Das Team macht sich auch Gedanken über die Verbreitung und weiteres Sponsoring des Magazins. Auf die Nachfrage, ob es schon Eingebungen zur nächsten Ausgabe gäbe, lächelt Gaisha Madanova (leicht müde): „Wenn man nahezu ein Jahr an einer Idee arbeitet, kann man sich nur schwer innerhalb dieses aufwändigen Prozesses in Gedanken zu neuen Visionen mit neuen Leuten hineinbegeben. Ich bin in erster Linie gespannt auf die Rezeption im November und hoffe neue Diskurse anregen zu können.“
Gaisha Madanova, kasachische Künstlerin und Kuratorin, die zwischen München und Almaty lebt, überwindet gern Grenzen und liebt kulturübergreifendes zukunftsgerichtetes Arbeiten.
Für Thibaut de Ruyter, französischer Architekt, Kurator und Kunstkritiker mit Wohnsitz in Berlin, gibt es nichts Spannenderes, als neue Länder in ihrem Wesen zu entdecken.

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