Gegen den Strom: Evangelische Kirchengemeinden entlang der Seidenstraße – Teil 6

Evangelische Kirchengemeinden entlang der Seidenstraße
Die Reisegruppe vor dem Kloster „Erdene Zuu”. | Bild: R.Richard

Was kann man Besonderes in einem Jahr machen, in dem 500 Jahre Reformation gefeiert werden? Eine Gruppe junger Erwachsener aus den deutschsprachigen Gemeinden Wolkendorf und Heltau in Rumänien war zwei Monate lang mit dem Kleinbus auf der Seidenstraße unterwegs, um evangelische Gemeinden im Jahr der Reformation zu besuchen. In der DAZ berichtet Pfarrer Uwe Seidner in mehreren Teilen von ihrer Reise, die von Rumänien über den Iran und Zentralasien nach China führte.

Zwischen der kasachischen und der mongolischen Grenze liegen gerade einmal 38 Kilometer. Dennoch muss man entweder erst China oder Russland durchqueren, um vom einen Land in das andere zu gelangen. Wir entschieden uns für die letztere Variante. Nach unserer Abreise aus Astana fuhren wir über das russische Altai-Gebirge zur mongolischen Grenze.

Unendliche Weiten

Die nächsten Tage sollten wir die guten Asphaltstraßen Russlands sehr vermissen, denn in der Mongolei gibt es fast nur Staubpisten. So kamen wir nur langsam voran. Und obwohl die Zeit in der Mongolei eben anders schlägt, mussten wir unseren Zeitplan einhalten – denn in der Hauptstadt Ulaanbaatar wartete das Flugzeug nach Peking auf uns.

Am meisten faszinierten uns die unendlichen Weiten des menschenarmen Hochlandes zwischen Russland und China. Gerade einmal drei Millionen Menschen leben in der Mongolei, die mehr als vier Mal so groß wie Deutschland ist. Fast die Hälfte der Einwohner hat sich in der Hauptstadt angesiedelt.

Die Viehzucht ist der größte Wirtschaftszweig des Landes. Über 800.000 Menschen ziehen auch heute noch von Lagerplatz zu Lagerplatz, um gute Weideplätze zu finden. Unterwegs fielen uns die vielen Pferdeherden auf. Angeblich leben in der Mongolei mehr Pferde als Menschen. Das Reittier ist der ganze Stolz der Nomaden und ihr Reichtum zugleich. Ein mongolisches Sprichwort sagt: „Wird ein Mongole von seinem Pferd getrennt, was bleibt ihm dann noch anderes übrig als zu sterben?“

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Die Rückkehr des Buddhismus

Am frühen Abend erreichten wir die Kleinstadt Gobi-Altai. Dort erwartete uns eine Überraschung: Ein Ärztekongress fand gerade in der Stadt statt und somit waren alle Hotels bereits ausgebucht. Die nächste Herberge, so sagte man uns, sei 400 Kilometer entfernt. Mitte September ist das Klima in der Mongolei schon sehr rau und kalt. Eine Nacht im Zelt hätten wir kaum durchgehalten. Als die nette mongolische Empfangsdame in unsere verzweifelten Gesichter blickte, machte sie uns jedoch noch den Vorschlag, im Konferenzraum des Hotels zu übernachten.

Auf dem weiteren Weg nach Ulaanbaatar machten wir einen Abstecher nach Charchorin. Unweit der Stadt liegen die Ruinen von Karakorum. Von hier aus regierten einst Dschingis-Khan und seine Nachfahren das Mongolische Reich. Mithilfe des Deutschen Instituts für Archäologie in Bonn bemüht man sich, die Spuren der alten Stadt wieder freizulegen. Wo man längere Zeit den Khan-Palast vermutet hatte, steht heute das buddhistische Kloster „Erdene Zuu“.

Es gehört mit Sicherheit zu einem der faszinierendsten Orte der Mongolei. Mit viel Aufwand wurde das Kloster restauriert, nachdem es unter dem stalinistischen Terror 1937 fast vollständig zerstört worden war. Nach 1990 konnte das Kloster wieder in Betrieb genommen werden und zieht heute viele Menschen an. Der Buddhismus hat im Alltag der Mongolen seinen Platz zurückerobert.

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Ulaanbaatar: Buchmesse zwischen Jurten und Hochhäusern

Auf der chinesichen Mauer.
Auf der chinesichen Mauer. | Bild: R.Richard

Pünktlich, einen Tag vor Abflug, erreichten wir Ulaanbaatar – die kälteste Hauptstadt der Welt. Die unzähligen Autos in der Stadt reißen einen zu der Annahme hin, dass die ganze Bevölkerung aus dem Hochland plötzlich in die Stadt hineinströme. In Ulaanbaatar trifft die Moderne auf Nomadentradition: Während das Zentrum der Stadt von neuen Hochhäusern geprägt ist, reihen sich in den Randbezirken Jurten zwischen Wohnblöcken.

In der Mongolei gibt es keine deutschsprachigen Gemeinden an sich, aber einige Menschen sprechen Deutsch. Michael Heinst, der Leiter des Goethe-Instituts in Ulaanbaatar, empfahl uns einen Besuch der Buchmesse am zentralen Sukhbataar Platz, wo auch das Parlamentsgebäude steht. Davor thront der Nationalheld Dschingis Khan.

Der ehemalige Präsident Tsakhiagiin Elbegdorzh hatte angeordnet, dass an jedem Samstag im September eine Buchmesse stattfindet. Seiner Meinung nach müssen die Mongolen mehr lesen. Der Andrang an den Bücherständen war riesig und vor allem die englisch- und deutschsprachigen Stände erfreuten sich großer Beliebtheit.

