Heimwerken ist Volkssport in Deutschland. Frei nach dem Motto: Selbst ist der Mann (oder die Frau)! In Kasachstan scheint sich Heimwerken hingegen keiner großen Beliebtheit zu erfreuen. Trotzdem gut, dass mit Obi auch ein Stückchen deutscher Kultur nach Almaty gekommen ist, meint unser Kolumnist.

Mein Schreibtisch hat gewackelt. Eine Lösung musste schnellstens her. In Deutschland würde man wohl ein paar Winkel aus einer Schublade oder einer Kruschkiste im Keller kramen und schnell mit dem Akkuschrauber ein paar Schrauben in den Tisch drehen. Sitzt, passt, hat Luft und wackelt im besten Falle nicht mehr. Die Deutschen sind ein Volk von Heimwerkerkönigen. Heimwerken ist, neben Bratwürsten essen, die Straße kehren, die Hecke schneiden oder ausnahmslos jeden Samstagvormittag das Auto waschen, das wohl deutscheste, was ich mir vorstellen kann. Heimwerken ist deutscher Volkssport.

In Kasachstan ist allerdings vieles anders. In einem durchschnittlichen kasachischen Haushalt sucht man Akkuschrauber und Rohrzange vergeblich. Mal schnell eine Schraube festdrehen wird da zum großen Problem. Und dabei gibt es gerade in kasachischen Wohnungen zur Genüge Schrauben zum Festdrehen. Tatsächlich lässt man oft für jeden Handgriff einen Arbeiter kommen, der mal hier ein Loch bohrt und mal da ein Brett anschraubt. Zwar haben diese Leute keine Handwerksausbildung, wie man sie an einer deutschen Berufsschule erfährt, Steckdosen und Lichtschalter sind allenthalben auch mal krumm oder lose an der Wand, dafür sind die Preise für die Dienstleistungen aber auch so günstig, dass man sich wirklich nicht selbst die Hände schmutzig machen muss.

Aber ich bin Deutscher, der Drang zum Heimwerken wurde mir, trotz zwei linker Hände und einem geisteswissenschaftlichen Studium, mit in die Wiege gelegt. Bei mir im Kopf hält sich hartnäckig eine fast schwäbische Denkweise, nicht für jeden Handgriff extra jemanden kommen zu lassen. Das kann ich doch auch, das mache ich selbst! Schaffe schaffe Häusle baue! Nur hatte ich bei meinem Problem mit dem wackelnden Tisch, trotz allen Arbeitseifers, noch immer keinen Schraubenzieher. Werkzeug findet man hier normalerweise auf dem Basar, wenn man in all dem zentralasiatischen Gewühl aus bunten Plastikschüsseln, Damenunterwäsche oder nachgemachten Turnschuhen nur lange genug danach sucht. Werkzeug aus China, von schlechtester Qualität. Seit dem 29. August 2018 erschließt sich aber auch dem gewillten kasachischen Heimwerker eine ganz neue Welt – an diesem Tag eröffnete der Baumarkt Obi seine erste Filiale in Zentralasien. Ein Glücksfall für mich: Bei Obi kenne ich mich aus, weiß beinahe blind, wo ich Schraubenzieher, Dübel und Winkel finde. Und tatsächlich, mit Obi kam ein kleines Stück Deutschland nach Almaty! Das deutsche Selbermachparadies startete bereits 1970 mit einem ersten Markt in Hamburg, zählt heute weltweit über 600 Filialen und ist damit Baumarktführer.

Man mag es kaum glauben, aber auch der Obi-Markt hier in Almaty sieht wirklich genau so aus, wie jeder der 354 Obis in Deutschland. 45.000 Artikel finden sich auf einer Fläche von 10.500 Quadratmetern. Ich fühlte mich zwischen Bosch-Akkuschlaubern, Schlagbohrmaschinen und Tischkreissägen beinahe wie ein kleines Kind! Auch den Holzzuschnitt hinten rechts im Markt, wo man sich Bretter in die gewünschte Länge schneiden lassen kann, gibt es hier. Ebenso existiert das Gartencenter, wo Rindenmulch, Rabattensteine, Tulpenzwiebeln, Teichpumpen und Gartenmöbel aus Plastik für jede Lebenslage angeboten werden.

Ich griff zu mehreren Zangen, einem Hammer und einem Schraubendreherset der Werkzeugfirma LUX aus dem nordrhein-westfälischen Wermelskirchen. Einzig des deutschen Handwerkers Liebling, die Spax-Schrauben in der klassischen, grünen Pappschachtel habe ich vergeblich gesucht, ich musste zu einer russischen Alternativschraube greifen.

Mit dieser Grundausstattung an deutschem Werkzeug ausgestattet machte ich mich nun an das Großprojekt „wackelnder Schreibtisch“. Selbst ist der Mann! Ich plante, maß nach, bohrte und schraubte. Und ich schaffte es: Mein Schreibtisch steht jetzt bombenfest und bewegt sich keinen Millimeter mehr. Ich bin mächtig stolz, meine beiden linken Hände und mein Werkzeug aus Wermelskirchen haben ein Meisterwerk der Heimwerkerkunst erschaffen. Zu Obi werde ich von nun an häufiger fahren und meinen Werkzeugkoffer komplettieren. Mein Motto für das neue Jahr lautet: Selber machen!

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