Sarah Güttler setzt sich ein für Innovationen in der Lebenswelt für Menschen mit Behinderungen. Sie möchte Vorurteile und Stereotype durchbrechen. Weg von dem Bastelstuben-Image der Behinderten-Werkstätten, hin zu konkurrenzfähigen Produktion und einer vollwertigen Arbeit. Sie fing als Projektleiterin der Duisburger Werkstatt für Menschen mit Behinderung (wfbm) an und nutzte früh die Möglichkeit, ihre Vorschläge und Ideen für eine Weiterentwicklung einzubringen. Als Güttler mit ihren Vorschlägen auf offene Ohren stieß, packte sie es an und legte damit den Grundstein für eine fundamentale Veränderung der Duisburger Vereine für Menschen mit Behinderungen. DAZ traf die Geschäftsführerin der LebensRäume für Menschen in Duisburg gGmbH in Almaty zu einem Gespräch über Inklusion in Deutschland und Kasachstan.

Frau Güttler, warum gerade das Engagement in Kasachstan?

Vor einem Jahr war ich mit Heike Maus (im Vorstand des Deutschen Blindenhilfswerks Duisburg) hier und und wir hielten  auf Einladung der FES einen Vortrag zum Thema „Selbstbestimmtes Leben für Menschen mit Behinderungen“. Daraus ist jetzt eine einjährige Zusammenarbeit entstanden, wo wir überlegt haben, was wir machen können. Gemeinsam mit der Duisburger Werkstatt und dem deutschen Blindenhilfswerk Duisburg können wir ein breites Spektrum der Arbeit mit Menschen mit Behinderung präsentieren. Denn genau das ist unsere Aufgabe: das selbstbestimmte Leben von Menschen mit Behinderung in all seinen Facetten zu ermöglichen.

Was gehört alles dazu?

Es geht nicht nur um Wohnen und Arbeiten, sondern auch um Mobilität, Familie, Bildung, usw. Da gehört wahnsinnig viel dazu. Wir müssen nach den Wünschen der Menschen richten, für die wir arbeiten.

Und wie haben Sie sich die Fähigkeiten angeeignet? Sie haben ja vorher wahrscheinlich auch noch nie ein Geschäft eröffnet, als sie dazu kamen.

Ich hatte einfach eine Idee im Kopf, wie es aussehen soll und welche Aussage es haben soll. In solchen Fällen arbeiten wir auch mit einer Designagentur zusammen, die dann einen Entwurf macht. Das war ein gemeinsamer Entwicklungsprozess.

Wie lange ist das jetzt her?

Das Geschäft haben wir 2009 eröffnet. Das Restaurant „Ziegenpeter“ etwa zwei Jahre später.

Und die Arbeitsplätze sind mittlerweile gegeben?

In dem Geschäft ja. Wir haben damals intern in der Werkstatt eine Ausschreibung gemacht und es haben sich interessanterweise nur Männer beworben, obwohl es um so was wie Accessoires und Wohndesign-Artikel geht. Da arbeiten vier Menschen. Im Restaurant deutlich mehr, aber das ändert sich auch durch Fortbildungen usw. Einige gehen danach auch auf den normalen Arbeitsmarkt.

In den Lebensräumen betreuen wir rund 250 Menschen mit Behinderungen in den klassischen Wohnheimen. Eine wichtige Aufgabe ist es auch für uns, Bestehendes zu modernisieren und inklusive Wohnformen einzuführen. Wir haben ein Wohnheim bereits aufgelöst und die Menschen wohnen jetzt in kleinen WGs und werden nur noch ambulant betreut. Und das sind Erfolgsgeschichten, wenn Menschen noch viel selbstständiger leben können als bisher.

Seit wann besteht denn dieser Trend in Deutschland hin zu diesen kleineren Wohnräumen?

Es gab die ersten Bestrebungen vor ca. 15 Jahren, aber es hat sich bis heute nicht flächendeckend durchgesetzt. Es ist aber auch eine finanzielle Frage. Man kann nicht alle Bestandshäuser abreißen und neu bauen. Die Entwicklung setzt sich eher sukzessive fort. Vor 15 Jahren gab es in Deutschland einen Ruck, den es in Kasachstan hoffentlich auch bald geben wird: Diese ganz großen Häuser, die Bettenburgen, wo hunderte von Menschen in kleinen Dorfgemeinschaften zusammenlebten, wurden aufgelöst und die Menschen sind wieder zurück in ihre Heimatstädte gezogen und dort in eine kleinere Wohneinheit, kleinere Wohnhäuser, die neu gebaut worden waren. Das ist eine Entwicklung dieser Zeit. Und genau das muss jetzt hier auch passieren, weg von den großen Einrichtungen.

