Gegen den Strom: Evangelische Kirchengemeinden entlang der Seidenstraße – Teil 1

500 Jahre Reformation: Evangelische Gemeinden entlang der Seidenstraße, Teheran
Die Reisegruppe um Pfarrer Uwe Seidner besuchte die Christuskirche der Gemeinde deutscher Sprache in Teheran. | Foto: Richard Toader-Rausch

Was kann man Besonderes in einem Jahr machen, in dem 500 Jahre Reformation gefeiert werden? Eine Gruppe junger Erwachsener aus den deutschsprachigen Gemeinden Wolkendorf und Heltau in Rumänien war zwei Monate lang mit dem Kleinbus auf der Seidenstraße unterwegs, um evangelische Gemeinden im Jahr der Reformation zu besuchen. In der DAZ berichtet Pfarrer Uwe Seidner in mehreren Teilen von ihrer Reise, die von Rumänien über den Iran und Zentralasien nach China führte.

Vor über einem Jahr haben wir mit der Planung unseres Unterfangens begonnen. Es mussten Visa beantragt und Zollpapiere für unseren Kleinbus besorgt werden. Am 18. August fanden wir uns schließlich im Hof der Kirchenburg Wolkendorf zu einer Abschieds-andacht mit Reisesegen ein. Zielorientiert durchquerten wir die Türkei und reisten am 20. August in den Iran ein.

Der Besuch der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Teheran sollte eines unserer größeren Ziele werden. Doch zunächst suchten wir in einer einsamen Landschaft im westlichen Teil des Landes das armenische Kloster „Sankt Thaddäus“ auf. Auch wenn der Iran heute eine islamische Republik ist, leben hier auch andere religiöse Minderheiten – vorwiegend armenische Christen, Juden und Zoroastrier. Diese Minderheiten haben jeweils eigene Abgeordnete im iranischen Parlament, die ihre Interessen vertreten.

Im Kloster „Sankt Thaddäus“ wurden die Gebeine des Apostels Thaddäus aufbewahrt, bis sie in den Kriegswirren von 1918 verloren gingen. Seine dunklen Steine gaben dem Kloster den Namen „Qareh Kelisa“ (d.h. „Schwarze Kirche“). Seit 2008 gilt es als UNESCO-Weltkulturerbe. Mönche gibt es hier keine mehr, aber jedes Jahr im Juli findet eine der größten Wallfahrten armenischer Christen statt, die aus aller Welt hierhin reisen.

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Eine deutschsprachige Gemeinde in Teheran

In Teheran erwartete uns Pfarrerin Kirsten Wolandt mit Ehemann Matthias. Seit dem Sommer 2016 tut sie Dienst in der Gemeinde. Ehemann Matthias unterrichtet an der Deutschen Botschaftsschule. Von Kirsten Wolandt erfuhren wir, dass die Religionsfreiheit sehr begrenzt ist. Dennoch hat die Gemeinde eine gewisse „Bewegungsfreiheit“.

Das armenische Kloster „Sankt Thaddäus“ im Iran.
Das armenische Kloster „Sankt Thaddäus“ im Iran. | Foto: Autor

Eigentlich ist Zutritt zur Gemeinde nur ausländischen Staatsbürgern vorbehalten. Doch den Kern bilden deutsche Frauen, die mit Iranern verheiratet sind. Offiziell sind diese zum Islam übergetreten, da sie sonst keinen rechtlichen Status besitzen würden, und gelten als Iranerinnen. Ihre beeindruckenden Geschichten aus ihrem Leben zwischen Abgrund und Erfüllung haben sie in einem Buch zusammengefasst: „One-Way Ticket nach Teheran. Deutsche Frauen im Iran erzählen.

Wir nahmen an einem Freitagsgottestdienst teil, in dem ich die Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis halten durfte. Anschließend gab es noch „Kirchenkaffee“ und Bogdan Muntean, ein Teilnehmer aus unserer Gruppe, führte die Gottesdienstbesucher anhand einer Präsentation in unsere Heimat mit ihrer Kirchenburgenlandschaft ein. Etwas ganz Besonderes war auch der Beitrag des Flötenquartetts von vier jungen Iranerinnen des Musikkonservatoriums, das während des Abendmahles klassische Stücke spielte. Sehr spannend war es für uns, etwas über das Schicksal der Gemeindemitglieder zu erfahren.

Im Süden von Teheran gibt es auch einen protestantischen Friedhof. Dort sind Menschen aus über zwanzig Nationen beerdigt und es gibt ihn seit über hundert Jahren. Zum Friedhofskomitee gehören acht Botschaften und dieses trifft sich regelmäßig, um die Belange des Friedhofs in Zusammenarbeit mit der evangelischen Gemeinde zu besprechen.

Ein anderer Iran

Nach einigen erlebnisreichen Tagen in Teheran, verließen wir das schöne Kirchengelände und fuhren nach Shiraz. In Shiraz erwartet uns die Germanistikabsolventin Zakieh Akhtary. Als Treffpunkt wählte sie das Hafis-Mausoleum in einem der schönen Gartenanlagen der Stadt. Zakieh erzählte uns, dass die Dichtkunst des Dichters aus dem 14. Jahrhundert von Goethe zutiefst bewundert wurde, der Hafis im „West-östlichen Diwan“ ein Denkmal setzte. Die Verehrung des Dichters ist auch heute noch sehr groß.

