Als interne Notiz für diesen Kommentar habe ich mir zunächst „Fahrpreisscheiße“ notiert und wollte das Wort eigentlich wieder löschen. Aber siehe da, mein automatisches Korrekturprogramm akzeptiert dieses Wort anstandslos als gültigen Begriff.

Als ob es ein selbstverständliches Wort für eine alltägliche Angelegenheit ist. War es bisher nicht. Aber da es nun einmal vorgekommen ist und womöglich damit zu rechnen ist, dass es wieder vorkommt und es sowieso für alles, das es gibt, einen Begriff braucht, bleibe ich dabei. Aber worum geht es hier eigentlich?

Vor einigen Monaten bin ich mit der Bahn gefahren. Da man Fahrkarten nicht mehr im Zug kaufen kann, wollte ich sie am Automaten ziehen. Alle Automaten waren kaputt, wie so oft. Natürlich bin ich trotzdem eingestiegen, habe mich aber sogleich pflichtbewusst bei der Schaffnerin gemeldet, um nachzulösen. Das geht ja eigentlich nicht mehr, sagt sie. Das weiß ich, sage ich. Aber was tun, wenn die Automaten kaputt sind? Dann müssen wir nun so tun, als ob ich beim Schwarzfahren erwischt wurde, es wird ein Protokoll aufgenommen, in dem steht, dass ich behaupte, dass die Automaten kaputt sind, ich zahle den Fahrpreis, bekomme später eine Mahnung mit Zahlungsaufforderung, die ich dann aber ignorieren solle. Ich schaue verwundert drein. Die Schaffnerin wundert sich nicht mehr und sagt, auch ich solle das nicht, sondern es einfach so akzeptieren, und dann wäre die Sache erledigt. Also gut. Wir füllen ein langes Formular mit vielen Kästchen und Feldern aus, schaffen es gerade noch, bevor ich nach 15 Minuten wieder aussteigen muss, und das soll es gewesen sein. Wir amüsieren uns noch gemeinsam, wie umständlich das ist, verabschieden uns freundlich und wünschen uns noch einen schönen Tag. Fast sind wir vor lauter gemeinsam erlebter Absurdität Freundinnen geworden. Das war im Oktober 2006! Ich hatte die Angelegenheit fast schon vergessen. Vor wenigen Wochen kam ein Schreiben, dass ich damals behauptet hätte, die Fahrkartenautomaten seien kaputt gewesen. Eine Nachprüfung hätte ergeben, das stimmt, ich hätte nicht gelogen. Dabei lag die von der Schaffnerin angekündigte Zahlungsaufforderung. Wie geheißen, habe ich das Schreiben ignoriert. Von einem zweiten Schreiben, das daraufhin ins Haus flattern würde, sagte sie allerdings nichts. Diesmal ist es eine hartnäckige Aufforderung mit Mahngebühr über sieben Euro (der Fahrpreis, um den es hier geht, beträgt 6,10 Euro!) mit Androhung weiterer Schritte, wahrscheinlich ein Gerichtsverfahren oder so, ich habe es nicht weiter gelesen, da ich im Recht bin, aber so etwas lässt sich nun nicht mehr ignorieren.

Aber wie, bitteschön, soll ich jetzt erklären und nachweisen, dass ich mich ganz genauso verhalten habe, wie es mir die Schaffnerin erklärt und dass ich die 6,10 Euro bezahlt hatte? Und wer hat sich dieses Verfahren ausgedacht, das sich über Monate hinzieht, viele Menschen beschäftigt, so viel Papierkram verursacht, meine Redlichkeit in Frage stellt und in sich nicht schlüssig ist? Dazu fällt mir nur ein Wort ein: Fahrpreisscheiße!

Julia Siebert

09/03/07

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