Die eine Oma unserer DAZ-Praktikantin lebt in Deutschland, die andere in Kasachstan. Beide Frauen haben die Geschichte der Russlanddeutschen auf ihre Weise erlebt. Wie unterschiedlich sind ihre Erinnerungen?

 

„Unser Dorf hatte damals keine eigene Schule, keiner von uns konnte so einfach zur Schule gehen. Erst im nächsten Dorf gab es wieder eine. Wer zur Schule gehen konnte und wollte, musste tagtäglich eine Strecke von mehreren Kilometern gehen,“ erinnert sich Irma Kadratiewa Ostertag heute.
Sie ist Deutsche, wurde aber 1936 in der kleinen Ortschaft Serebrjano-Prudskoe, in Russland geboren. Dort war damals die Infrastruktur sehr schlecht.
Weder sie noch ihre Eltern waren je in der Heimat ihrer Vorfahren. Unter der Herrschaft Katharina der Großen gelangten ihre Vorfahren nach Russland an die Wolga. Ihr Einladungsmanifest von 1763 lockte damals deutsche Bauern in das neue Land. An der Wolga gründeten die Wolgadeutschen ihre eigene kleine Gemeinschaft und bauten sich ein neues Zuhause auf.
Anfang der 1930er Jahre waren viele Familien dem verheerenden Hunger ausgesetzt, der durch die Zwangskollektivierung ausgelöst wurde– auch Irmas Familie. Sie wurde gezwungen nach Sibirien umzusziehen. Grund waren die Deportationen der Deutschen, laut des Erlasses des Obersten Sowjets von 1941.
Irma Ostertag lebt heute in Deutschland.„Wie die meisten Dorfbewohner, habe ich nur meine schulische Grundausbildung beenden können und musste zu arbeiten anfangen, um meine Familie finanziell zu unterstützen. Bildung konnte sich damals kaum jemand leisten“, erzählt Irma.
Mit 21 Jahren heiratete sie meinen Großvater Eduard Ostertag. Er ist auch Russlanddeutscher. Seine Familie wurde ebenfalls von der Wolga nach Sibirien deportiert.
Das Leben in Sibirien war für die beiden frisch Vermählten kein einfaches. Das raue Klima, die Arbeitsbedingungen, alles schien schwieriger zu sein. „Als Deutscher überhaupt eine Arbeit zu finden, das war schon Schwerstarbeit. Keiner wollte den Deutschen helfen“, erinnert sich Irma. Trotz dieser Hindernisse und Schwierigkeiten wurde schon bald aus der kleinen Familie eine große; drei Töchter und zwei Söhne bereicherten das Leben des jungen Paares.
Zu dieser Zeit waren Deutsche in der Sowjetunion noch ungern gesehen. Viele von ihnen wurden als Faschisten beschimpft, waren Beleidigungen ausgesetzt, mussten Schmähungen über sich ergehen lassen.
„Es war nicht einfach wegzuschauen, wenn man von außen tagtäglich als minderwertig betrachtet wurde. Und das alles, nur weil man deutsch ist“, weiß Irma Ostertag aus eigener Erfahrung.
 1977 siedelte die siebenköpfige Familie Ostertag schließlich nach Kasachstan über. Auslöser war ein Besuch bei Verwandten in Almaty einige Zeit zuvor, der die Familie letztlich dazu brachte, alle Sachen zu packen und ein neues Leben in Zentralasien anzufangen. Das Klima, die allgemeinen Bedingungen, alles schien hier günstiger zu sein. Die Familie hatte endlich wieder Arbeit und Hoffnung auf ein besseres Leben für sich und ihre Kinder. Deutscher zu sein war hier keine Schande mehr, es gab keine Beleidigungen mehr.
„Es ist egal welcher Nation man letztlich angehört, man ist ein Mensch – das ist das Einzige was zählt“, sagt Irma voller Überzeugung.
Erst Jahre später, 1996 fand Familie Ostertag ihren Weg nach Deutschland. Das Spätaussiedlerprogramm bot ihnen die Chance in ihre historische Heimat zurückzukehren. Es war eine fremd gewordene Heimat in der alles neu, anders und fremd war. Zu Anfang hatte die Familie natürlich Bedenken, aber alle lebten sich schneller ein als erwartet.
Ihr Ziel, ihren Kindern das Land ihrer historischen Vorfahren zu zeigen, sie zum Ursprung zu führen, haben Irma und Eduard sich erfüllt. Was ihnen bis heute geblieben ist, sind Erinnerungen an das Leben vor ihrem Umzug nach Deutschland. Für sie gab es keinen Weg zurückzukehren, auch wenn dieser Schritt nicht einfach war.
„Viele kehren nach dem Umzug wieder zurück in ihr Geburtsland, da nicht alles so abläuft wie sie es sich vorgestellt hatten und vielleicht Erwartungen nicht erfüllt werden“, weiß Irma. Sie ist davon überzeugt, dass diese Entscheidung bei einigen dem Problem der Anerkennung von erlernten Berufen oder der Ausbildung, die man außerhalb Deutschlands erworben hatte, zusammenhängt.
„Es gibt auch welche, die gezwungen sind in anderen Bereichen tätig zu werden, ihren erlernten Beruf aufzugeben und in einer anderen Sphäre von Neuem anzufangen. Nicht alle wollen und können diese Veränderungen mitmachen“, weiß sie.
„Es freut mich“, fügt Irma hinzu, „dass es heute Organisationen wie die „Wiedergeburt“ gibt, die sich unserer Geschichte, Kultur und Sprache widmen. Ohne dieses Engagement wäre all dies ein verlorenes Gut. Unsere Vergangenheit würde unbekannt bleiben und mit der Zeit vollkommen aus unserem Gedächtnis verschwinden. Es freut mich, dass es vor allem in Almaty, wo ich so viele Jahre meines Lebens verbracht habe, wo meine Kinder erwachsen geworden sind, Menschen gibt die genau dies zu ihrer Arbeit gemacht haben.“

