Seit einiger Zeit forciert die Siedlung Schabagly im Süden Kasachstans den ökologischen Tourismus – mit dem Ziel, den Lebensstandard der eigenen Bevölkerung zu heben

Kasachstan hat für Naturliebhaber Besonderes zu bieten. Darunter sind nicht nur die Vielfalt und der Reichtum der Natur zu verstehen, sondern auch die Nutzbarmachung der Früchte des Tourismus für die Bewohner selbst. Der Besucher kann sich ganz ungestört erholen oder aber das Gespräch suchen und mehr über Land und Leute erfahren.

Wir nutzten den Jahreswechsel, um den Süden Kasachstans zu bereisen. Nach Besuchen in Turkestan und Schymkent brachen wir am 30. Dezember nach Schabagly auf. Eine freundliche Stimme hatte uns am Telefon mitgeteilt, dass ein Häuschen für fünf Personen zur Verfügung stehe. Swetlana Baskakowa und Wladimir Schakula, heute Akim (Bürgermeister) der Siedlung, nahmen uns in Ryskulow in Empfang und geleiteten uns sicher ans Ziel: Nagimas Haus.

Das Haus von Nagima und ihrem Mann ist eines der vier Häuser, die im Rahmen eines bevölkerungsbasierten Tourismusprojektes ganzjährig Gästen offen stehen. Ziel dieser Tourismusform ist die Prosperität der lokalen Bevölkerung durch die Bereitstellung von Unterkunft, Verpflegung und anderen Angeboten (z. B. Souvenirs, Kumys, Folkloredarbietungen wie Dombra-Ensemble) an Touristen, die von Schönheit und Einmaligkeit der Landschaft und Natur angezogen werden. So gehen 80 Prozent der Einnahmen direkt an die Gastgeber, der Rest wird für Naturschutz und die Weiterentwicklung von Ökotourismusprojekten verwendet. Bei den Gastgebern handelt es sich einerseits um aktive Gemeindemitglieder, die über die entsprechende Voraussetzung verfügten – ein renovierbares Haus. Anderseits wurden die Familien auch nach Bedürftigkeit ausgewählt.

Die Siedlung Schabagly liegt zwischen Schymkent und Taras am Fuße des Talass-Alatau und ist das Eingangstor zum Nationalpark Aksu-Schabagly, welcher, 1926 gegründet, der älteste Naturschutzpark Zentralasiens ist. Er erstreckt sich über ein Gebiet von 850 Quadratkilometern, von 1100 (Schabagly) bis zu 4200 Höhenmetern (Spitze Syram). Der Park schützt eine reiche Flora mit 1279 Arten, von denen 57 im Roten Buch der bedrohten Arten Kasachstans verzeichnet sind. Neben weltweit bekannten Tulpenarten (tulipa griegi und tulipa kaufmanniana) stammen auch die Urformen von Lilien, Krokussen, Blausternen und Schachblumen aus der Region. Diese ist darüber hinaus Heimat von 51 Säugetierarten, darunter so seltene wie der Schneeleopard, der Isabell-Braunbär und Turkestanluchs. Aber auch Steinbock, Marale und Argali-Wildschafe leben hier. Die Lüfte durchstreifen bedrohte Arten wie Steinadler, Schneegeier, Uhu und der „blaue Vogel“ – die Purpurpfeifdrossel.

Dem Besucher bieten sich im Frühjahr und Sommer berauschende Erlebnisse in der Natur: Wanderungen in und um den Naturschutzpark – durch die Täler des Talass-Alatau oder in die Berge, Reitausflüge von wenigen Stunden bis zu mehrtägigen Touren im Parkgelände. Man kann Exkursionen in den Aksu-Canyon unternehmen und in den Karatau, einen Mittelgebirgszug mit einer ganz eigenständigen Flora (allein 150 endemische Arten), der sich bis in die Wüste Mojynkum erstreckt und der schon in Stein- und Bronzezeit besiedelt war, wovon zahlreiche Felszeichnungen zeugen. Im Frühjahr und im Herbst kann man die Vogelberingungsstation Schakpak besuchen, die in der Schneise des Vogelzugs liegt und ornithologisch Bewanderten interessante Entdeckungen bietet. Für Mutige empfiehlt sich eine Besichtigung in der Stalaktitenhöhle bei Ak Bijk – Kletterpartien eingeschlossen.