Und ich glaube, dass wir für solche Bestrebungen einen hervorragenden Partner mit Shyrak gefunden haben. Denn das ist ja genau unsere Geschichte. Da können wir mit viel Erfahrung zur Seite stehen und sie können aus unseren Fehlern lernen.

Ihre Partnerschaft mit Kasachstan startete bereits 2015.

Vor einem Jahr waren wir auf Einladung der FES hier und haben einen Workshop zum Thema Social Entrepreneurship gegeben. Wie kann man mit sozialen Einrichtungen auch ein Geschäft gestalten? Wie kann man soziale Einrichtungen wirtschaftlich betreiben? Welche Möglichkeiten gibt es und was ist momentan der Status in Deutschland für Menschen mit Behinderungen?
In diesem Zusammenhang haben wir hier in Almaty die NRO Shyrak kennengelernt, eine NRO, die sich ausschließlich aus Frauen mit Behinderungen zusammensetzt und sich sehr für die Rechte ihresgleichen einsetzt. Wir hatten viele Gemeinsamkeiten und waren uns schnell klar, dass wir auch in Zukunft zusammenarbeiten können und wollen.

Haben Sie ein konkretes Ziel, wohin soll es gehen?

Ein großes Ziel ist, dass wir unsere Erfahrung und unser Wissen an die Menschen hier in Kasachstan weitergeben, die im Bereich Behindertenhilfe arbeiten oder auch an Angehörige. Da geht es um ganz bestimmte Methoden in der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen, eine Art Train-to-Trainer-Ausbildung, damit diese Menschen dann auch in ihren Einrichtungen das Wissen weitergeben können. Dann ist es auch wichtig darüber nachzudenken, welche Strukturen hier in der Stadt und im Land fehlen, um Menschen mit Behinderungen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen und daran zu arbeiten, diese zu verbessern.

Wie schätzen Sie die Situation momentan in Kasachstan ein? Kommt es jetzt zu diesem Ruck?

Die Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention war sicherlich ein erster Schritt, der dazu geführt hat, dass die unterzeichnenden Länder sich nun bewusst sind, dass sie etwas tun müssen und sich dazu verpflichtet haben. Es hat auch dazu geführt, dass das Thema präsenter ist. Oftmals sind Menschen mit Behinderungen unterhalb des Wahrnehmungsradars. Durch die Konvention ist das Thema in den Mittelpunkt gerückt. Da entsteht ein gewisser Innovationsdruck, auch wirklich was zu verändern. Nun haben Menschen mit Behinderungen außerdem ein verbrieftes Recht, d.h. sie können theoretisch klagen und ihre Rechte in Anspruch nehmen.

Welches Feedback haben Sie bisher von anderen Vereinen, wie z.B. Shyrak, erfahren?

Die Grundeinstellung gegenüber der UN-Konvention ist erst einmal positiv. Man ist froh, dass es zu einer solchen Übereinkunft gekommen ist. Allerdings gibt es wie in Deutschland auch kritische Stimmen von Menschen, denen das noch nicht weit genug geht und die mehr Rechte fordern. Außerdem ist die Umsetzung immer so ein bisschen schwammig. In Deutschland gibt es einen Aktionsplan der Bundesregierung. Konkrete Maßnahmen wurden dort aber leider nicht niedergeschrieben. Es sind lediglich Handlungsempfehlungen und die Verantwortung wird an die Länder und Kommunen weitergegeben. Wir haben auch in Deutschland noch eine Menge zu tun.

Es ist ein längerer Weg, aber man kann mit diesem Wissensvorsprung aus Deutschland hier Fehler vermeiden.

Ja, man kann jetzt in Kasachstan ganz viele Schritte überspringen mit dem Wissen, das wir heute haben.

Können Sie mir eine Erfolgsgeschichte erzählen?

Die Vorsitzende von Shyrak ist selber Rollstuhlfahrerin. Sie hat eine Familie, sie steht beruflich mit beiden Beinen fest im Leben und wurde jetzt auch in den Stadtrat von Almaty gewählt. Also eine Geschichte, die zeigt, dass man auch als Frau mit Behinderung sein Leben meistern kann. Das sind genau die Vorbilder, die andere Menschen brauchen, um selbst ein bisschen mutiger zu werden und sich mehr zuzutrauen. Man muss an sich selbst glauben, um überhaupt so einen Weg einzuschlagen.

So wie bei Ihnen, als Sie in Ihrem Beruf mit Modernisierung anfingen.