Erinnerungen an Viehwagons

Zoya (l.) und Irma (r.) besuchen sich gegenseitig. | Bild: Ostertag„Ich erinnere mich, wie mein Vater mir sagte, dass meine ersten Worte, die ich als Kind gesprochen hatte auf Deutsch waren“, erzählt Zoya Vassilyeva (geboren Tjunkin).
Sie wurde 1949 in dem kleinen Dorf Gernischowka in Sibirien geboren. Zoya ist Russin und zusammen mit Deutschen, die in ihr Dorf deportiert wurden, aufgewachsen. Es herrschte unglaubliche Kälte, bis zu -50 Grad“, erinnert sie sich, als die Deutschen mitten in der Nacht in ihrem Dorf ankamen. „Sie wurden in Viehwagons transportiert; alles unter unmenschlichen Bedingungen, sodass für sehr viele Frauen und Kinder diese Fahrt ihre letzte war. Männer waren fast gar keine dabei, denn die meisten waren in der Trudarmee und haben den Weg nach Hause nicht mehr geschafft, und ihr Leben in den Lagern gelassen.“
So kam es, dass viele Deutsche aus der Wolgaregion gezwungen waren, sich ein neues Leben in der Region Altai im Dorf Gernischowka aufzubauen.
Eine deutsche Großmutter mit ihren fünf Enkelkindern ist ihr besonders in Erinnerung geblieben: „In der eisigen Kälte gruben sie gemeinsam ihre Erdhütte aus und kochten, aßen und schliefen in ihr. Ihr ganzes Leben spielte sich darin ab. Die Deutschen brachten viel Neues in das kleine Dorf, zum Beispiel sogenannte ‚Separatoren‘ für die Milch, die das Dorf zuvor nicht kannte. Das ermöglichte es, andere neue Produkte herzustellen. Die Deutschen waren es, die hier als erste mit dem Verputzen und Streichen ihrer Häuser anfingen. Sie begannen Häuser aus Lehm und Stroh zu bauen, erst später griffen sie zu Holz und bauten ihre Häuser aus demselben Material wie die Einheimischen. Die Deutschen haben die Kultur in unser Dorf gebracht” erzählt Zoya heute.
Hochzeiten wurden ganz anders gefeiert, die Pferde wurden mit verschiedenfarbigen Bändern dekoriert, Musik wurde gespielt. Die Nähmaschine „Singer“ war im ganzen Dorf bekannt und erfreute sich großer Beliebtheit aller Bewohner.
Dass Deutsche zu dieser Zeit als Faschisten beschimpft wurden oder als minderwertig betrachtet wurden, ist für Zoya etwas vollkommen Neues. Ganz im Gegenteil: „Sie haben Leben in unser Dorf gebracht.” Davon ist sie überzeugt. Es waren wundervolle Menschen, die sie kennengelernt hatte, bevor auch sie im Alter von zehn Jahren mit ihrer Familie nach Almaty gezogen war, wo sie auch heute noch lebt. „Es sind vielleicht nur meine Kindheitserinnerungen, aber auch meine Eltern haben mir nie etwas Schlechtes über unsere Deutschen erzählt”.
Es scheinen zwei völlig verschiedene Erinnerungen zu sein mit denen Irma und Zoya aufgewachsen sind. Keine der Beiden hätte von der jeweils anderen Person und ihrem persönlichen Schicksal je etwas gewusst, wenn ihre Familien nicht durch die Heirat ihrer Kinder verbunden worden wären. Heute lebt Irma in Deutschland und Zoya in Almaty. Trotz der großen Entfernung sind sie durch ihre Familie eng miteinander verbunden.

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