Frühjahr und Sommer sind die idealen Jahreszeiten für Tierbeobachtungen, Wandertouren und Tulpenblüte. Doch aufgrund Frost und Schneesturm hatten die Aktiven der NGO „Wilde Natur“ Zeit, ausführlich über ihre Projekte und Pläne zu berichten. Swetlana Baskakowa und Wladimir Schakula sind Zoologen und arbeiteten lange als Angestellte des Naturschutzparks. Schon 1992 konnten sie mit Hilfe einer amerikanischen Organisation, welche die für die Registrierung notwendigen 300 Dollar gab, die erste NGO gründen. Während der folgenden, im Rückblick schwersten zwei Jahre schrieben sie verschiedene Projekte, für die sich jedoch keine Finanzierung fand. Die Mitarbeit im Projekt zum Schutz des Schneeleoparden 1999 brachte die erste finanzielle Unterstützung und setzte weitreichende Akzente für die Zukunft. Der Schwerpunkt dieses Projektes, die Einbeziehung der lokalen Bevölkerung, leitet seitdem die Arbeit der NGO „Wilde Natur“.

Die nächste Etappe der Arbeit von „Wilde Natur“ lag in der Ausarbeitung kleiner Projektinitiativen und Ideen zur Verwirklichung des Weltbank-Programms „Unterstützung lokaler Initiativen“. Von 130 geschriebenen Projekten wurden 34 finanziert, die anderen sollen neu eingereicht werden oder werden auf anderem Wege realisiert. „Wir machen unsere Arbeit grundsätzlich nicht von der Finanzierung abhängig“, betont Schakula. Eine Finanzierung fände sich oft für Projekte, die schon begonnen worden seien, überzeugten und während der Verwirklichung Unterstützung fänden. Anders gesagt, auch ohne Geld läuft die Arbeit weiter.

Mittlerweile werden die NGO „Wilde Natur“ und all die anderen nicht mehr nur allein von internationalen Organisationen unterstützt. 2003 brachte ein Bürgerforum 200 Mitglieder von NGOs aus Kasachstan und Regierungsvertreter zusammen. Den Anstoß hierfür lieferten die Tätigkeit und die aktive Finanzierung der Initiativen von internationaler Seite. Das Forum habe den NGOs die Tür zu den Ministerien geöffnet, denn die Vertreter der verschiedensten Initiativen konnten sich direkt an die betreffenden Minister wenden, erzählt Schakula. Ein Seminar „NGO und staatliche Macht“ führte zur Beteiligung der kasachstanischen Seite an der Finanzierung und eröffnete den NGOs die Möglichkeit, sich um staatliche Aufträge zu bewerben.

Das große Projekt von TACIS und Weltbank „Grenzüberschreitender Schutz der Biodiversität in Zentralasien“ (1999) förderte den Nationalpark Asku-Schabagly und war Ausgangspunkt für die Initiativen zum ökologischen Tourismus. Im Rahmen dieses Projektes wurden innerhalb von drei Jahren über 40 Seminare mit der Bevölkerung durchgeführt.

Seit Juli 2003 läuft das Ökotourismus-Projekt der NGO „Wilde Natur“, die schon längst nicht mehr „allein“ Naturschutz betreibt, sondern die mit jedem einzelnen Projekt zuerst die Prosperität der Bevölkerung – als wichtigsten Garanten für nachhaltigen Naturschutz – unterstützt. Mit Hilfe eines Kredites wurden fünf Häuser ausgebaut, renoviert und ausgestattet, eines davon als kleiner Laden. Im Jahr 2004 besuchten über 1000 Gäste die Häuser, darunter über 200 aus dem Ausland.

In Schabagly werden weiter Seminare durchgeführt, und die Gastgeber bekommen Englisch-Unterricht. Die positiven Auswirkungen auf die Gemeinde von Schabagly sind schon zu spüren: Die Musikschule bietet wieder ihre Dienste an. So werden sich in Zukunft wohl nicht nur Touristen an Klängen traditioneller Musik erfreuen dürfen. Schakula, der seit letztem Jahr Akim der Siedlung ist, spinnt den Faden weiter. In der Saison 2005 sollen zunächst sechs weitere Häuser einbezogen werden. Doch werden die Touristen nicht der Ruhe der Schutzzone des Nationalparks schaden? Wohl kaum, denn nur zwei von 14 zertifizierten Wanderrouten reichen überhaupt in das Innere des Parks hinein, die anderen verlaufen in der Peripherie. In der Zukunft darf man sich Schabagly mit einem Park, einem Kino, einem Café und einem Zeltplatz vorstellen.

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