„Das Schicksal eines Theaters“

Rose Steinmark mit ihrem Buch.
Rose Steinmark mit ihrem Buch. | Foto: Lena Arent

Die Dokumentation „Das Schicksal eines Theaters“ von Rose Steinmark erzählt die Geschichte des russlanddeutschen Theaters in Russland und der Sowjetunion – in der Zwischenkriegszeit und vor allem der Nachkriegszeit. Mit dem Deutschen Schauspieltheater Temirtau/Almaty in Kasachstan, das 1980 eröffnet wurde, war das Leben der Verfasserin zehn Jahre lang aufs Engste verbunden.

Rose Steinmark hat mit viel Herzblut und Leidenschaft maßgeblich mit dazu beigetragen, dass das Deutsche Theater in Kasachstan ein russlanddeutsches Profil bekam und sich verstärkt auf das russlanddeutsche Kulturerbe besann. Als Chefdramaturgin war sie zuständig für die Dramaturgie, die Beziehungen zu den Autoren und Verlagen, die Kontakte zu anderen Theatern und der Presse.

Aber auch später, als Fernsehmoderatorin und Publizistin, hörte sie nicht auf, die Bedeutung und den Beitrag des Theaters zur Entwicklung der russlanddeutschen Kultur in die Öffentlichkeit zu tragen. In den 1990er Jahren drehte sie Dokumentationen unter dem Titel „Theater – ein Ort, wo man sterben lernt“, die im deutschen Fernsehen in Kasachstan ausgestrahlt wurden und das Leben und Schaffen des Deutschen Theaters mit Szenen aus den Theaterstücken, Interviews mit Schauspielern und Regisseuren zeigten. Ein Buch über diese Zeit – aber auch darüber hinaus – zu schreiben, war für sie ein langjähriger Traum, eine Herzangelegenheit.

Lesen Sie auch: „Der Weg, den unser Theater damals eingeschlagen hatte, war der einzig Richtige“

 

Wiederbelebung deutscher Kultur

„Das Schicksal eines Theaters“
„Das Schicksal eines Theaters“ | Foto: Lena Arent

Hinter dem bescheidenen Titel „Das Schicksal eines Theaters“ steht allerdings viel mehr. Inhaltlich reicht die Dokumentation weit über den eigentlichen Titel hinaus, darin reflektiert Rose Steinmark ein schicksalhaftes Stück russlanddeutscher Geschichte der Nachkriegszeit in der Sowjetunion. Kurz vor der entscheidenden Wende im Land des Sozialismus, das es auch Jahrzehnte nach dem Krieg nicht geschafft hatte, die eigenen Deutschen – eine über zwei Millionen starke Volksgruppe – öffentlich von dem Generalverdacht freizusprechen. Und vor allem: Kurz vor dem entscheidenden Einschnitt in der russlanddeutschen Geschichte überhaupt – der massenhaften Rückwanderung in das Land der Vorfahren.

Was hat das alles mit dem Deutschen Theater zu tun? Eine Menge. Das junge enthusiastische Schauspielerteam des Deutschen Theaters mit ihrem internationalen, aber auch russlanddeutschen Repertoire, wurde zum Trommler. Und das nicht in der Wüste. Zum Trommler, der viele aus dem Dornröschenschlaf weckte, zum Aufwachen und zur Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln anregte. Immerhin lebten, hauptsächlich noch in den sibirischen und kasachischen Verbannungsorten, hunderttausende Russlanddeutsche, allein in Kasachstan nahezu eine Million.

Lesen Sie auch: Russland-Deutsches Theater: Eine Brücke zwischen Deutschland und Kasachstan

Reise durch die Theatergeschichte

Auch deshalb ist das Buch eine packende, spannende, aufschlussreiche Lektüre, die sicher keinen, der sich auch nur am Rande für russlanddeutsche Kulturgeschichte interessiert, gleichgültig lässt. Aber auch der emotionale, persönliche Stil der Verfasserin nimmt jeden auf die Reise durch die Theatergeschichte mit – ihre Leidenschaft und ihre Begeisterung übertragen sich auf den Leser. In zugänglicher und lebendiger Sprache geschrieben, verliert das Buch keinesfalls an seinem historischen und kulturellen Wert.

Um die Geschichte besser nachzuvollziehen, geht die Verfasserin an die Ursprünge im 17. Jahrhundert zurück – das deutsche Theater am Zarenhof. Auch im 18. und 19. Jahrhundert hat es zahlreiche deutsche Bühnen in St. Petersburg, Moskau, Reval oder Riga gegeben. Einen kurzen Abriss widmet sie dem Aufblühen und dem tragischen Ende der deutschen Bühnen in der Wolgadeutschen Republik und in der Ukraine, ergänzt mit dem Interview mit der Nichte des bekannten wolgadeutschen „Schauspielers von Gottes Gnaden“ Nikolaus Baumann. Aber im Mittelpunkt – mit vielen Aspekten und zahlreichen Facetten – steht die Wiederbelebung des deutschen Theaters in der Nachkriegszeit, diesmal in Kasachstan – dem größten Verbannungsareal der Russlanddeutschen in der Sowjetunion.

