Gegen den Strom: Evangelische Kirchengemeinden entlang der Seidenstraße – Teil 2

Evangelische Kirchengemeinden Usbekistan
Mit dem Kleinbus durch Zentralasien. Abenteuer bleiben da nicht aus. | Foto: Richard Rausch

Was kann man Besonderes in einem Jahr machen, in dem 500 Jahre Reformation gefeiert werden? Eine Gruppe junger Erwachsener aus den deutschsprachigen Gemeinden Wolkendorf und Heltau in Rumänien war zwei Monate lang mit dem Kleinbus auf der Seidenstraße unterwegs, um evangelische Gemeinden im Jahr der Reformation zu besuchen. In der DAZ berichtet Pfarrer Uwe Seidner in mehreren Teilen von ihrer Reise, die von Rumänien über den Iran und Zentralasien nach China führte.

Nachdem wir die Karakum-Wüste, nach der Sahara die heißeste Wüste der Welt, durchquert hatten, verließen wir Turkmenistan und reisten weiter nach Usbekistan. Wir planten, noch vor Abenddämmerung den Ort Muinak im autonomen Gebiet Karakalpakstan zu erreichen. Muinak war früher einmal der größte Hafen am Aralsee auf usbekischer Seite. In der örtlichen Fischkonservenfabrik waren einst dreißigtausend Menschen beschäftigt.

Ein Schiffswrack im ausgetrockeneten Aralsee.
Ein Schiffswrack im ausgetrockeneten Aralsee. | Foto: Autor

Hier konnten wir uns nun ein Bild davon machen, was Menschen anrichten könnten. Die Austrocknung des Aralsees ist die größte von Menschenhand verursachte Umweltkatastrophe der Geschichte. Der Aralsee ist nach und nach verschwunden. In den 1960er und 1970er Jahren hatten die sowjetischen Machthaber beschlossen, das Wasser des Amudarja, der Strom, der den Aralsee speiste, zur Bewässerung der extensiven Baumwollplantagen zu nutzen. Baumwolle ist noch immer eine der Haupteinnahmequellen des Landes.

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Alles für die Baumwollernte

Vor dem ehemaligen Hafen der Stadt Muinak liegen heute nur noch Schiffwracks. Der Aralsee ist auf ein Zehntel seiner ehemaligen Ausdehnung geschrumpft. An diesem traurigen Ort schlugen wir unsere Zelte für die Nacht auf. Mit dem Sonnenaufgang kamen auch die Kühe. Sie wetzten ihre Rücken an den Schiffwracks und zogen weiter Richtung „See“ um dort Sträucher zu fressen und Salz zu lecken. Wir brachen auf und kehrten zur Seidenstraße zurück. Allerdings wussten wir nicht genau, wie weit wir kommen würden.

Kaltar-Minarett in Chiwa, Usbekistan.
Kaltar-Minarett in Chiwa, Usbekistan. | Foto: Autor

Offiziell darf in Usbekistan kein Diesel verkauft werden – und unser Kleinbus ist ein Dieselfahrzeug. Sämtliche Dieselvorräte werden auf den Baumwollplantagen genutzt und sollen somit dem „Wohl der Gemeinschaft“ dienen. Während der Erntezeit wird die gesamte Bevölkerung zur Arbeit herangezogen, egal ob Lehrer oder Ärzte. In diesem Jahr hat Präsident Schawkat Mirzijojew erstmals zugegeben, dass es Zwangsarbeit in Usbekistan gibt. Die Ausreise der Einheimischen ist zur Zeit der Baumwollernte strengstens verboten.

