In den achtziger Jahren versammelten sich in der Ost-Berliner Samaritergemeinde zahlreiche Jugendliche zu den Bluesgottesdiensten des evangelischen Pfarrers und Oppositionellen Rainer Eppelmann. Er war aber nicht nur Seelsorger, sondern auch Gründungsmitglied und später Vorsitzender des Demokratischen Aufbruchs (DA). Anlässlich der 20. Jahresfeier des Berliner Mauerfalls sprach mit ihm Dr. Jürgen Reuter von der Otto Benecke Stiftung über die Grenze in den Köpfen, politische Verfolgung in der DDR und seine persönlichen Erinnerungen an den Mauerfall.

/Bild privat. ‚Rainer Eppelmann: „Unsere Kinder sollen Demokratie für so wichtig halten, dass sie bereit sind, sich zu engagieren.“’/

Herr Eppelmann, was ist Ihr Resümee zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer, nach fast zwanzig Jahren deutscher Einheit? Sind wir ein „einiges Vaterland“ geworden, oder besteht die Grenze in den Köpfen der Menschen fort?

Eppelmann: Weder noch. Wir sind aber auf einem guten Weg, so dass wir stolz sein können. Viele unserer europäischen Nachbarn, nicht nur in Osteuropa, ich meine insbesondere die Süd-, West- und Nordeuropäer, sagen: „Es ist schon erstaunlich, was ihr in so kurzer Zeit alles zustande gebracht habt.“ Wenn es zum Beispiel darum geht, festzustellen, dass wir sagen, wir stehen auf dem Boden des Grundgesetzes der BRD, wenn man es so fasst, dann wird man sagen können: Jawohl, wir sind ein „einiges Vaterland“. Versuche ich in allem zu vergleichen, stelle ich aber fest: Wir sind noch nicht ein „einiges Vaterland“. Wenn gleiche Lebensverhältnisse, gleich große Bankkonten der Maßstab sind, dann wird man sagen müssen: Nein, da gibt es noch erhebliche Unterschiede. Aber das ist nicht nur ein Ost-West-Problem, sondern auch ein Nord-Süd-Problem.

Zu der von Ihnen angesprochenen „Grenze in den Köpfen“: Natürlich gibt es noch Unterschiede. Ein ehemaliger DDR-Bürger, heute fünfzig oder sechzig Jahre alt, hat eine erhebliche Anzahl von Jahren seines bisherigen Lebens in der DDR verbracht und hat zum Teil andere Lehren aus seinem Leben ziehen müssen als ein Mensch, der in der alten Bundesrepublik aufgewachsen ist. Es gibt verständlicherweise auch ein Gefühl des Fremdseins für die Bürger aus der ehemaligen DDR. Aber es gab zum Glück immer dann in der deutschen Geschichte, wenn besondere Herausforderungen bestanden, leuchtende Beispiele dafür, dass die Solidarität und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen erstaunlich groß sind.

Sie selbst haben in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) politische Verfolgung und Bespitzelung erlebt. Was wollen Sie vor allem den jüngeren Menschen in unserem Land über dieses düstere Kapitel der deutschen Geschichte mitteilen?

Mit jedem Tag wird die Zahl derer größer, die keine biografische Erfahrung mehr von deutscher Teilung und SED-Diktatur haben. Deshalb muss über das DDR-System erzählt werden. Das ist inzwischen eine der Hauptaufgaben unserer Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur geworden. Freya Klier hat einmal treffend gesagt, die Zehn Gebote müssten um ein elftes ergänzt werden, welches lautet: „Du sollst nicht vergessen.“ Das bedeutet nicht, „Du sollst nicht verzeihen“, sondern „Du sollst die Erfahrung deines Lebens nicht vergessen oder verdrängen”. Wenn das passiert, bist du möglicherweise offen für die gleichen Fehler, die deine Eltern und Großeltern gemacht haben.“ Mir ist immer wieder wichtig, in den Erfahrungen des Alltags der Menschen den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie deutlich zu machen. Bei uns in der DDR hat es drei Millionen in eine Richtung parteipolitisch gebundene Menschen gegeben.

Stellen Sie sich vor, wir hätten heute in Deutschland vergleichbare Zahlen. Dann müssten gegenwärtig schätzungsweise achtzehn bis neunzehn Millionen erwachsene Bundesbürger Mitglied bei der Partei „Die Linke“ sein. Was für eine fürchterliche Vorstellung! So viele vermitteln nach außen den Eindruck: „Wir sind alle einer Meinung.“ Was für eine Uniformität des Denkens und Verhaltens! Bleiben wir bei der DDR. Welche Form von Demütigung, die Bürger regelmäßig zu so genannten Wahlen zu drängen, bei denen die Ergebnisse bereits vorher feststanden: Das ist gar keine Wahl! In der DDR-Verfassung stand geschrieben, dass die SED immer regieren wird. Auch Mangel und Korruption waren gang und gäbe. Jeden Abend haben in der DDR schätzungsweise über 90 Prozent der Menschen ARD und ZDF, das Fernsehprogramm der Bundesrepublik Deutschland, geschaut und festgestellt, dass die Westdeutschen, die weder klüger noch tapferer noch einfallsreicher waren, ein Vielfaches mehr an Freiheit, Wohlstand und an eigener Verwirklichung hatten als die DDR-Bürger. Darauf hatten wir nur eine Antwort: Die haben mehr Chancen und Möglichkeiten und mehr Entfaltungsfreiraum. Dies muss immer wieder erzählt werden, damit deutlich wird, dass es sich um die Alltagserfahrung ungeheuer vieler Menschen, vielleicht sogar aller DDR-Bürger, handelt, die das nachher verdrängt haben, um nicht jeden Tag heulen zu müssen. Das darf nicht im Nachhinein schöngeredet werden.

