Der Deutsche Zollverein (1834-1871) diente als Instrument der damaligen politischen und wirtschaftlichen Einheit Deutschlands, analog zur Europäischen Union. In einem direkten Vergleich von EU und EAWU werden Möglichkeiten und Grenzen eines einheitlichen Wirtschaftsraumes von Lissabon bis Wladiwostok skizziert. Sollte man ihn besser bis Schanghai denken?

[…] Der preußische Ministerpräsident (1862-1890) und Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes (1867-1871), Otto Eduard Leopold von Bismarck-Schönhausen (1815-1898), betrieb die deutsche Einheit, ohne die süddeutschen Staaten zu drängen. Er lehnte sogar den Beitritt Badens ab, um Württemberg und Bayern nicht zu verprellen.

Das Kaiserreich als einheitliches Zoll– und Handelsgebiet

Durch die Reichsverfassung von 1871 wurde das Deutsche Kaiserreich zu einem einheitlichen Zoll– und Handelsgebiet. Die Zollvereinsverträge blieben zwar bestehen, doch die Funktionen des Vereins gingen auf das Reich über. Dem Reich standen die Zollgesetzgebung und die Zollerhebung an den Außengrenzen zu. Der Zollverein wurde operativ überflüssig. Ein Relikt war lediglich noch die Zugehörigkeit Luxemburgs zum deutschen Zollgebiet, die erst 1919 durch den Austritt Luxemburgs und den Versailler Vertrag beendet wurde.

Historiografie alias Ideologie

Die nach der Gründung des Deutschen Reichs immer wieder, insbesondere von der borussischen Historiografie um Heinrich Gotthardt von Treitschke (1834-1896) betonte Funktion des Vereins als Motor der deutschen Einheit war kein hauptsächlicher Beweggrund der preußischen Führung oder der Regierungen in den übrigen Einzelstaaten. Die Chance, den Zollverein als Weg zu einem deutschen Nationalstaat zu nutzen, wurde stattdessen von der nationalliberalen Opposition in den Staaten des Deutschen Bundes gesehen und propagiert. Von Treitschke machte sich bei der Wertung des Zollvereins die Wahrnehmungen der liberalen Opposition in den 1840ern zu eigen und deutete diese konservativ um: Es „entstanden zwei Gemeinwesen im Deutschen Bunde: ein Deutschland des Scheines, das in Frankfurt, ein Deutschland der ehrlichen Arbeit, das in Berlin seinen Mittelpunkt fand.“
Gustav Friedrich von Schmoller (1838-1917) würdigte zwar ebenfalls die preußische Leistung, hob jedoch den Aspekt der Industrieförderung gegenüber der Nationalstaatspolitik hervor.
Diese Sichtweise konnte sich teilweise bis in die 1970er Jahre halten. Wilhelm Treue (1909-1992) sah die preußische Wirtschaftspolitik als entscheidenden Faktor der Industrialisierung an und bezeichnete vor diesem Hintergrund den Zollverein – anknüpfend an Schmoller und Georg Friedrich Wilhelm Roscher (1817-1894) – als bedeutendstes Ereignis in der deutschen Geschichte zwischen 1815 und 1866.
Da die deutsche Wirtschaftsgeschichtsschreibung noch lange von der historischen Schule der Nationalökonomie beeinflusst war, kamen erste Neuansätze der Forschung aus dem Ausland. Eine Pionierstudie war die Arbeit von William Otto Henderson aus dem Jahre 1939. Damit begann eine insgesamt differenziertere und nüchternere Betrachtung des Gegenstandes. […]

Die Fortsetzung dieses Beitrags lesen Sie in den nachfolgenden Ausgaben

Peter Enders, Galina Nurtasinowa und Ulf Schneider

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