Der Juwelier Serschan Baschirow und seine traditionsreiche Kunst waren zu Gast auf der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin. Der von ihm in Handarbeit hergestellte Schmuck der Kasachen beinhaltet jahrhundertealte Traditionen und Mythen.

Man könnte ihm stundenlang zusehen. Mit vornüber gebeugtem Kopf sitzt er da, die Augen fest auf sein Objekt geheftet. Serschan Baschirows Objekt ist ein Stück Silber, dessen künftige Existenz als Ring sich bereits erahnen lässt. Es wird ein eher schlichtes Schmuckstück, ein schmaler Reif mit einer runden Scheibe, nur einen Zentimeter im Durchmesser, verziert mit Gravuren, an denen der Künstler gerade arbeitet. Seine Zuschauer hat er längst vergessen, vor Konzentration beißt er sich auf die Zunge, um deren Schicksal man sich unwillkürlich Sorgen macht. Plötzlich blickt er auf, orientiert sich kurz, lächelt. Jemand hat ihn nach der Bedeutung der Ornamente gefragt, die er vorsichtig in seinen Werkstoff hämmert.
„Die Spirale stellt die Sonne dar – ein uraltes, immer wiederkehrendes Symbol, nicht nur bei den Turkvölkern. Sie entfaltet sich immer in Richtung Uhrzeigersinn. Diese Spirale steht auch für Entwicklung, Fruchtbarkeit, Reichtum. Und hier – diese Punkte, die durch Kerben getrennt sind, das sind die Wochentage – ein Punkt ist der erste Tag der Woche, zwei Punkte der zweite und so weiter.“
Serschans Stand auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin ist meistens umlagert von Zuschauern, nicht nur weiblichen. Ein arabischer Geschäftsmann gibt einen massiven Ring bei ihm in Auftrag, ein Indio kauft einen Anhänger. Ich selbst schleiche nun schon den fünften Tag um den Künstler herum, unschlüssig. Nicht dass ich nicht wüsste, OB ich etwas erwerben soll. Ich kann mich nicht entscheiden, WAS es sein soll. Mich faszinieren sowohl die größeren Objekte aus Filz, Holz und Silber, offenbar als Raumschmuck gedacht, als auch die kleinen schlichten Anhänger. Weil mir die Wahl so schwer fällt, frage ich Serschan noch ein bisschen aus. Ich erfahre, dass er aus den Vorbergen des Tarbagatai kommt, aus Akschar. Das mag sein enges Verhältnis zu den Traditionen der Turkvölker erklären, denn genau dort, in den Bergen des Altai und Tarbagatai, befindet sich die Wiege der Zivilisation des Turan.
Die künstlerische Ader hat Serschan von seiner Oma, die Fell zu wahren Kleinoden verarbeitet und ihn in die Ornamentik eingeweiht hat. Als Halbwüchsiger ging er nach Almaty, um an einer Kunstschule zu lernen, setzte diese Entwicklung dann an der Akademie der Künste und am Institut für Theater und Kunst fort. In Almaty hat er eine eigene Galerie. Er zeigt mir ein Album mit Fotos seiner Werke. Hier in Berlin präsentiert er nur die kleineren – aber es gibt auch Installationen von ein mal zwei Metern Größe. Sie erinnern an schamanische Utensilien: Auf Stöcke gespannte Leder- und Filzstücke, verziert mit Silber und Halbedelsteinen und mit einem Material, das an Elfenbein erinnert. Ich frage nach und erfahre, dass es Kuhhorn ist. Auch einige der Ringe und Broschen auf Serschans Stand sind mit Stücken von poliertem und in Silber eingefasstem Kuhhorn verziert. Das Material glänzt matt und edel; und es fällt mir schwer, mich festzulegen, ob ich ein Schmuckstück mit Türkis und Karneol erwerbe oder doch lieber eine außergewöhnliche Botschaft vom Hornvieh.
Schließlich entscheide ich mich für einen kleinen, runden, in Silber gefassten Anhänger aus Karneol und Türkis und erfahre neben der ausdrücklichen Billigung des Künstlers auch gleich noch eine philosophische Deutung. Silber wird seit Tausenden von Jahren als Schmuck verarbeitet, aber seine Funktion geht weit über das Schmücken hinaus. Silber wirkt reinigend, es schützt vor bösen Geistern und vor missgünstigen Blicken. Karneol, schon vor 4.000 Jahren den alten Pharaonen mit ins Grab gegeben, ist einer der ältesten Schmucksteine. Er soll die Lebenskraft stärken und erneuern. Und Türkis, der Lieblingsstein der Kasachen, weil er die Farbe ihres Himmels so perfekt wiedergibt, ist bei vielen Völkern der heilige Stein schlechthin.
Das Silberkreuz, welches meinen Karneol teilweise bedeckt, symbolisiert die vier Himmelsrichtungen und die Einheit der Welt. Und der winzige Türkis, welcher das Zentrum des Kreuzes schmückt, steht für den Mittelpunkt des Universums. Jener war und ist für die Nomadenvölker genau jener Ort, an dem sich der jeweilige Mensch gerade befindet. Diese Deutung gefällt mir ausgesprochen gut, und ich verlasse den Stand der ITB, glücklich über meinen neuen Talisman und über mein uraltes egozentrisches Weltbild.

Info: Galerie Toguz Kumalak, Serschan Baschirow, Tel.: + 7 701 7511864

16/03/07