Bleiben wir bei jenen jungen Menschen in Deutschland, die wenig oder gar keine eigenen Erfahrungen mit dem politischen System der DDR machen konnten. Wenn Sie jemand nach drei zentralen Charakterisierungen des anderen deutschen Staates fragt, was werden Sie antworten?

Erstens: Die DDR war eine Diktatur – kein Rechts-, sondern ein Unrechtsstaat. Zweitens: Die DDR war verlogen und hat ihren eigenen Anspruch nie erreicht. Die wenigsten Menschen wissen, dass die „wissenschaftliche“ Begründung für die so genannte Diktatur des Volkes darin bestand, dass der Ausgebeutete, wenn er nicht mehr ausgebeutet wird, sondern nur für sich selbst arbeiten kann, sehr viel fleißiger und einfallsreicher, effizienter, erfolgreicher ist als der „im Kapitalismus Geknechtete und Ausgebeutete“. So das DDR-Dogma. Das heißt: Irgendwann hätte die Arbeitsproduktivität in der DDR sehr viel höher sein müssen als in der Bundesrepublik Deutschland. Wir wissen aber: Wenn man das, was in der BRD geleistet wurde, ins Verhältnis zur DDR setzt, dann lag die Arbeitsproduktivität dort bei nur vierzig bis fünfzig Prozent, also nicht mal der Hälfte der Arbeitsproduktivität in der Bundesrepublik. Drittens: Wir wurden auf allen Ebenen in der gesamten DDR von Kriminellen regiert. Sie haben Wahlen gefälscht und betrogen.

Die SED setzte Honecker ab, bildete das Politbüro um, Krenz folgte auf Honecker, und im November wurde Hans Modrow neuer DDR-Regierungschef. Wie schätzten Sie damals, also Ende 1989, denn Sie waren Zeitzeuge und Bürgerrechtler, die Entwicklung in der DDR ein? Wohin würde sich die DDR entwickeln?

Ich gehörte zu jenen Menschen, die über Jahre hinweg betonten: Wir müssen uns engagieren, damit diese DDR bunter, offener, ehrlicher, erfolgreicher, effizienter und freier wird. Eine menschlichere DDR, das wollten wir.

Wir dachten damals nicht ernsthaft an die Abschaffung der DDR, weil wir keine realpolitische Möglichkeit dafür sahen. Wir wussten beispielsweise keine Antwort auf die Frage: Aus welchem Grund sollten denn die bei uns stationierten sowjetischen Soldaten die DDR wieder verlassen? Wir hatten nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 begriffen: Gegen die können wir gar nichts machen. Des Weiteren war uns bewusst, dass die Regierenden in UdSSR und DDR von der Weltrevolution träumten und davon nie abgerückt sind. Wir hätten uns gern Lebensverhältnisse wie in der alten Bundesrepublik vorgestellt, aber wir waren uns darin einig, dass wir das nicht um den Preis eines dritten Weltkrieges wollten. Es ging uns also um Reformierung und nicht um Revolution. Ich sah zu Beginn des Jahres 1989 noch nicht voraus, dass wenige Monate später rund zwei Millionen DDR-Bürger vor dem 9. November wenigstens einmal auf der Straße sein und öffentlich zeigen würden, sie sind nicht mehr einverstanden mit dem, was in der DDR passiert.

Ich bin ungeheuer froh gewesen, dass auf Honecker nicht Modrow folgte, sondern Krenz. Wäre Modrow damals SED-Generalsekretär geworden, so kann ich mir vorstellen, dass es einen Knick für die Demonstrationsbewegung gegeben hätte und so mancher auf der Straße „so ein Tag, so wunderschön wie heute“ gejubelt hätte. Ich habe damals in einer Kirchenveranstaltung in Berlin-Treptow gesagt: „Diese überfüllte Kirche wäre jetzt möglicherweise leer, wenn nicht Krenz, sondern Modrow SED-Chef geworden wäre.“

Welche Schwerpunkte sollten in den kommenden zehn Jahren im Mittelpunkt der politischen Bildung zum Thema DDR im Vordergrund stehen?

Das wichtigste Thema der politischen Bildung muss das Erinnern an die Diktatur sein. Das ist auch eine große Herausforderung an die Eltern und Großeltern der heute Sechzehn- bis Achtzehnjährigen. Die Älteren müssen von ihren Erfahrungen, Bedrückungen und Demütigungen erzählen, denn die Schicksalsfrage von uns Deutschen war nach meiner Überzeugung in den letzten achtzig Jahren die zwischen Diktatur und Demokratie. Wir sollten dafür Sorge tragen, dass unsere Kinder und Enkelkinder Demokratie für so wichtig halten, dass sie bereit sind, sich zu engagieren, wenn nötig auch durch persönlichen Einsatz und Zivilcourage.

Das Gespräch führte Dr. Jürgen Reuter von der Otto Benecke Stiftung.

20/11/09

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