Auch diesem kurzen, kometenhaften Aufblühen mit weitreichenden positiven Folgen für das kulturelle und gesellschaftliche Leben tausender Deutschen in nahezu allen Regionen des Landes folgte ein Trauerspiel bisher ungeahnten Ausmaßes. Die massenhafte Auswanderung der Russlanddeutschen, die bereits seit Ende der 1980er Jahren einsetzte und insbesondere in den 1990er Jahren rasant um sich griff, spülte zuerst die Zuschauer, dann auch die Autoren und Schauspieler in das Land der Vorfahren. Abschließend schaut Rose Steinmark auf die Verwurzelung hierzulande und die Sich-Neu-Findung in der alten Heimat – die Entwicklungsgeschichte des modernen deutsch-russischen Theaters in Deutschland (Niederstetten) und Kasachstan (Almaty).

Lesen Sie auch: Neue Bühne, neue Stücke

Jeden Tag Überraschungen

Aber damals in den 1980er Jahren bedeutete ein deutsches Nationaltheater für hunderttausende Landsleute, zerstreut in der ganzen Sowjetunion, nicht zuletzt das Erwachen des nationalen Selbstbewusstseins und die Rückkehr zu ihren Wurzeln. Das Theater stellte sich bewusst an die Vorderfront der Bewegung für die Wiederherstellung der Gerechtigkeit gegenüber den Russlanddeutschen.

„Ich mag das Theaterleben, das war eine Welt, in der man jeden Tag Überraschungen erlebte: auf der Bühne, im Zuschauerraum, in Gesprächen mit Regisseuren und Dramatikern. In den zehn Jahren, die ich im Theater verbrachte, habe ich sehr viele Leute kennen gelernt, ohne die es dieses Theater vielleicht gar nicht gegeben hätte. Vor allem waren es die Schriftsteller, die versuchten Stücke für unsere Bühne zu schreiben, darunter Ewald Katzenstein, Konstantin Ehrlich, Viktor Schnittke, Hugo Wormsbecher… und natürlich auch Viktor Heinz, dem es gelungen ist, zusammen mit dem Theater seine besten Stücke „Auf den Wogen der Jahrhunderte“ und „Jahre der Hoffnung“ zu verfassen. Dann waren es noch die Regisseure Erich Schmidt, Bulat Atabajew, Dieter Wardetzky, Wladimir Iontow, Alexander Hahn, Peter Warkentin, Katharina Schmeer – dank ihnen wurden unsere Theaterplakate immer präsenter und koloritreicher“, erzählt Steinmark.

All diese Persönlichkeiten und zahlreiche andere – Schauspieler, Komponisten oder Bühnenbildner, die einen wertvollen Beitrag zum Erfolg des Theaters leisteten, werden in aufschlussreichen Geschichten vorgestellt. Unterlegt mit Aussagen der Schauspieler, Regisseure und Autoren, Zitaten aus den deutschsprachigen Zeitungen „Neues Leben“, „Freundschaft“ und „Rote Fahne“, begleitet mit zahlreichen Fotos aus dem Theaterarchiv.

Die Verfasserin nimmt ihre Leser auf Gastspielreisen nach Sibirien, an verschiedene Orte in Kasachstan und an die Wolga mit, geht auf Tournee in die Bundesrepublik 1989 und in die DDR 1990.

Das Theater, als Kulturstätte für die Deutschen in der Sowjetunion gedacht, stand im Mittelpunkt der kulturellen und politischen Ereignisse rund um die Russlanddeutschen. Dabei geht es um die Rolle des Theaters in der Wiedergeburt-Bewegung, die Theaterwochen 1989 und 1990, das erste Kulturfestival in Temirtau 1988 und das zweite Festival der deutschen Kultur 1990.

Rose Steinmark – Lyrikerin, Theaterkritikerin, Dramaturgin, Drehbuchautorin und Fernsehredakteurin. Geb. am 9.1.1951 im Dorf Kamyschi bei Slawgorod/Westsibirien. Studium der deutschen Sprache und Literatur in Nowosibirsk und Theatergeschichte und Dramaturgie am Maly Theater Moskau. 1982-1991 als Chefdramaturgin des Deutschen Schauspieltheaters tätig. 1992-2000 Fernsehjournalistin und Moderatorin des deutschen Programms „Guten Abend!“ beim staatlichen Sender „Kasachstan I“. Seit Dezember 2000 in Deutschland, derzeit als Dozentin im Bildungsinstitut und im Dolmetscherinstitut Münster im Bereich „Deutsch als Zweitsprache“ tätig. Schreibt Gedichte, Drehbücher und Kritiken. Zahlreiche Veröffentlichungen in deutscher und russischer Sprache, seit 1971 in der ehemaligen Sowjetunion und seit 2000 in Deutschland. 2014 Ehrengabe des Russlanddeutschen Kulturpreises des Landes Baden-Württemberg für „langjähriges und kontinuierliches Eintreten für russlanddeutsche Kultur und für die Bewahrung russlanddeutscher Identität“.