Chinesische Religionsfreiheit

In Ulaanbaatar ließen wir unseren Kleinbus stehen und bestiegen ein Flugzeug nach Peking – die letzte Station unserer „Seidenstraßen-Expedition“. In der chinesischen Hauptstadt erwartete uns Ralf Richter, Pfarrer der deutschen evangelischen Auslandsgemeinde. Er freute sich über unseren Besuch.

In China gibt es zahlreiche Religionen und Philosophien. Zu den weitverbreitesten gehören Buddhismus, Taoismus und Konfuzianismus. Doch auch das Christentum gewinnt immer mehr Gläubige hinzu. Zwar herrscht in China offiziell Religionsfreiheit, doch was als Religion gilt, entscheidet der Staat. So hat der Chinese nur die Wahl zwischen Buddhismus, Taoismus, Islam, Katholizismus und Protestantismus, wobei er sich davon gleich mehrere aussuchen
kann.

Während sich im westlichen Denken das Christentum in vielen Konfessionen entfaltet, gibt es in der chinesischen Wahrnehmung nur den Katholizismus und Protestantismus. Die erlaubten Religionen benötigen zudem eine sogenannte „Patriotische Vereinigung“. Diese geht auf das „Drei-Selbst-Prinzip“ zurück: Selbsterhaltung, Selbstverkündung und Selbstverwaltung. Dies soll vor allem dazu dienen, dass keine ausländischen Kräfte die Religionen für sich nutzen können.

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Die deutsche Gemeinde

Die Evangelische Gemeinde in deutscher Sprache in Peking hat einen besonderen Status und muss nicht das „Drei-Selbst-Prinzip“ erfüllen. Als Auslandsgemeinde ist sie der Evangelischen Kirche in Deutschland untergeordnet und genießt diplomatischen Schutz. Offiziell dürfen in ihr nur ausländische Staatsbürger Mitglied werden.

Schon im 19. Jahrhundert waren deutsche Missionare in China aktiv. Der erste deutsche Gottesdienst fand 1882 in Peking statt. Die Anzahl der Deutschen hatte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts vervielfacht und 1914 wurde in Peking eine deutsche Schule eröffnet. Mit der Machtübernahme von Mao Zedong 1949 nahm alles ein jähes Ende: Ausländische Pfarrer und Missionare mussten das Land verlassen, Gemeinden wurden aufgelöst oder dem „Drei-Selbst-Prinzip“ unterstellt.

1984 begann der deutsche Pfarrer Reinhard Gilster Reisen mit seelsorgerlichem Auftrag nach Peking zu unternehmen. Ihm gelang es sogar, dass im Haus der Botschaft 1993 der erste Gemeindekirchenrat gewählt wurde und es somit wieder eine evangelische Gemeinde in China gab. Heute dient Ralf Richter als Pfarrer in Peking. Er erzählte uns, dass die Zusammenarbeit mit der deutschen katholischen Gemeinde sehr eng ist. Die beiden Gemeinden sind nicht nur für Diplomaten und Botschaftsangestellte, sondern auch für zahlreiche deutsche Unternehmer ein Stückchen Heimat.

Den Kern des Gemeindelebens bilden die wöchentlichen Gottesdienste, die in dem Gebäude der Deutschen Botschaft stattfinden. Im Vorfeld unseres Besuches hatte Pfarrer Richter die Gemeindeglieder zu einem gemeinschaftlichen Abend mit unserer Gruppe eingeladen. Dort erzählten wir von unserer Heimatkirche in Siebenbürgen und den vielen Eindrücken, die wir auf unserer Reise bereits gesammelt hatten.

An diesem Abend lernten wir auch Bing Wang kennen. Er ist zwar kein Mitglied der Gemeinde, ist in dieser aber sehr aktiv und nimmt gern am Gemeindeleben teil. Bing studiert in Göttingen und spricht hervorragend Deutsch. Er übernahm die Aufgabe, uns in den kommenden Tagen zu helfen.

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Deutsche Unternehmer in Peking

Auf unserem Plan stand auch das Kennenlernen deutscher Unternehmer wie Peter Roessner. Er kam in den 1980er Jahren nach Peking und war in der Botschaft der DDR tätig. Zwar kehrte er nach der Wiedervereinigung nach Deutschland zurück, doch zog es ihn bald zurück nach Fernost. In Peking war er zunächst als Produktionsmanager in einer deutschen Metzgerei tätig; heute ist er Produktionsmanager in einer Firma, die Schallschutz für Energieanlagen und Kraftwerke herstellt.

Roessner erzählte uns, dass der chinesische Markt für deutsche Unternehmer sehr attraktiv sei. Mittlerweile gebe es zahlreiche deutsche Unternehmen in Peking. Beim Stammtisch in einer deutschen Brauerei tauschen diese sich regelmäßig aus. Roessners Büro befindet sich in einem der vielen Wolkenkratzer, von welchem aus wir die Skyline von Peking bewunderten. Der chinesische Nationalfeiertag stand bevor. Auf Anordnung der Regierung waren daher alle Fabriken abgestellt und der Himmel über Peking war ausnahmsweise klar.

Zum Abschluss unseres China-Aufenthaltes schauten wir bei der Chinesischen Mauer vorbei. Unsere Reise endete hier mit einem Spurt von 17 Kilometern zu Fuß über das Bollwerk.

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