Ja, ich glaube, dass wir beide ein Löwenherz haben und für etwas kämpfen können.

Wie ist das Seminar bisher gelaufen? Konnten Sie auch etwas von der kasachischen Seite mitnehmen?

Ja, natürlich. Es war für beide Seiten sehr bereichernd. Wir haben nochmal ein Feedback bekommen, was die Mitarbeiter aus dem Bereich über unsere Arbeit denken und was man kritisch sehen kann. Wir treffen hier mit unseren Gedanken ja auch auf eine andere Kultur und eine andere geschichtliche Entwicklung. Es ist immer ganz spannend, wenn ich dann anfange, auch unsere eigene Arbeit nochmal zu hinterfragen. Insofern ist es ein toller Prozess. Und wir haben jetzt auch noch ein-zwei Arbeiten zu dem Thema gemacht: Was kann sich ändern, wie kann man die Gesellschaft in Kasachstan und auch in Deutschland zum Thema Inklusion informieren. In der Öffentlichkeit sind Menschen mit Behinderungen nicht da, sie spielen keine Rolle. Man sieht sie selten im Stadtbild. Sie trauen sich nicht auf die Straße, Eltern mit Kindern mit Behinderungen trauen sich nicht auf die Straße. Hinzu kommt, dass die Umgebung oft nicht unbedingt barrierefrei ist. Aber hauptsächlich werden Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft oft einfach nicht akzeptiert.

Auch in Deutschland ist es ja noch nicht rosig für alle, aber schon besser geworden. Wie ist da Ihre Vision?

In Deutschland sind wir sicherlich ein Stück weiter. Aber auch bei uns war es früher so, dass Menschen mit Behinderungen nicht rausgegangen sind. Was immer noch ein Problem ist, dass viele Frauen sich schämen, wenn sie ein behindertes Kind zur Welt bringen, weil sie es als eigene Unzulänglichkeit empfinden. Und sie können kaum im Wettbewerb mit anderen Müttern bestehen. Man kennt es: „Mein Kind hat dann und dann laufen gelernt, meins war schneller als deins, deins macht noch in die Windeln, etc.“

Da kann eine Mutter mit einem behinderten Kind überhaupt nicht konkurrieren, denn ihr Kind wird immer langsamer sein. Das isoliert diese Frauen auch extrem. Das führt zu traurigen Familiengeschichten, Ehen brechen auseinander. Es fehlt einfach der familiäre Rückhalt. Es ist eine schwierige Situation. Wir empfehlen, dass die betroffenen Frauen zusammenhalten, sich vernetzen, sich gegenseitig unterstützen und lernen, dass es überhaupt nichts mit Unzulänglichkeiten zu tun hat und es keine Schande ist, ein behindertes Kind zu haben. Dieses ist auch eine Bereicherung und ein liebenswerter Mensch. Mir müssen diese Frauen unterstützen, die ein Kind zur Welt bringen, dass vielleicht nicht den Normalitätsansprüchen entspricht.

Aber vielleicht muss man auch bei den Männern ansetzen und ihnen beibringen dazu zu stehen. Es liegt eben nicht nur an der Frau.

Ja, ich gebe Ihnen da recht. Aber ich glaube, wir müssen im Moment vor allem die Frauen stärken. Bei aller Emanzipation ist es ja auch in Deutschland noch so, dass sich vor allem die Frauen um die Kinder kümmern. Das ist die vorherrschende Rollenverteilung. Da haben wir in beiden Ländern, Deutschland und Kasachstan, noch viel zu tun.

Was ergab Ihr Treffen mit dem Gesundheitsministerium in Astana?

Wir hatten eine Gesprächseinladung, der wir sehr gerne gefolgt sind. Das Ministerium hat großes Interesse gezeigt – an unserem derzeitigen Projekt und unseren Erfahrungen aus Deutschland – und es hat uns sehr gefreut, dass das Thema „Menschen mit Behinderung“ im Gesundheitsministerium einen so hohen Stellenwert genießt. Wir hoffen zu einem Ergebnis zu kommen, die Zeichen sind zumindest positiv. Und das ist für ein gutes Gelingen unserer Projektideen natürlich extrem wichtig. Was sich daraus entwickeln kann, muss die Zukunft nun zeigen. Wir haben auf jeden Fall tolle Partner vor Ort. Mit Shyrak und der Friedrich-Ebert-Stiftung planen wir weiter in die Zukunft und wir hoffen auch das Deutsche Generalkonsulat in Almaty wird uns weiterhin unterstützen.

Das Interview führte Julia Boxler.

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