Trotz des Verbotes kamen wir an den nötigen Treibstoff. Wir versuchten unser Glück hinter den „Tschaichanas“ (Teestuben), wo LKW-Fahrer halten, auf dem Schwarzmarkt, und manchmal auch in den Hinterhöfen der Nachbarschaft unserer Herbergen. Da wir erfolgreich waren, stand uns nichts mehr im Wege, der alten Seidenstraße in Richtung der Landeshauptstadt Taschkent zu folgen. Bezaubernd und atemberaubend waren die Städte der alten Seidenstraße Chiwa, Buchara und Samarkand. Ein Gefühl wie in 1001 Nacht. Vom Registan in Samarkand heißt es, er sei einer der schönsten Plätze der Welt. Samarkand war einst die Hauptstadt des Reiches von Timur Lenk, der im 15. Jahrhundert seine Eroberungszüge von China bis zum Mittelmeer führte.

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Die Kirche bleibt stehen

Am Vormittag des 3. September trafen wir in Taschkent ein, um dort mit der evangelischen Gemeinde den Sonntagsgottesdienst zu feiern. Deutsche Familien, die von der Wolga nach Taschkent gezogen waren, gründeten 1877 die erste evangelische Gemeinde in Zentralasien. Im Jahr 1896 erbauten sie ihre erste Kirche im neugotischen Stil. Heute gehört die Kirche zu den wenigen Gebäuden der Stadt, die unter Denkmalschutz stehen.

Pastorin Ludmilla Schmidt (r.) und Pfarrer Uwe Seidner (2.v.l.) im Gespräch mit Mitgliedern der evangelischen Gemeinde in Taschkent.
Pastorin Ludmilla Schmidt (r.) und Pfarrer Uwe Seidner (2.v.l.) im Gespräch mit Mitgliedern der evangelischen Gemeinde in Taschkent. | Foto: Richard Rausch

Nach dem großen Erdbeben von 1966 lag das alte Taschkent in Trümmern. Doch die Kirche stand weiterhin. In der sowjetischen Zeit wurde der Kirchturm abgetragen und die Kirche zweckentfremdet. Sie beherbergte die Verwaltung der Geologen, einen Hundezüchterverein und diente als Unterkunft für die Miliz. Mit der Wiedergründung der Gemeinde 1990 erhielt man die Erlaubnis, in diesem Gotteshaus wieder Gottesdienste zu feiern. 1994 wurden die Restaurierungsarbeiten abgeschlossen und die Kirche erstrahlte wieder in ihrem ursprünglichen Glanz.

Heute zählt die Gemeinde 300 Seelen. Pastorin Ludmilla Schmidt hielt den Gottesdienst zweisprachig ab, auf Russisch und Deutsch. Ein kleiner Kirchenchor trägt zur Gestaltung des Gottesdienstes bei. Im Kirchenchor singt Barbara Cates mit. Früher war sie im diplomatischen Dienst der amerikanischen Botschaft. Nun ist sie im Ruhestand. Taschkent ist ihr zweites Zuhause geworden und sie kommt, so oft es möglich ist, hierhin und nimmt aktiv am Gemeindeleben teil.

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Immer weniger Deutsche

Bei einem gemeinsamen Abendessen mit den Gemeindegliedern erfuhren wir mehr über die Belange der Gemeinde. 2015 wurde die Gemeinde fast von den staatlichen Behörden verboten. Dank des Einsatzes von Ludmilla und Viktor Schmidt, dem Gemeindevorsteher, konnte dieses Schicksal noch abgewendet werden. Heute bemüht sich die Familie um den Gemeindeaufbau.

Viktor Schmidt ist auch im deutschen Verein „Wiedergeburt“ aktiv. Die „Wiedergeburt“ kümmert sich um die Belange der deutschen Minderheit in den postsowjetischen Staaten. Ableger dieses Vereins gibt es auch in Buchara und Samarkand. Die Mitgliederzahlen sind in den letzten Jahren sehr stark gesunken. Während der Präsidentschaft von Islam Karimow, der das Land seit der Unabhängigkeit 1991 streng regierte und 2016 verstarb, haben viele alles darangesetzt, um nach Deutschland auszuwandern. Viktor Schmidt und seine Familie sind jedoch geblieben.