Auch in Kasachstan kommt es vor, dass Kinder im Schulalter den Unterricht versäumen, weil sie stattdessen arbeiten müssen. Eine offizielle Statistik existiert nicht, aber individuelle Erfahrungen von Lehrern und Mitschülern. Daneben gibt es Spezialschulen für notorische Schulschwänzer und gesetzliche Regelungen zum Umgang mit ihnen.

/Bild: Kristina Ogonjanz. ‚Manche Schulbank bleibt in Kasachstan leer, weil ihr Insasse Geld verdienen muss oder einfach schwänzt.’/

Auf dem Hof einer allgemeinbildenden Schule in Almaty ist es laut. Die Schüler haben Pause. Die Mädchen sitzen auf den Bänken und erzählen Anekdoten. Die Jungs spielen Fußball und laufen herum. Einura und Edana aus der Klasse 8 haben Dienst. Sie müssen für Ordnung auf dem Pausenhof sorgen. Beide achten darauf, dass niemand Müll auf den Hof wirft oder sich die Jugendlichen nicht prügeln. Die Schüler haben Spaß, aber Damir aus der Klasse 8 fehlt. Er schwänzt die Schule. Mit seinen 14 Jahren hilft der Schüler seiner Mutter, die Familie zu ernähren. Schon früh hat er seinen Vater verloren, und seine große Schwester ist schwer krank. Niemand von seinen Mitschülern weiß, wo Damir arbeitet. „Die Schule hilft seiner Familie, aber trotzdem schwänzt er die Schule, weil das Geld für die Familie nicht zum Leben reicht“, sagt seine Klassenkameradin.

Damir ist nicht der einzige Schüler in Almaty, der neben oder anstelle der Schule arbeiten geht. Wie viele es ihm gleichtun, ist unklar. Eine Statistik über Kinder- und Jugendarbeit in den Städten gibt es nicht. Auch für den Schulleiter der allgemeinbildenden Schule existieren Schicksale wie Damirs nicht. Er meint: „In meiner Schule gibt es kein solches Problem“. Ebenso sieht es eine Mathematiklehrerin. Ihrer Meinung nach, sei das Thema Schulschwänzer vor acht Jahren noch sehr aktuell gewesen, aber zum Glück sinke heutzutage die Zahl von Jahr zu Jahr. Der Schulleiter Peter Eichenhüller aus dem Dorf Kornejewka macht da eine ganz andere Erfahrung: „Das Versäumen von einzelnen Stunden oder die unregelmäßige Abwesenheit für einzelne Tage ist durchaus verbreitet.“ Die notorische Abwesenheit über einen längeren Zeitraum hänge in seinen Augen eher mit der sozialen Beschaffenheit der Familie zusammen und sei heute aber eher selten. Auch in den allgemeinbildenden Schulen Almatys und der Umgebung sind vereinzelt Schüler zu finden, die in der Schulzeit arbeiten müssen.

Ein Problem kommt selten allein

Wenn ein Schüler immer wieder die Schule versäumt, besteht die Möglichkeit, ihn in eine Spezialschule zu schicken. Diese hat ein eigenes Internat mit sehr strenger Aufsicht, so dass ein Schulbesuch garantiert wird. Meist befinden sich dort natürlich Schüler aus Familien mit sozialen Problemen wie Alkohol, Drogen oder Prostitution. Letzteres kommt nicht selten bei alleinstehenden jungen Frauen ohne Ausbildung und Arbeit vor und geht dann fast immer auch mit den anderen Faktoren einher.

Auch in anderen Gegenden Kasachstans gibt es Schulschwänzer. Eine davon ist Tastak. Die Kinder hier schwänzen die Schule oft aufgrund von Problemen innerhalb der Familie. „Oft sind die Eltern Alkoholiker. Ihnen ist egal, ob das Kind die Schule besucht oder irgendwo seine Zeit verbringt“, sagt eine Lehrerin aus der Schule 18. Nicht weit von Almaty gibt es den Ort „Tschemolgan“. Tschemolgan ist ein neuer Ort. Nur wenige Menschen leben dort. Eine Schule gibt es hier nicht. Statt zur Schule gehen viele Kinder arbeiten.

Eichenhüller machte die Erfahrung, dass häufig Schüler mit vereinten Kräften bis zur 9. Klasse im wahrsten Sinne des Wortes durchgeschoben werden. Bei minimaler Benotung bekommen die Schüler trotz Abwesenheit einen Abschluss. Offiziell muss unentschuldigtes Fehlen der Kinder oder Jugendlichen im Klassenbuch eingetragen werden. Geschieht es häufiger oder über einen längeren Zeitraum, müssen die Eltern in die Schule bestellt werden, oder der Lehrer fährt mit Begleitung eines Polizisten, stellvertretenden Direktors oder Psychologen zu den Betreffenden nach Hause. So zumindest die gesetzlichen Vorschriften, die in der Realität allerdings oft nicht eingehalten werden.

Der Text ist während des Aufbauseminars zur II. Zentralasiatischen Medienwerkstatt in Almaty entstanden.

Von Machfusa Wachobowa

09/01/09

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