500 Jahre Reformation: Mitglieder der deutschen Minderheit in Rumänien besuchten evangelische Gemeinden entlang der Seidenstraße. | Foto: Autor

Für uns verkörperte Zakieh eine neue Generation Irans. Es ist eine Generation, die sich vom traditionellen und konservativen Glauben entfernt und sich vermehrt für liberalere Werte einsetzt. Ihrer Meinung nach, würde sich ein radikaler Islam sehr negativ auf die Zukunftsperspektiven des Landes auswirken. Wir verabschiedeten uns von ihr vor dem „Koran-Tor“, wo wir etwas sahen, das im Iran eigentlich als verboten gilt: musizierende und tanzende Menschen. Zum Abschied sagte Zakieh: „Shiraz ist anders als der Iran.“

Über Yazd und Mashhad ging es weiter Richtung Turkmenistan. Im Zentrum von Maschad befindet sich das Imam-Reza-Heiligtum. Es ist das wichtigste Heiligtum der Schiiten und erstreckt sich auf einem Areal von einem Kilometer. Imam Reza ist ein Nachfahre des Propheten Mohammeds aus dem 9. Jh. Wie der Zufall es wollte, erreichten wir die Stadt zu seinem Geburtstagsfest. Pilgerscharen strömten zum Heiligtum. Man kann es sich etwa so ähnlich vorstellen wie die Pilgerfahrt zur Kaaba in Mekka. Wir schlossen uns den Pilgern an, passierten die Sicherheitskontrollen, betraten das Heiligtum und besuchten den Schrein des Imams. In der Regel ist dieser Ort für Nichtmuslime unzugänglich.

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Absurdes Turkmenistan

Am nächsten Morgen reisten wir in einen der isoliertesten Staaten der Welt. Die Einreise nach Turkmenistan ist schwierig. Pro Jahr besuchen etwa 2000 Touristen das Land. Nur unter strengen Auflagen erhält man überhaupt ein Visum. Reiserouten werden vorgegeben, Touristengruppen werden streng bewacht, Bewegungsfreiheit gibt es nicht.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde Saparmyrat Nyýazow, ehemaliger Parteivorsitzender, zum Staatsoberhaupt. Der Machtmissbrauch des Präsidenten ging bis ins Absurde. Sein Buch „Die Ruhnama“ sollte seiner Ansicht nach das wichtigste Werk für die Turkmenen werden – wichtiger noch als der Koran. Der Inhalt selbst ist eine konfuse Schilderung der Geschichte des turkmenischen Volkes und seiner Heldenhaftigkeit. Nyýazow selbst sah sich als Nachfahre von Alexander dem Großen und dem Propheten Mohammed.

Das Buch wurde in allen Schulen und Universitäten zur Pflichtlektüre. Ein Arzt musste bei seiner Prüfung Kenntnisse über das Buch vorweisen. Wer die Führerscheinprüfung ablegen wollte, musste das Buch auswendigkennen. Es wurde in über vierzig Sprachen übersetzt. Unternehmen, die in Turkmenistan auf Aufträge spekulierten, ließen das Buch in ihre Landessprache übersetzen. 2006 starb Nyýazow plötzlich an Herzversagen und sein Zahnarzt Gurbanguly Berdimuchamedow ergriff das Zepter. Er führt den diktatorischen Regierungsstil seines Vorgängers fort.

Stadt der Superlativen: Aschgabat

Turkmenistan besteht zu achtzig Prozent aus Wüste. Mitten in der Wüste erhebt sich eine Stadt aus Marmor und Gold. Eine der surrealsten Städte der Welt lag vor uns: die Hauptstadt Aschgabat. Es ist eine Stadt der Superlativen: das größte Riesenrad der Welt, die größte Dichte an weißen Marmorgebäuden, das größte Gebäude in Form eines Vogels befinden sich hier unter anderem.

Vor zwanzig Jahren war es noch eine kleine sowjetische Garnisonsstadt.
Heute fährt man durch eine fast menschenleere Geisterstadt. Entlang riesiger Boulevards reihen sich Wohnblöcke aus italienischem Marmor. In der Stadt gibt es ein Wettkampf der Denkmäler, vor allem die der beiden Diktatoren. Gasreserven und Erdöl bescheren dem Staat hohe Geldeinahmen. Dennoch lebt der größte Teil der Bevölkerung in engen Wohnungen in Armut. Ein Studium kann sich kaum einer leisten. Dafür sind Gas, Strom, Wasser und Salz kostenfrei.

In Aschgabat empfing uns Alin Barbu vom rumänischen Konsulat. Wir wollten etwas über das Schicksal der rumänischen Minderheit erfahren. Barbu erzählte uns, dass offiziell weniger als hundert Menschen rumänischer Abstammung in Turkmenistan leben. Diejenigen, die in Zeiten der Sowjetunion aus der Republik Moldau hierher umgesiedelt wurden, haben das Land in Richtung Russland verlassen.

Nahe der iranischen Grenze soll es noch eine kleine evangelische Hausgemeinde geben. Diese kann sich nur im Verborgenen treffen. Außer der russisch-orthodoxen Kirche ist keine andere christliche Konfession in dem islamischen Staat geduldet. Leider konnten wir diese Gemeinde nicht aufsuchen.

Wir waren froh, die turkmenische Hauptstadt verlassen zu können, denn wir wurden auf Schritt und Tritt verfolgt und beobachtet. Außerdem war es uns untersagt worden, öffentliche Gebäude zu fotografieren. Wir machten noch einen Abstecher zum „Tor zur Hölle“, ein Krater, der seit 1971 aufgrund eines Unfalls durch entströmenden Gas in Flammen steht. Wir durchquerten die Karakum-Wüste – nach der Sahara die heißeste Wüste der Welt – und reisten in das nächste Land ein: Usbekistan.

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Uwe Seidner